Melancholie im Keller der Braut – Sebastian Köthe über Esther Nicklas‘ Hochzeitstanz

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Eben saß ich noch in Biografie von Karlsson Haus: drei Schauspieler*innen schreien, spielen Musik, zerreißen Tapeten, jonglieren Eier, schlagen Gummi-Hühner, und beschwören damit die tiefe Weltverzweiflung eines suizidal-hässlichen Entleins. In dem Moment war es mir noch nicht bewusst, aber meine Emotionen wurden erzeugt und getragen nicht nur vom Geschehen auf der Bühne, sondern auch vom Publikum im Dunkel um mich herum. Ich war Teil einer Gefühlsgemeinschaft.

Als mein Name aufgerufen wird, stehe ich gerade mit Freund*innen im Foyer und esse ein Stück Kokoskuchen. Hochzeitstanz sehe ich nun alleine. Eine Mitarbeiterin der Schaubude führt mich hinaus auf die Straße: es ist kalt. Schon auf dem kurzen Weg merke ich, dass ich ihr jetzt vertrauen muss: sie weiß den Weg, hat die Schlüssel, und ich sitze nicht anonym im Publikum, sondern laufe neben ihr. Über einen Hinterhof führt sie mich in den Keller der Schaubude. Ich steige, von Teelichtern geführt, die Treppen hinab und werde von Regisseurin Esther Nicklas hinter einen Vorhang gelotst. Ich setze mich auf einen einzelnen Stuhl, während sie vier Kerzen vor einem Portrait Tschaikowskis anzündet. Dann startet sie einen Schallplattenspieler vor mir und lässt mich allein zurück. Sehnsüchtige Musik erklingt. Mitten auf der Schallplatte steht eine im wahrsten, tierischen Sinne gehörnte Braut. Sie dreht sich mit dem Kreiseln der Schallplatte um die eigene Achse, tanzt verlassen ihren Hochzeitstanz, nur von ihrem Schattenspiel begleitet.

Das ist skurril, minimalistisch und gleichzeitig berührend: die Weltverlassenheit, das unausweichliche Drehen um sich selbst, die Rituale der Trauerarbeit. Ich merke, dass ich genauso verlassen bin wie die Gehörnte: von jedem Publikum getrennt, allein im kalten Keller der Braut, hinter einem Vorhang sitze ich auf einem Stuhl und sehe einer Figur zu, die sich auf einer Schallplatte um sich selbst dreht. Wie bin ich in diese Situation gekommen? Irgendwie bin ich nun die gehörnte Braut, separiert vom kollektiven Unbewussten eines theatral synchronisierten Publikums. Kein Lachen, Schniefen oder ungeduldiges Mit-den-Füßen-Scharren sagt mir, was ich fühlen soll: ich drehe mich allein um meine eigenen Gedanken und Gefühle, angestoßen von der kreiselnden Figur. Neben der sanften Choreographie von Schallplatte, Figur und Musik ist es meine Positionierung durch das Arrangement von Keller, Zeremonienmeisterin und Vorhang, die mich berührt. In der Melancholie des Stückes verbleibt ein Hauch von Selbstgenuss. Das Glück der Gehörnten ist die Abwesenheit ihrer Ziele. Ohne erfüllbare Wünsche darf man bleiben, wo man ist.

Zurück im Foyer entfaltet die Anordnung des Stückes weiter seine Wirkung: es ist für den heutigen Abend bereits ausgebucht, meine Begleitungen können es nicht mehr sehen. Ich kann es auch nachträglich nicht mit ihnen teilen. Schließlich erzähle ich ihnen vom Aufbau: Keller, Vorhang, Schallplatte, gehörnte Braut, ich. „Und“, fragt Daniel, „Du hast dann mit der gehörnten Braut getanzt?“ Ich verneine, und frage mich im stillen, wieso eigentlich nicht.

Sebastian Köthe ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Graduiertenkolleg „Das Wissen der Künste“ der Universität der Künste Berlin.

Hochzeitstanz von Esther Nicklas/Theater Textura war vom 09.11.-11.11. bei Theater der Dinge 2018 zu sehen.

Foto: Die gehörnte Braut. Credit: Esther Nicklas.

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