Stella Konstantinou über „Don Quijote“

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wir sind so gut in der Zeit, die fünf Minuten machen doch nichts.*

Als erstes sehe ich und höre ich zwei Frauen auf der Bühne, die gleich über zwei sehr, sehr gründliche Themen sinnieren. Es sind im Prinzip zwei Dinge die das Leben, das Theater und das Leben mit dem Theater der Dinge ausmachen: Zeit und Vorstellungskraft. Und sie machen gleich Theater damit, von Anfang an. Denn sie handeln und verhandeln und spielen mit genau diesen zwei Dimensionen. Es geht um Don Quijote, das ist der Anlass welcher uns zusammenbringt: mit „uns“ meine ich Sigrun Kilger und Annette Scheibler, Don Quijote, Sancho Panza, ein Ross, ein Esel, das Publikum und eine eigensinnige Gitarre.

Geschichten vertreiben die Zeit*

Langsam und deutlich, verspielt und nebenbei strategisch, charmant und dabei sehr entspannt stellen sie uns ein kleines Problem vor, nämlich die Unmöglichkeit bzw. Herausforderung, ein Buch von 1400 Seiten, welches vor 400 Jahren verfasst wurde, in 50 Minuten zu erzählen. Und dabei nehmen sie sich Zeit. Erstmal eine rauchen. Für meine süd-ost-balkan-berliner Ohren wirkt ihr Akzent erdig, robust und seeehr viel Zeit habend, so was wie das Gegenteil von husch-husch. Und das setzen sie sehr genau ein, sie wissen wie und das ist ein Ding was mir im Theater immer wieder Freude bereitet: dieses, man weiß dass man weiß; diese Verabredung zwischen uns, jetzt, hier, in der gemeinsam zu verbringenden Zeit.

von heute bis zur Abschaffung des Papstes*

Sie rauchen also eine Zigarette. Die Zigaretten sind schmale selbstgedrehte, das Feuer kommt aus einem Feuerzeug das vielleicht mal war und jetzt gerade nicht zu sehen ist, aber es ist da, es kann noch anzünden. Genau so ist es mit dem Rauch: ich sehe ihn nicht, spüre ihn aber regelrecht, ich kann ihn mir sehr genau vorstellen, er ist eigentlich da, bewegt sich von der Bühne zum Saal. Die zwei Frauen genießen die Paar Minuten Ruhe, jede*r Genussraucher*in kennt diesen kurzen Moment des Glücks, vergleichbar mit dem ersten Schluck Kaffee, den ersten Happen Hammelbraten oder eben den ersten Biss aufs Kantenbrot. Sie merken ja, wir sind mitten in der Geschichte von Don Quijote. Denn er stellt sich Sachen vor und sie sind eben da und so reell dass es Konsequenzen gibt, meistens keine zu genießenden, sondern eine Menge Prügel und blaue Flecken und verlorene Zähne.

wenn du jedes Wort doppelt sagst, wirst du nie fertig*

Das Spiel mit den Dimensionen der Vorstellungskraft und der Zeit ist so klar, dass diese Dimensionen zu Dingen werden, also körperlich greifbar. Zeit zum Anfassen. Wir können unsere Zeit und unsere Vorstellungskraft anschauen und darüber lachen oder staunen oder uns ärgern oder uns verständigen. Und das ist ein wichtiges Ding welches Theater schaffen kann. Wie viel Kraft und Zeit braucht es, um sich etwas vorzustellen? Welches Spiel, wie viele Dinge, welche Verabredung, welche Haltung? Dieser Theaterabend erzählt viel darüber. Und am Ende sinniere ich über Don Quijote und Sancho Panza, wie blitzschnell der eine mit seiner Vorstellungskraft sein kann und wie der andere sich strategisch Zeit nimmt und alle 100 imaginierten Ziegen einer Geschichte durchzählt, um die Nacht und die Angst zu vertreiben.

*schnell aufgeschnappte Phrasen aus dem Stück…

Stella Konstantinou arbeitet als Künstlerin und Theaterpädagogin, konzipiert und realisiert Performance-, Erzähl- und Filmprojekte mit der Gruppe ex defekt , wie auch mit Kindern und Jugendlichen. Ihre künstlerischen Projekte beschäftigen sich insbesondere mit dem Erforschen von Alltagserfahrungen in ihrem politischen Kontext über somatische Verfahren wie auch dem Umgang mit elektrischen Haushaltsgeräten.

