Marianne Fritz über den Eröffnungsabend „Biografie“ von Karlsson Haus

Kinder können nicht wählen, ob, wann und wo sie geboren werden. Genauso wenig schlüpfen Küken selbstbestimmt. – Anfangs richten sich drei hängende „Spiegel der Erinnerung“ auf uns, die Zuschauer. Oben im Theaterhimmel festgemacht sind auch die Dorfjacken, die Anatoly Guschin, Mikhail Shelomentev und Natalia Slascheva anlegen. In den Spiegeln wie dahinter treffen sie und wir mit Ihnen auf Hans Christian Andersens autobiografisches Kunstmärchen vom hässlichen Entlein, versetzt auf einen russischen Bauernhof: Kindheit, Sommer, weiter Himmel im Wasserspiegel des Badesees. Alles ist da. Aber Leichtigkeit will nicht aufkommen, denn mit dem Entlein zugleich schlüpft Melancholie aus seiner schützenden Eierschale.

Schön wie schmerzlich offenbart sich ihm die Welt da draußen. So fällt die Startrampe für den verlockenden Schwimmunterricht zusammen mit den vermeintlichen Artgenossen steil ab. Was alle anderen können, misslingt dem Protagonisten, er gehört nicht dazu.

In der Regie von Alexey Leiliavski erleben wir ein Entlein, dem erstmal nur Leid und Sehnsucht blieben, würde es nicht den ‚Ruf der Freiheit’ spüren. Es geht ihm nach, erlebt eine Ahnung davon, reift aber nicht wie bei Hans Christian Andersen zum weißen Schwan. Uns wird in der Inszenierung aus St. Petersburg gezeigt, wie kurz Freiheit währen und wie schnell sie wieder vergehen kann.

Bildnerisch reflektiert wird darüber eindrucksvoll in den halbtransparenten Spiegelflächen. Werden die Spiegel in Bewegung gesetzt, verschwimmt die Reflexion. Stehen die Spiegel still, wird sie begrenzt und eingefroren. Auf diese Weise bleibt die Entlein-Kreatur ein kleiner Krüppel in Gefangenschaft. – Ist das nicht furchtbar am Ende des Eröffnungsabends?

Hoffnung liegt beispielsweise in Tim Sandwegs Aufforderung zum Perforieren von Geschichte oder Einfangen von ‚verlorener Zeit’ während des Festivals. Den Gegenentwurf zur Entlein-Melancholie schenkt uns in diesem Sinn das Dreier-Team auf der Bühne. Mit seiner Energie, seiner Musikalität und Frische. Da sind sie, die Schwäne. Leinen los. Und Glück auf den Weg.

Marianne Fritz ist bildende Künstlerin und Erzählerin. Mehr Informationen unter http://www.marianne-fritz.de/.  

WINDOWSHOPPING – Silvan Hagenbrock über die Schaufenster-Installation „Odyssee Berlin“

timroelofEin Abend vor der Schaubude am Schaufenster. Was sieht man da eigentlich und wie verstehen es die Passant:innen? Ein Erklärungsversuch.

Großstadtaffen, Menschwerdung, da mit den Affen, auch die Mauer, von allem etwas da. Die Protagonisten erkenne ich nicht, keine Ahnung, bin heute nicht so kreativ, ich muss einkaufen gehen. Da ist Hesse, Anfang 20. Jahrhundert, Dostojewski, James Joyce, Griechische Flagge, ich bin Grieche, aber warum ist die hier? Ist witzig, hatten sie mal einen Hund? Ist schon länger her. Da ist noch Obama, und wie heißt der Präsident da? Kennedy! Checkpoint Charlie, Sie verlassen Berlin. Kohle für den Keller, da haben ja sogar früher Menschen gewohnt. Englische Suppe! Es gibt in Berlin immer Vorder-, Neben, und Haupthaus. Die Belle Etage ist die beste Wohnung im 1. OG. Ist das nicht Heinrich Heine? Engels. Griechische Flagge, die haben ja hier viel gearbeitet, erst die Italiener, dann Griechen und dann Jugoslawen und Serben. Alle sind weg. Geschäfte verkauft und weg. Heute sind die Türken hier. Aus den Bergen bei Kurdistan. Ich bin nicht Nationalistin, ich bin interessiert Mensch zu sein.

