Schneestürme und Aschelawinen. Sebastian Köthe über „Bildraum“.

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Es spielt sich ab ohne Worte und verschlägt einem ganz die Sprache.

Die Fotografin Charlotte Bouckaert und der Architekt Steve Salembier haben auf der Bühne des Podewil architektonische Modelle aufgebaut. Überwiegend weiß, alles sehr präzise, man meint auch den Saal des Podewil unter den Räumen zu erkennen. Salembier manipuliert sie – mal verschiebt er eine Wand, mal setzt er Möbel ein – und Bouckaert fotografiert. Nach jedem Klick der Kamera wird das Bild auf eine Leinwand übertragen und bleibt dort so lange, bis das nächste geschossen wird. So stehen die architektonischen Miniaturen in Spannung zu ihren lebensgroß wirkenden, fotografischen Reproduktionen, und die zeitlich still gestellten Fotografien zu ihrem rhythmisierten Auftauchen und Verschwinden. Die Abfolge der Fotografien entfaltet so eine kinematographische Qualität, die am ehesten vielleicht an Chris Markers „photo-roman“ La Jetée erinnert. Obwohl wir beobachten können, wie sie produziert werden, können wir das vermeintliche Abbild mit seinem vermeintlichen Original kaum in Bezug zueinander setzen. Die kausale Ursache erklärt den ästhetischen Effekt nicht.

Das Unbelebte der Miniaturen verdichtet sich in den Fotografien zum Erstarrten, Untoten. Im Hintergrund hören wir Regen, Knacken, Poltern, unbekannte Mechaniken, später fallende Pingpong-Bälle. Irgendwo regt sich das Anorganische noch. Einmal verdichten sich die Geräusche zu einem unverständlichen Gespräch an einem Esstisch, Teller klirren, es wird gelacht. Diese Beschwörung des Menschlich-Lebendigen scheint vor allem ihre eigene Auslöschung vorzubereiten. Das stille Spiel mit den Räumen geht auf sein Ende zu, wenn Salembier beginnt, sie mit weißen Kügelchen und schwarzer Arsche zu befüllen. Im Großbild intensivieren sich diese einfachen Mittel, die im realen Vorgang trivial erscheinen, zu Schneestürmen und Aschelawinen: das Wohnzimmer zerstürmt, der Pool schwarz bedeckt, irgendwann nur noch Wege im Schnee. Als wir realisieren, was geschehen sein könnte, ist alles schon vorbei. Ist die Welt gerade vor unseren Augen untergangen?

Nach kaum mehr als 30 Minuten endet, die Redewendung ist hier ausnahmsweise ganz präzise, der Spuk. Alle sind begeistert, und keiner weiß so recht, wovon.

Foto: Charlotte Bouckaert und Steve Salembier in Bildraum. Fotocredit: Salih Kilic.