Don Quijote des Ensembles Materialtheater wurde am 14.11.18 im Rahmen des Festivals aufgeführt.

https://www.schaubude.berlin/spielplan/theater-der-dinge/don-quijote/

Foto: Heinrich Hesse

In der Mitte der Nacht steigt die Helligkeit nicht. Beate Absalon über „Chronik der Zukunft“

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Um überhaupt anfangen zu können, über „Chronik der Zukunft“, ein Werk über den Super-GAU in Tschernobyl, zu schreiben, greife ich zunächst etwas ratlos zu anderen als meinen eigenen Worten. In den tagebuchartigen Aufzeichnungen der österreichischen Autorin Ilse Aichinger findet sich die folgende Passage:

„Es kann immer noch finsterer werden. Es ist nicht logisch, dass in der Mitte der Nacht die Helligkeit steigt. Es wäre logisch, dass die Finsternis sich in sich fortsetzte, dass die Nacht keine Mitte hätte.“

An anderer Stelle heißt es, dass es „zuletzt die Tröstungen“ sind, „die uns untröstlich machen“. Vielleicht gelingt von hier aus eine Annäherung an das Stück, auch, weil es selber aus Zitaten besteht. Die Schauspielerin Yanna Rüger, in festlicher Abendrobe gekleidet, spricht ins Mikrofon und formuliert aus der Ich-Perspektive Monologe verschiedener Menschen, deren Leben von der Nuklearkatastrophe in der Ukraine gezeichnet wurde. Wie kommt es zu diesem „Es-spricht-sich-durch-mich“? Warum beschäftigt sich das Kollektiv „Infinite Cooperation“ überhaupt mit diesem historischen Ereignis? Die Antwort der Verbindung ist auf berührende Weise simpel. Die Bilder und Fragen des Reaktorunglücks scheinen sich der Schauspielerin aufgedrängt und ein Nachfragen und Erkunden eingefordert zu haben, da das Datum des GAUs mit dem Datum ihres Geburtstages (wenn auch mit 31 Jahren Abstand) zusammenfällt. Eine ungewählte biografische Verschränkung findet mit dem statt, was man nicht gewollt hat, was Jahre zurückliegt, das einen aber trotzdem merkwürdig persönlich adressiert.

Was Yanna Rüger dem Publikum mitteilt sind Zeitzeugenberichte, die Swetlana Alexijewitsch, eine weißrussische Schriftstellerin und Literaturnobelpreisträgerin die über mehrere Jahre mit Betroffenen des Ereignisses vom 26. April 1986 gesprochen hat, 1997 in ihrer Dokumentarprosa „Chronik der Zukunft“ gesammelt und literarisch bearbeitet hat. „Ich kann mich mit den Lebenden und mit den Toten unterhalten. Für mich macht das keinen Unterschied“ sagt da eine Person. Eine andere berichtet, dass sie seit dem Unfall eine andere Beziehung zu den Insekten und Bäumen hat. Oder es wird immer wieder die Irritation betont, dass Erde unter Erde begraben werden musste. Im Laufe der Inszenierung schnüren die intimen und detaillierten Berichte einem immer mehr die Kehle zu.

Und wenn mittendrin jemandem nochmals die Stimme geliehen wird, der oder die sagt, dass die Interviewerin abhauen solle, denn „ich möchte ja auch nicht mit ihrem Leiden Handel treiben oder darüber philosophieren!“, dann kann man die Widersprüche des Unterfangens, diese empfindlichsten und sensiblen Erfahrungsberichte auf die Bühne zu bringen und „interessant zu finden“ nur noch irgendwie aushalten.