Überall fliegen die Zeitungen rum, die Stadt ist so dreckig, hast du meinen Euro auf dem Boden gesehen? Goethe und Marx, Bornholmer Hütte, ist bestimmt hier, fragen Sie mich nicht, ich bin auch nicht von hier. Nofretete, ich muss weiter. Hohe Abstraktionsebene, da muss ich etwas drüber nachdenken, die Abstraktion der Verrücktheit der Berliner City. Es gibt die Bornholmer Straße, also war da vermutlich die Bornholmer Hütte, das hängt also von der Abstraktionsebene mit dem daneben zusammen. Ich bin 2001 zugezogen, habe früher in Düsseldorf gewohnt. Alte Häuser, schöne Straße, da ist die Leipzigerstraße mit ihren vielen vielen Geschäften damals. Toller als der Kurfürstendamm. Ja, das ist Berlin, die Geschichte. Alles ist da! Karl Marx ist überall, Karl Marx Allee, Karl Marx Straße, Goethe, deutsche Geschichte, die weiße Taube und der Berliner Bär und die Gründungsgeschichte Berlins mit dem Hugenotten, das Nikolai-Viertel kennen Sie? Dort gab es Konflikte um das Wasser am Damm für die Bewirtschaftung der Felder. Die Nofretete im Bode Museum steht für das Zentrum der Stadt mit dem Nikolai-Viertel daneben und dem Markt. Der Potsdamer Platz war damals das Herz der Stadt mit ihren Bordellen und Bäckereien. Heute ist es ganz schrecklich dort. Da ist die Bornholmer Hütte, sie steht für die Bornholmer Grenze, die sogenannte böse Brücke. Sehr gefährlich. Die tollen Häuser, nach dem Krieg, alles zerstört, zerstückelt, dann ist da gegenüber an der Ecke das Bruno Taut Viertel, sehen Sie? 300 m lang dort und 400 m lang dort, große moderne Wohnungen, mein Balkon ist sechs Meter lang. 62 m² für 240€ in 2001, 2004 saniert mit toller Küche dann jetzt hat Deutsche Wohnen gekauft und nimmt 920€ für Wohnung. Ich habe widersprochen und zahle nun 640€ warm. Sehr teuer, jetzt sind nebenan junge Leute eingezogen und sie waren glücklich, dass sie die Wohnung überhaupt bekommen haben. Die Affen da, das ist vielleicht das Affenland, ein Schlaraffenland!

Odyssee Berlin von Tim Roelofs ist im Schaufenster der Schaubude bis Januar 2019 zu sehen. Mehr zum Künstler: www.tachelesart.net/artists/tim-roeloffs/

Silvan Hagenbrock ist Urbanist und in der Klasse Social Design Arts as Urban Innovation an der Angewandten in Wien. Silvan initiierte das Kollektiv Raumstation Weimar-Berlin-Wien mit und ist freier Mitarbeiter des Programms STADTMACHER China — Deutschland und der Online-Redaktion des Goethe-Instituts Peking. 

 

„… was von der Vergangenheit übrig bleibt, sind Dinge.“ – Ein Gespräch mit Tim Sandweg

tdd_2018_TagebuchBevor das Festival so richtig los geht, haben Beate Absalon und Sebastian Köthe Tim Sandweg, künstlerischer Leiter des Festivals und Intendant der Schaubude, einige Fragen zur diesjährigen Edition von „Theater der Dinge“ stellen können:

Das Festival „Theater der Dinge 2018 – Von der Verlorenen Zeit“ kreist um die Themen des Erinnerns, der Zeitzeugenschaft und der Hinterlassenschaft. Warum ist das hier und heute ein wichtiges Thema?

Unsere Festivalthemen sind ja immer das Ergebnis von vielen Vorstellungsbesuchen und Gesprächen mit Künstler*innen und es war doch auffällig, dass uns sehr viele Projekte begegnet sind, die sich mit der Frage nach der Vergangenheit beschäftigten. Das ist, wenn man sich die politische Lage in Europa oder auch weltweit anschaut, vielleicht auch gar nicht so verwunderlich, denn Erinnerung, Geschichte, das hat ja immer auch etwas mit Identitätspolitiken zu tun, gerade wenn wir von nationalen Identitäten sprechen. Und der Kampf um die Deutungshoheit über die Erinnerung, der tobt ja bereits. Ich denke da an Museumsdirektionen, die zum Beispiel in Polen oder Ungarn neu besetzt werden, um die Vergangenheit im Sinne einer neuen Regierung zu erzählen und darüber eine nationale Identität zu formen. Aber auch wenn wir nach Deutschland blicken: Wie wird denn eigentlich die ostdeutsche Vergangenheit erzählt? Doch eigentlich auch meistens aus Perspektive der „alten“ Bundesrepublik. Ich denke, dass diese Narrative, die ja immer die Geschichtsschreibungen der Gewinner*innen sind, maßgeblich zu den sozialen Spannungen beitragen, mit denen wir heute konfrontiert sind.

Dem Blick in die Vergangenheit haftet oft etwas Konservatives oder sogar Lähmendes an. Müssen wir der titelgebenden „verlorenen Zeit“ nachtrauern – oder gibt es etwas Progressives am Zurückschauen?

