WINDOWSHOPPING – Silvan Hagenbrock über die Schaufenster-Installation „Odyssee Berlin“

timroelofEin Abend vor der Schaubude am Schaufenster. Was sieht man da eigentlich und wie verstehen es die Passant:innen? Ein Erklärungsversuch.

Großstadtaffen, Menschwerdung, da mit den Affen, auch die Mauer, von allem etwas da. Die Protagonisten erkenne ich nicht, keine Ahnung, bin heute nicht so kreativ, ich muss einkaufen gehen. Da ist Hesse, Anfang 20. Jahrhundert, Dostojewski, James Joyce, Griechische Flagge, ich bin Grieche, aber warum ist die hier? Ist witzig, hatten sie mal einen Hund? Ist schon länger her. Da ist noch Obama, und wie heißt der Präsident da? Kennedy! Checkpoint Charlie, Sie verlassen Berlin. Kohle für den Keller, da haben ja sogar früher Menschen gewohnt. Englische Suppe! Es gibt in Berlin immer Vorder-, Neben, und Haupthaus. Die Belle Etage ist die beste Wohnung im 1. OG. Ist das nicht Heinrich Heine? Engels. Griechische Flagge, die haben ja hier viel gearbeitet, erst die Italiener, dann Griechen und dann Jugoslawen und Serben. Alle sind weg. Geschäfte verkauft und weg. Heute sind die Türken hier. Aus den Bergen bei Kurdistan. Ich bin nicht Nationalistin, ich bin interessiert Mensch zu sein.

Überall fliegen die Zeitungen rum, die Stadt ist so dreckig, hast du meinen Euro auf dem Boden gesehen? Goethe und Marx, Bornholmer Hütte, ist bestimmt hier, fragen Sie mich nicht, ich bin auch nicht von hier. Nofretete, ich muss weiter. Hohe Abstraktionsebene, da muss ich etwas drüber nachdenken, die Abstraktion der Verrücktheit der Berliner City. Es gibt die Bornholmer Straße, also war da vermutlich die Bornholmer Hütte, das hängt also von der Abstraktionsebene mit dem daneben zusammen. Ich bin 2001 zugezogen, habe früher in Düsseldorf gewohnt. Alte Häuser, schöne Straße, da ist die Leipzigerstraße mit ihren vielen vielen Geschäften damals. Toller als der Kurfürstendamm. Ja, das ist Berlin, die Geschichte. Alles ist da! Karl Marx ist überall, Karl Marx Allee, Karl Marx Straße, Goethe, deutsche Geschichte, die weiße Taube und der Berliner Bär und die Gründungsgeschichte Berlins mit dem Hugenotten, das Nikolai-Viertel kennen Sie? Dort gab es Konflikte um das Wasser am Damm für die Bewirtschaftung der Felder. Die Nofretete im Bode Museum steht für das Zentrum der Stadt mit dem Nikolai-Viertel daneben und dem Markt. Der Potsdamer Platz war damals das Herz der Stadt mit ihren Bordellen und Bäckereien. Heute ist es ganz schrecklich dort. Da ist die Bornholmer Hütte, sie steht für die Bornholmer Grenze, die sogenannte böse Brücke. Sehr gefährlich. Die tollen Häuser, nach dem Krieg, alles zerstört, zerstückelt, dann ist da gegenüber an der Ecke das Bruno Taut Viertel, sehen Sie? 300 m lang dort und 400 m lang dort, große moderne Wohnungen, mein Balkon ist sechs Meter lang. 62 m² für 240€ in 2001, 2004 saniert mit toller Küche dann jetzt hat Deutsche Wohnen gekauft und nimmt 920€ für Wohnung. Ich habe widersprochen und zahle nun 640€ warm. Sehr teuer, jetzt sind nebenan junge Leute eingezogen und sie waren glücklich, dass sie die Wohnung überhaupt bekommen haben. Die Affen da, das ist vielleicht das Affenland, ein Schlaraffenland!

Odyssee Berlin von Tim Roelofs ist im Schaufenster der Schaubude bis Januar 2019 zu sehen. Mehr zum Künstler: www.tachelesart.net/artists/tim-roeloffs/

Silvan Hagenbrock ist Urbanist und in der Klasse Social Design Arts as Urban Innovation an der Angewandten in Wien. Silvan initiierte das Kollektiv Raumstation Weimar-Berlin-Wien mit und ist freier Mitarbeiter des Programms STADTMACHER China — Deutschland und der Online-Redaktion des Goethe-Instituts Peking.