Nach der Aufforderung abzuhauen, singt die Schauspielerin im Duett mit Musiker Thomas Jeker eine Art Ballade oder Schlaflied. Der englische Text ist Walter Benjamins Beschreibung eines Gemäldes Paul Klees entnommen:

„Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“

Noch ein Zitat, an dem man sich festhalten kann, weil es, zum Glück, nicht versöhnt. Und trotzdem: die Gefasstheit, die gewählten Worte – ein Vernunftergebnis – steht einem Widerfahrnis gegenüber, das doch vor allem auf das Unvermögen, die eigene Ohnmacht und das eigene Ausgeliefertsein zurückfallen lässt. Vielleicht spiegelt sich dies in der Puppe wieder, die der Schauspielerin gleicht, aber mit staunenden Augen und leicht geöffnetem Mund vor allem schweigt, in Erde wühlt, gefundene Streichholzschachteln und Löffel liebevoll in einer orbit-artigen Kugel verwahrt, den Kopf müde auf die wie zugeschneite Tischplatte bettet oder ungläubig gegenüber dem an sie gerichteten Geburtstagskuchen und Blumenstrauß dem Publikum trotzdem still summend zuprostet.

Beate Absalon promoviert am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin zu Konzepten um Passivität, Pathos und Passion.

„Chronik der Zukunft“ von Infinite Cooperation feierte am 13.11.18 im Rahmen des Festivals Deutschlandpremiere. https://www.schaubude.berlin/spielplan/theater-der-dinge/chronik-der-zukunft/

Den Schlusssong, Laurie Anderson „O Superman“, kann man hier hören und erinnern: https://www.youtube.com/watch?v=Vkfpi2H8tOE

Bild: Paul Klee, Angelus Novus, 1920 (Quelle: Wikimedia Commons / The Israel Museum, JerusalemCC BY-SA 3.0)

Premierenerfahrung von Mithra Zahedi zu „Flug Nr. 745“

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Heute Abend darf ich die Deutschlandpremiere des Stückes, „Flug Nr. 745“ aus dem Iran in der Schaubude besuchen. Ich bin ziemlich zeitig im Foyer des Theaters und warte. Nach einer Weile sehe ich eine sympathische Frau, die unauffällig hereinkommt. Das müsste die Regisseurin sein. Ich hatte vorher ein paar Fotos von ihr bei der Recherche über das Stück gesehen. Ich spreche sie unsicher an; Marjan Poorgholamhossein bejaht meine Frage nach ihrem Namen auf Englisch, worauf ich sie dann auf Farsi richtig begrüße. Sie müsse sich noch für die Premiere vorbereiten, sagt sie. Ich erwidere, dass ich dies gut verstehe und mich freuen würde, wenn sie nach der Vorstellung ein wenig Zeit für mich hätte.

Marjan Poorgholamhossein wird das Stück erzählen, während die anderen drei Spieler*innen die handgemachten Puppen bewegen und das Bühnenbild umbauen. In den Rezensionen iranischer Kulturnachrichten hatte ich gelesen; die Regisseurin, Erzählerin und Ideengeberin, Marjan Poorgholamhossein lässt aus Puppen, Film und realer Erzählung, eine Zeit der Erinnerungen zusammenpuzzeln. Ihr Projekt nennt sie Mikrotheater; eine Mischung aus Puppentheater und Filmprojektion. Die Geschichten werden in der Form von Erinnerung und Monologen aus ihrer persönlichen Welt gestaltet. Das Stück wurde bereits über 35 Mal im Iran und auch während zwei Festivals aufgeführt. Auch in Holland, Belgien und gestern in München wurde das Stück präsentiert.

Der Hauptsaal der Schaubude füllt sich, ein gemischtes Publikum, das man oft auf Festivals erlebt. Das Stück wird auf Farsi gespielt, mit Projektion englischer und deutscher Übersetzung.

Auf der Bühne hängt eine weiße Projektionsleinwand. Auf der linken Seite steht ein kleines niedriges Podest, worauf ein Stuhl steht; auch ein Koffer steht daneben. Die Erzählerin sitzt auf dem Stuhl und schläft. Auf der rechten Seite stehen drei Puppenspieler*innen im Halbdunkel, die sich um ein Bühnenmodell versammelt haben. Darin befinden sich einige kleine Puppen (2-12 cm hoch).

Auf der Leinwand erscheinen einige Informationen über die Folgen des Krieges zwischen Iran und Irak in den 80ern. Eine Million Menschen wurden getötet und 2,5 Millionen sind ausgewandert. Bis heute sind über 70% von ihnen nicht mehr in den Iran zurückgekehrt.

