Das Teilen des Unteilbaren. Reflexionen nach „STAUB – DUST – אבק“ von Sebastian Köthe.

Zum Abschluss des Festivals werden die Erinnerungsspuren vierer Leben versammelt. Ari Teperberg und Inbal Yomtovian von Golden Delicious sowie Michael Vogel und Charlotte Wilde von Wilde & Vogel erzählen, musizieren, singen, rearrangieren sich im engen Spielkreis, unterbrechen und bestärken sich. Sie teilen intime Familiengeschichten: etwa von der Mikwe von Yomtovians Schwester, die das jüdische Reinigungsritual vor der Hochzeit im offenen Meer praktiziert hat; von dem Großvater Vogels, der Modellflugzeuge im Keller gebaut hat; von der diasporischen Familiengeschichte Teperbergs. Die Erzählungen werden begleitet von den giacomettihaften Figuren Vogels, die etwa einen rauchenden Großvater erahnen lassen, oder auch von auf der Bühne gebauten Objekten: so verwandeln sich zwei Plastiktüten mit Helium und Klebeband in schwebende Quallen. Neben den biografischen Erinnerungen rufen die Spieler*innen auch das kosmologische Ganze einer Art Universalgedächtnis auf: die Genealogie Teperbergs führt nicht nur zu seinen Eltern und Großeltern, sondern die ganze Menschheitsgeschichte zurück bis zum Urknall; Vogel weitet eine Erzählung über die Grenzen dieser Galaxie hinaus bis hin zu Riesensternen namens blue giant und red giant.

Im Publikum hat der Abend zu Gelächter, Szenenapplaus und einigen berührten Gesichtern geführt. Ich gebe zu, dass mir selbst die Geschichten fremd geblieben sind: ich habe ihre emotionale Bewegung nicht mitvollführen können, habe meine eigenen Geschichten nicht in die Leerstellen des Abends weben wollen. Während ich an sich gerne mehr über die orthodoxe Diät der Großmutter oder die Modellflugzeuge des Großvaters erfahren hätte, hatte ich nicht die Freiheit, meine eigenen Gefühlswelten dazu zu entwickeln, sondern den Eindruck, den vorgegebenen und vordefinierten Emotionalitäten der Sprecher*innen folgen zu sollen.

Die Distanz von den Erzählungen hat mir jedoch zum Schluss des Festivals noch einmal einen Horizont für ganz generelle Fragen nach der Erinnerungsarbeit an der verlorenen Zeit eröffnet: Was sind eigentlich die Voraussetzungen dafür, dass sich Erinnerungen teilen lassen? Woran erkennt man das gelungene Teilen von Erinnerungen? Warum ist es wichtig, Erinnerungen zu teilen? Und was ist das eigentlich, eine Erinnerung, wenn sie nicht ein authentisches, a-mediales, inneres Irgendetwas ist, sondern stets abhängig von Medien, Objekten, Sprache, Gesprächssituationen?

Meine Erinnerungen scheinen mir erst einmal das zu sein, was nur mir ganz nah, vertraut ist. Was Objekte, Gerüche oder Worte in mir wachrufen, in meinem Gegenüber aber nicht. Und gleichzeitig besitze auch ich selbst meine Erinnerungen nicht: sie kommen, wie von selbst, und sie sind mehr als bloße, sprachlich verfassbare Informationen (Emotionen, ein Eindruck von Wichtigkeit, das Bedürfnis sie hier und jetzt zu teilen). Gleichzeitig sind sie nicht nur in mir, sondern auch in einer seltsamen Zwischensphäre: zwischen mir und den Dingen, dem Bewusstsein und Unbewussten, dem Individuum und der Gesellschaft – weil Erinnerungen relational sind, können sie einerseits nicht so einfach und unmittelbar geteilt werden, und andererseits können sie deshalb überhaupt geteilt werden: weil der Andere Teil dieser Relationen werden kann.

Erinnerungen sind schnell eine geradezu solipsistische, selbst- oder gruppenbezogene Sache. Weil sie einem selbst so intensiv vor Augen steht, vergisst man schnell, wie absent sie für die anderen ist. Erinnerungen berühren heute, weil ihr Referent schon vorher einmal berührt hat. Wie groß ist also der zu überwindende Abgrund, wenn mich die Erinnerung eines anderen berühren soll. Daher kommt die Fragilität des Teilens von Erinnerungen, die Schwierigkeit ihrer Übersetzung und vielleicht auch die Angewiesenheit auf ästhetische Verfahren: die Dramaturgie einer guten Geschichte; die Materialisierung in Objekten; die Gleichnisse, die Unterschiedenes einen. Sie machen präsent, was nicht da ist und für die Zuhörer*innen nie da war. Und gleichzeitig gibt es keine Garantie, dass das Teilen von Erinnerungen etwas auslöst: es gibt kein Rezept, keine Formel. Die Faktizität der Erinnerung lässt sich mit Sicherheit teilen, ihr emotionaler Gehalt, ihre Dringlichkeit, ihr Sinn nicht.

Einerseits geht es im Teilen von Erinnerungen ja nicht darum, dass einer genau das fühlt, was eine andere zuvor gefühlt hat. Andererseits geht es schon um eine Form des Bezugs, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Mensch und Mitmensch. Es ist das Unsagbare und Unsichtbare der verlorenen Zeit, von welcher der Festivaltitel spricht, die das Sagen und Zeigen als ästhetische Formen und künstlerische Prozesse dringlich und notwendig machen. Die Absenz des Erinnerten macht seine (Neu-)Erfindung notwendig. So wie Erzähler*innen von Erinnerungen überwältigt werden können, so können Zuhörer*innen auch unberührt bleiben. Diese Erfahrung ist im Alltag geradezu selbstverständlich, man driftet eben ab, hört nicht mehr zu, geht davon. Im Theater, wo man (in der Regel) nicht einfach so flieht, sondern sich auch der Intensität des Unverständlichen oder Fremden aussetzt, wurde mir angesichts von „Staub“ deutlich, was beim Erinnern überhaupt auf dem Spiel steht: das Teilen des Unteilbaren, die Vergesellschaftung der Einzelnen, die Frage: wie zusammen leben?