Dieser Satz, dass früher alles besser war, erzählt natürlich wahnsinnig viel über unser Heute. Ich empfinde ihn als eine Art Hilferuf: Man wünscht sich etwas zurück, was es natürlich so nie gab, was es so nur in der Erinnerung gibt. Aber man hat den Eindruck, die Vergangenheit kann man irgendwie überblicken, im Gegensatz zur Gegenwart. Uns geht es darum, genau diese Eindeutigkeit, die offizielle, aber durchaus auch partikulare Geschichtsschreibung behauptet, in Frage zu stellen: Wir haben es mit Erzählungen, mit Deutungen, letztlich mit performativen Prozessen zu tun. Und die eingeladenen Künstler*innen interessiert, den offiziellen Strängen alternative Geschichtsschreibungen entgegen zu stellen und damit die Vergangenheit etwas, nunja, zu perforieren.

Was hat es mit dem Titel auf sich. Bei Proust ist es ja die Suche nach der verlorenen Zeit. Ihr habt die „Suche“ nun fallen gelassen und handelt nur noch „Von der verlorenen Zeit“. Findet die Suche auf der Bühne ihre Erfüllung oder ist sie hoffnungslos?

Wir haben ja nicht nur die „Suche“ aufgegeben, wir haben auch das „nach“ in ein „von“ gewandelt. Die Inszenierungen erzählen eben „davon“ – natürlich in ganz vielen Fällen, indem sie die Suche verhandeln: La Bande Passant erzählt ihre Suche nach einer Person aus einem zufällig gefundenen Fotoalbum, Ludomir Franczak stellt seine unglaublich umfangreiche Recherche um eine heute vergessene polnische Op Art-Pionierin aus. Vielleicht ist eher die Frage, ob die Suche jemals enden kann, die verlorene Zeit ist ja vielleicht in dem Sinne verloren, dass sie nicht mehr greifbar dafür aber offen für Interpretationen ist.

Hat das Figurentheater eine besondere Fähigkeit, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen?

Das, was von der Vergangenheit in aller Regel übrig bleibt, sind ja Dinge. Und diese Dinge werden dann ausgestellt und kontextualisiert, um eine Geschichte, um die Geschichte zu erzählen. Das ist für meine Begriffe recht nah an dem, wie Figuren- und Objekttheaterschaffende arbeiten, wobei aber beim Figurentheater der Prozess der Narration immer offen liegt und im Dialog zwischen Mensch und Material hinterfragt werden kann. Das finde ich gerade spannend, dadurch stellt man die Geschichte, die man erzählt, auch sofort wieder in Frage.

Viele Stücke kreisen um konkrete Medien der Erinnerung: Videokassetten, Fotoalben, Flohmärkte oder Tagebücher. Wie unterscheidet sich eine theatrale Arbeit mit diesen Gegenständen vom bloß persönlichen Gebrauch? Wie entsteht etwas Mehr-als-Privates?

Der Ansatzpunkt ist ja auf der Bühne oder im Privaten vergleichbar: Ein Ding löst Erinnerungen aus. Vermutlich kennen wir das alle, wir finden etwas im Keller wieder und erinnern uns an etwas, was scheinbar im Gedächtnis verloren war. Gerade bei diesen sehr privaten Gegenständen ist es natürlich interessant, wenn sie öffentlich werden: Ich denke da an das besagte Fotoalbum, aber auch an die Filme aus dem Groninger Amateurfilmclub, die bei „Smalfilm“ eingesetzt werden. Das sind ja eigentlich alles Dinge, die für einen privaten Kontext bestimmt waren, die jetzt auf der Bühne aber plötzlich über sich hinauswachsen, eben weil sich Künstler*innen mit ihnen beschäftigen und sich die Biographien von Mensch und Ding verbinden.

Hast Du einen Geheimtipp für die Besucher*innen, was dürfen sie auf keinen Fall verpassen?

Diese Frage ist für mich immer sehr schwer zu beantworten – gerade in diesem Jahr bin ich sehr glücklich mit dem Programm. Natürlich gibt es Produktionen, die mir persönlich vielleicht sehr nah sind – ich denke da an „Bildraum“, wo man in einen Bilderstrom zwischen Architektur und Fotografie gezogen wird und leere Räume sich mit eigener Imagination füllen. Oder bei „Chronik der Zukunft“ – das ist vielleicht das Projekt, das mich am längsten beschäftigt hat, weil es die Tschernobyl-Katastrophe konzeptionell sehr intelligent an eine private Biographie bindet und auf ganz fantastische Weise Puppenspiel, Schauspiel und Musik zusammenführt. Und natürlich freue ich mich sehr, dass die Agentur der Objektdetektive „El Solar“ für uns forschen konnte – ich war gestern im Spielort im Weinsalon in der Schreinerstraße, mir wurde aber noch nichts verraten.

Foto: El Solar