Die Erzählerin, Shaghayegh – Klatschmohn – sitzt im Flugzeug und erzählt, wie kalt es ihr gerade ist und dass von jeder Ecke der Lufthansa-Maschine kalte Luft nach innen drängt. Nach 30 Jahren fliegt sie von den USA in den Iran zurück, ins Land ihrer Kindheit, aus dem sie als sechsjährige mit den Eltern floh.

„Bahar“ – Frühling – heißt die Gasse, in der sie als Kind lebte. Musik ertönt; sie ist nun als kleine Puppe – groß auf der Leinwand – zu sehen und trägt einen weißen Schleier mit kleinen Blümchen, den Mama für sie genäht hatte. Die Familie ist gerade in das Haus mit den roten Ziegelsteinen eingezogen. Sie schaut in der Gasse herum, die Tür geht zu. Sie kann nicht klingeln, weil sie zu klein ist, sie wartet bis ein Nachbar für sie klingelt.

Mit ihren Augen sehe ich ihre Welt von damals; die Jungs, die Fußball spielen, den armenischen Nachbarn und andere. Vor allem bewundert sie Mohsen, einen sanften Jugendlichen. Er fragt sie, wie sie heißt und findet, dass sie einen schönen Schleier trägt.

Die Puppenspieler*innen bewegen konzentriert die Puppen und wechseln das Bühnenbild, während die Erzählerin erzählt. Der Nachbar im Flugzeug – den wir nur aus ihrer Erzählung kennen – bietet ihr eine Cola an aber das Getränk schüttet sie versehentlich auf seine Hose. Just in diesem Moment muss sie an das Glas mit Rosenwasser denken, das sie mitten in der Bahargasse von der Hand fallen ließ. Die Nachbarin meckerte aber Mohsen sagt, das sei nicht wichtig, Hauptsache sie hätte sich nicht verletzt. Die ganze Gasse duftet nach Rosenwasser.

Mohsen ist ihr Held und Beschützer. Immer wieder gibt es Augenblicke, wo er sie sanft unterstützt. Einmal hat er für sie das Gassenlicht angemacht und plötzlich sind 1000 farbige Sterne am Himmel.

Die Schauspielerin wechselt in der Erzählung fließend zwischen Kindheit und Jetztzeit. Sie nimmt mich mit – ohne eine Sekunde in den Kitsch zu verfallen. Auch wenn die Bilder beinahe kitschig scheinen mögen, ist sie in der Lage, das Schlichte und die kindliche Welt – gekonnt und mit einer Prise Humor – herbei zu zaubern.

Die Bilder, die sie aus dem Jetztzustand nimmt, holen sie in die Vergangenheit zurück. Einmal hebt sie beispielsweise einfach nur ihre Arme, um sich zu strecken und bemerkt, dass ihre Hände wie ein Adler aussehen, der seine Flügel schwingt. Das versetzt sie in die Erinnerung, als sie und alle Nachbarn in dem Keller versteckt sitzen, bis die Kriegssirene vorbei ist. Dort zaubert Mohsen Tiere durch das Schattenspiel herbei und eins davon ist der Adler mit den geöffneten Flügeln.

Shaghayegh und ihr Bruder essen auf dem Dach heimlich die Tomaten, die Mama für das Tomatenmark vorbereitet hat, als die Bombe mit voller Wucht fällt. Alle rennen zur Gasse, Mama sucht den zweitälteren Bruder, der gerade nicht da ist. Plötzlich erscheint er aus dem Haus. Mama gibt ihm eine Ohrfeige und beide umarmen sich dann und weinen miteinander.

Shaghayegh zweifelt daran, warum sie überhaupt zurückkehrt. Sie solle das Elternhaus verkaufen, aber wozu? Wem hilft das? Es kann auch so bleiben, wie es ist. Niemand wartete auf sie …

Sie ist angekommen, nimmt ein Taxi und macht die Augen zu, damit sie die Veränderungen auf den Straßen nicht sehen muss. Sie möchte alles in dem Zustand wieder entdecken, wie es damals war. Sie kommt in der Gasse an; die Häuser sind in Hochhäuser verwandelt. Nur ihr Familienhaus ist geblieben und das von dem Nachbarn gegenüber. Niemand ist da. Es schneit, so wie damals, als sie in der Früh wegfuhren. Mohsen hatte geholfen, dass ihr Auto anspringt. Seine Handspuren auf dem Auto hatte sie damals entdeckt. Das Auto fuhr endlich, Mohsen stand im Schnee unter dem gelben Licht und winkte ihr zu.

