Die Lücken, die das Leben lässt. Sebastian Köthe über Ludomir Franczaks LEBEN UND TOD DER JANINA WEGRZYNOWSKA

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[Blogarchiv Theater der Dinge 2018: Von der verlorenen Zeit]

Wie nähert man sich einem fremden Leben an? Was weiß man nach einer gelungenen Annäherung über ein Leben? Wie verändert die Erinnerung das eigene Leben?

Diesen Fragen stellt sich Ludomir Franczak ausgehend von der polnischen Op-Art-Pionierin Janina Węgrzynowska (1930-2010), deren Stoffmuster, Firmenlogos und Fernsehgrafiken zwar Eingang in die meisten polnischen Wohnungen gefunden haben, die aber als Künstlerin und Person nahezu vergessen ist.

Ins Dachgeschoss des Podewil gedrängt, sehen wir erst einem Spezialisten auf Video zu, der enthusiastisch in Werk und Leben der Künstlerin einführt und gleichzeitig betont, wie viel wir nicht über ihre Arbeiten, Anschauungen und Werdegang nicht wissen. Je länger man ihn sprechen hört, umso mehr beginnt man sich zu fragen, zu wem er eigentlich spricht. Das Publikum – gibt es eines? – seines Vortrages bleibt unsichtbar: die Geschichtsschreibung ist eben nicht nur eine Sache des Erzählens, sondern auch des Zuhörens. Ist beides lückenhaft, weitet es sich zu einem Loch aus, in dem nicht mehr verständlich wird, warum die Dinge so geworden sind, wie sie sind.

Es folgt eine Passage mit Voice-Over sowie mit Text- und Bildschnipseln Franczaks, der an einem Pult hinter dem Publikum steht und diese live collagiert: „Ich sah ihren Rücken, wie er hinter einer Ecke verschwand.“ Franczak hat auch Węgrzynowskas Tagebücher studiert, die,  „in monotonem Rhythmus“, undurchdringliche Oberflächen bleiben, genau wie ihre Bilder. Angesichts der TV-Übertragung der Mondlandung fragt sie sich etwa, ob diese nicht unsere Phantasien vom Mond zerstörten. Welche inneren Bilder hatte sie vorher vom Mond gehabt? Es ist alles nicht herauszufinden. Das Objekt von Franczaks Suche bleibt selbst in den Funden so opak, dass es plötzlich ganz unmöglich scheint, etwas über das Leben einer anderen Person, ob vergangen oder lebend, zu sagen.

Auf dem Höhepunkt der Ratlosigkeit öffnet sich im Rücken des Publikums ein Vorhang, hinter dem ein Archiv aufgebaut ist, das Fotografien, Postkarten, Kunstwerke, Kaleidoskope, Figuren, Collagen, Dokumente, Installationen und mehr enthält, die aus Węgrzynowskas Leben stammen oder stammen könnten. Dieser Moment ist magisch. Anstatt Franczaks Recherche zu folgen, können wir selbst in den Materialien suchen und eigene Verbindungen ziehen. Nach diesem ästhetisch furiosen Moment lassen sich in fünfzehn Minuten des Stöberns sicher keine Antworten auf das Lebensrätsel Węgrzynowskas finden, aber neue Fragen verdichten sich: Was ist eigentlich die Zeitlichkeit nicht des Erinnerten, sondern des Erinnerns selbst? Lässt sich der voyeuristische Blick in ein fremdes Leben vom politischen Gedenken sauber unterscheiden? Welche Möglichkeitsräume der Gegenwart verlieren wir, wenn wir die Tatsächlichkeiten der Vergangenheit vergessen?

Im Falle Węgrzynowskas scheint es mir am Ende des Abends, dass die undurchdringlichen Oberflächen, die ihre Gemälde, Designs, Tagebucheinträge und Fotografien darstellen, gar nicht die Frage, sondern bereits die Antwort sind.

Sebastian Köthe ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Graduiertenkolleg „Das Wissen der Künste“ der Universität der Künste Berlin.

Foto: Das Węgrzynowskas-Archiv aus Leben und Tod der Janina Węgrzynowskas. Credit: Marcin Pietrusza.

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