Shaghayegh sucht nun das Gassenschild, „Bahar“. Dort steht stattdessen; „Märtyrer Mohsen Mostavawi“.

So endet das 45minütige Stück, aber ich möchte, dass es weiter geht. Die Erzählung berührt mich in ihrer Schlichtheit und vielleicht, weil ich selbst zu dieser Generation der Auswanderer gehöre. Der zusprechende Applaus bringt mich wieder zu mir.

Das Stück ist für mich eine erzählende Poesie gegen den Krieg. Nicht mit lauten Parolen lehnt es den Krieg ab; es lebt von den Augenblicken zwischenmenschlicher Beziehungen. Es erzählt von Sehnsüchten und Bewunderungen kindlicher Augen, auf die keine Bombe fallen darf. Die Unschuld ist so rein, dass ich die Brutalität des Krieges wegzudrängen wünsche, obwohl sie jederzeit präsent ist.

Die Regisseurin hat das Stück allen Menschen gewidmet, die sich überall in der Welt gegen den Krieg, engagieren. Mit Tränen in den Augen habe ich sie umarmt und mich für das gelungene Stück herzlich bedankt.

Mithra Zahedi  machte in Teheran ihre Schauspiel- und Regieausbildung und schloss ihre Studien der Theaterwissenschaft, Politologie, Kunstgeschichte und später Theaterpädagogik in München und Berlin ab. Weiterbildungen in Gestalttherapie, Arbeit an div. staatlichen und freien Theatern in München, Wien, Köln und Berlin, u.a. bei George Tabori und Thomas Langhoff. Mehr als 29 Inszenierungen, vor allem in Berlin, Gründerin von drei Theatergruppen und Leiterin mehrerer vom Berliner Senat geförderter Theaterprojekte, von theaterpädagogischen Seminaren und Workshops. Vereinsarbeit, interkulturelle Arbeit mit Jugendlichen, Frauen, Arbeitslosen und Menschen mit Behinderung.

„Flug Nr. 745“ von Pouppe Theater wurde am 12. und 13.11. an der Schaubude aufgeführt.

Daniel Langes „Puppertätsmärchen“ als freies Weiterspinnen nach „SchmetterDinge“

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Es war einmal eine Schmetterlingspuppe, Osiris, die kam in die Puppertät. Die Puppertät ist eine schwierige Zeit. Das wissen wir alle. Haben wir auch schon gemacht, die Puppertät. Durchgemacht. Von vorne bis hinten. Zum auf die Wande steigen war das. Man puppertiert so vor sich hin. Die Schmetterlingspuppe hatte auch keine Lust drauf. Da muss man durch. Die Puppertät, das Nadelöhr des Lebens. Die Schmetterlingspuppe fliegt so von Hormohn zu Hormohn, ein furchtbarer Trip. Alles camouflagiert, eingepuppt in einen Kokon von Pickeln. Kein Wunder, dass man denkt, es wird kein morgen geben. Man muss sich ablenken. An die Zukunft denken, trotz allem. Die Schmetterlingspuppe wundert sich, ob es auch für die Schmetterlingspuppe ein süßes Püppchen gibt, am besten mit ganz großen Pupillen und natürlich vielen Pupplikationen. Ohne Pupplikation ist man heute ja nichts mehr. Wer nichts zu sagen hat, kann auch gleich eingepuppt bleiben. Gerade als Schmetterlingspuppe. Die muss sich pupplizieren, ihre Öffentlichkeit suchen. Eines Tages fand unsere Schmetterlingspuppe ihr Püppchen. Sie war süß wie Puderzucker. Sie hatten sich so viel zu sagen. Sie träumten von einem Puppenhaus mit Pudel. Aber ihr Glück wurde ihnen schnell fad. Ihr Puppengruppensein machte sie steif wie Puppsickels und schmolz dahin. Hing bald nur noch am seidenen Faden. Dann gab niemand mehr einen Pupps. Fading, fading. Eines Tages riss dann auch der letzte Faden und zwei Schmetterlinge sprangen aus ihrem Kokon. Happy End.

 

Daniel Lange promoviert am German Department der Brown University, Providence.

 

Die Lecture Performance mit Objekten „SchmetterDinge“ von Florian Feisel wurde vom 09. – 11.11. an der Schaubude aufgeführt. Die Objekte sind noch weiterhin im Foyer ausgestellt.

Beate Absalon über „Cases“/“Häuser“ von Xesca Salvà

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Kandor: Heimatstadt Supermans, die vom Bösewicht Brainiac auf Miniaturgröße geschrumpft und dann vom Superhelden zurückgewonnen, mit einer Glasglocke geschützt und auf seine „Fortress of Solitude“ gebracht wurde, wird im Laufe der Comicgeschichten als affektiv aufgeladener Rückkehrort dargestellt. In Zeiten der Melancholie zieht sich Superman auf die „Festung der Einsamkeit“ zurück und kümmert sich wehmütig-liebevoll um seine geschrumpfte Geburtstätte. Die sensible und emotional aufgeladene Miniaturstadt wird zur Projektionsfläche für privates Begehren und intime Erinnerungen. Der stärkste Mann der Welt: sogar er steht der schmerzvollen Verlusterfahrung vergangener Zeiten wehrlos und in isolierter Trauer gegenüber.

In den architektonischen Miniatur-Modellen auf dem Festival, die in „Bildraum“ und „Cases“ eine zentrale Rolle spielen, findet Erinnerung und Nostalgie jedoch nicht in einsamen Festungen am Ende der Welt statt. Kollektive Erinnerungen werden erlebt, geteilt und bearbeitet. Ein gemeinsamer geschichtlicher Horizont eröffnet sich, der aufgrund künstlerischer Reflexionsleistungen nicht restaurativ-konservativen Nostalgiesymbolisierungen verfällt.

Gleichzeitig erinnern die Miniatur-Modelle an die Häuschen aus Kindertagen, die man sich entweder aus Bausteinen selbst kreierte oder die in Form des Puppenhäuschens direkt bespielbar waren. Welche Geschichten hat man sich da erzählt? Welche Erlebnisse und Eindrücke mussten hier re-inszeniert und damit verarbeitbar werden?

So wie sich Superman um die Bewohner Kandors kümmert, bauen die Besucher*innen der installativ-interaktiven Arbeit „Cases“, nie allein und dank über Kopfhörer vermittelte Anleitungen, den Bewohnerinnen ihrer Miniaturwelten eine Bleibe oder lassen sie selber auf Raumschiffen fliegen.

Was besonderen Reiz auslöst: das Blicken. Man selber ist im Vergleich zu den Objekten überdimensional, darf ungestört durch Fenster lugen; die eigene Größe ermöglicht viel, wenn man zum Beispiel einfach das Dach abnehmen kann; aber dann verhindert es an anderen Stellen wieder das Sehen von Details oder das Blicken um eine verborgene Ecke herum. Nicht nur das Schauen in die Innenwelten der Orte ist besonders, auch das Beobachten anderer in versunkener Stille an den Häusern interagierender Spieler*innen ist richtig berührend.

Inwiefern diese Freude am Reinschauen immer auch mit der Lust am Voyeurismus spielt, das bekommt man nicht zuletzt im Miniatur-Haus zurückgespiegelt, in welchem unterschiedliche Geschichten und Eindrücke von Sexarbeiterinnen vorgestellt werden. Dieses Häuschen schaut auf besondere Art zurück. Die Medien des verspielten Hin-und-Hers zwischen Schauen, Verstecken und Zeigen sind nicht Mittel zum Zweck, um etwas bestimmtes zu erfahren. Sie sind Selbstzweck. Die Freude liegt bereits darin, die Jalousie langsam hochzurollen und wieder zu schließen. Das dahinter Erscheinende geniert sich nicht, sich ganz herzuzeigen, und bleibt gerade deswegen irgendwie selbstbewusst undurchdringlich. Der eine Art Erotik-Kino simulierende Raum, in welchem pornographische Hard-Core-Szenen gezeigt werden, zeigt sich ganz ohne Vorhang oder Schlüsselloch, als würde ausgerufen werden: ‚Willst du mein Geheimnis erfahren? Nun gut, betrachte diese völlige unverzeihliche Geheimnislosigkeit!‘ Der italienische Philosoph Giorgio Agamben beschreibt solche Momente als „Nacktheiten“, in denen dieses „schlichte Wohnen des Scheins in der Geheimnislosigkeit sein besonderes Zittern“ ausmacht, die auf nichts Verzaubertes hinweist „und ebendeshalb durchdringt.“

Nie skandalisierend, nie bemitleidend werden die auf den drei Stadien thematisierten Geschichten mit Zitaten der Frauen selber erzählt. Und es wird deutlich, dass es eigentlich um viele Superwomen geht.

 

Beate Absalon promoviert am Institut für Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin. Im Kollektiv „luhmen d’arc“ leitet sie Workshops um Themen kreativer Sexualität und Körperarbeit.

 

09.-11.11. und 14.-15.11.2018
immer im Anschluss an die Vorstellungen auf der kleinen Bühne der Schaubude.
Foto: Xesca Salvà

Jedes Ding ein Fossil. Drei Assoziationen zu El Solars „Tagebuch zwischen den Zeilen“

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„Wie immer ich die Dinge zu betrachten versuche, nie komme ich zur Ruhe. Ganz im Gegenteil, je mehr ich sie betrachte, desto unruhiger werde ich nicht nur für die Gegenwart, noch mehr für die Zukunft. Denn die Dinge in meiner Umgebung stehen nicht und bilden nur einen augenblicklichen Umstand. Sondern sie bewegen sich oder werden bewegt, und es gibt in meiner Umgebung immer Verschiebung. Mein Umstand verschiebt sich immer und ich muss immer in anderen Umständen leben.“

– Vilém Flusser: Dinge und Undinge. Phänomenologische Skizzen

„Der Mensch teilt sein eignes geistiges Wesen in seiner Sprache mit. Die Sprache des Menschen spricht aber in Worten. Der Mensch teilt also sein eignes geistiges Wesen (sofern es mitteilbar ist) mit, indem er alle anderen Dinge benennt. […] Wozu benennt? Wem teilt der Mensch sich mit? – Aber ist diese Frage beim Menschen eine andere als bei anderen Mitteilungen (Sprachen)? Wem teilt die Lampe sich mit? Das Gebirge? Der Fuchs? – Hier aber lautet die Antwort: dem Menschen. Das ist kein Anthropomorphismus. Die Wahrheit dieser Antwort erweist sich in der Erkenntnis und vielleicht auch in der Kunst. Zudem: wenn Lampe und Gebirge und der Fuchs sich dem Menschen nicht mitteilen würden, wie sollte er sie dann benennen? Aber er benennt sie; er teilt sich mit, indem er sie benennt. Wem teilt er sich mit?“

– Walter Benjamin: Über die Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen

„Bescheidene und sogar verworfene Objekte wurden zu Hieroglyphen, in deren dunklem Prisma die sozialen Verhältnisse in Bruchstücken eingefroren lagen. Sie wurden als Knotenpunkte verstanden, in denen sich die Spannungen eines bestimmten historischen Moments in einem Blitz der Erkenntnis entluden oder sich grotesk im Warenfetisch verkrampften. In dieser Perspektive ist ein Ding niemals nur irgendetwas, sondern ein Fossil, in dem ein Kräfteverhältnis versteinert ist […].
Wir sollten aufhören, zu erwarten, dass [die Sprache der Dinge] uns etwas über Essenz erzählt, und stattdessen erwarten, dass sie uns über Veränderung erzählt. Und wir müssen uns daran erinnern, dass die Praxis des Übersetzens [der Sprache der Dinge] nur dann Sinn macht, wenn sie jene anderen Formen der Verbindung, Kommunikation und Verhältnissetzung hervorbringt, die notwendig sind“.

Hito Steyerl – Die Sprache der Dinge

El Solar. Agentur der Objektdetektive
Vom 9. – 13.11.18 im Weinsalon, Schreinerstraße 59, 10247 Berlin

https://www.schaubude.berlin/spielplan/theater-der-dinge/tagebuch-zwischen-den-zeilen/

Foto: Handmixer RG 28s aus DDR-Produktion im DDR-Museum Pirna, CC-BY-SA-4.0