Papier vivant. Ulrike Koppermann über „Vies de Papier“.

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Ein Zufallsfund vom Flohmarkt hat die Theatermacher Benoit Faivre und Tommy Laszlo in den Bann geschlagen. Es ist das Fotoalbum einer Unbekannten, deren Geschichte sie in „Vies de Papier“ zu rekonstruieren versuchen.

„Comment décoller?“

Das Album ist groß und sehr dick, die Seiten sind aus festem Karton, der Einband aus rotem Leder. Die Seiten sind mit arrangierten Fotos sorgsam gestaltet und mit kleinen Zeichnungen versehen. Es wirkt unnahbar, ein Gesamtkunstwerk, das nur genau so bestehen kann.

Dann aber nehmen Benoit und Tommy den Föhn, die heiße Luft löst den Kleber. Postkarten werden herausgetrennt, Adressen lesbar. Das hermetische Äußere löst sich auf und ein System von Verweisen entfaltet sich.

 „Weltgeschichte im Album“

Es ist das private, persönliche Album von Christa, es enthält Auszüge, Fotografien und Postkarten aus ihrer Lebens- und Familiengeschichte, von ihrer Geburt bis kurz nach ihrer Hochzeit. Die ersten Seiten mit Babyfotos wirken zeitlos.

Doch dann erinnert eine Hakenkreuzflagge am Strand von Zinnowitz an die Weltgeschichte. Nur wenige Millimeter nimmt es ein, das kleine, beredete Symbol am Ostseesommerhimmel. Weitgehend können die Deckel des Albums ein Eindringen der Geschichte in die Bilderwelt abwehren. Christa selbst war dieser Weltgeschichte ausgesetzt, Regensburg wurde bombardiert, ihr Vater starb an der Front.

„Ich zeige nicht mehr mit dem Finger auf ihn.“

Christas Vater war Hauptmann bei der Luftwaffe. Ein Portrait zeig ihn in Uniform am 14.9.1939. Tommys Vater hilft, das Datum einzuordnen: Zwei Wochen nachdem Deutschland Polen angriffen hatte.

Später, als die beiden sich Christas Leben annähern, weicht das Urteil über einen, der sich dem NS-Regime in den Dienst stellte, auf. Wird auch der Vater zu einer realen Person, stellen sich ihnen neue Fragen: Was hat ihn bewegt, das zu tun?

„Fouiller dans la vie des autres.“ – „Quel est mon intérêt?“

Es ist spannende historische Detektivarbeit, ein Puzzle, bei dem sich stückweise eine Biografie ausformt. Es ist ein Eindringen in die Privatsphäre von jemandem, die nie darum gebeten hat und nie davon erfahren wird. Es ist die Anteilnahme an einem jungen Mädchen, das während des Kriegs aufwächst. Es ist eine Bestattung eines Albums, das Irrwege nahm, bevor es seine Finder am Grab seiner Besitzerin niederlegen. Es ist die assoziative Besinnung auf die eigene Familiengeschichte und deren Offenbarung vor Theaterpublikum.

„Ich bin mir ganz sicher.“

Ganz sicher, so denken Benoit und Tommy, hat Christas Ehemann George das Album in Gedenken an seine Frau gefertigt, die zwei Jahre vor ihm verstarb. Eine rührende, romantische Vorstellung und eine neue Nuance in der Wahrnehmung des Albums. Nein, sagt der Genealoge, den George mit der Rekonstruktion seiner eigenen Familiengeschichte beauftragt hatte, das wird er nicht gemacht haben, denn sein eigenes genealogischen Projekt bestand aus historischen Akten.

Legte Christa das Album an, als sie nach dem Tod ihrer Mutter die alten Fotos fand? Wiederum verschiebt sich die Interpretation des Albums und die Annahme über den persönlichen Wert, den es für seinen Autor oder seine Autorin hatte.

***

Wir stehen im Foyer, das Stück ist nur scheinbar vorbei. Ich erzähle von Fotos und Briefen meiner Großeltern, die ich nach ihrem Tod das erste Mal sah. Eine andere erzählt von ihrer Großmutter, die das Foto einer Geliebten ihres Mannes aufbewahrte – einfach weil die Frau so außerordentlich schön war. Wir sind die nächste Szene der ansteckenden, sich immer weiter verflechtenden Erinnerung, ohne Scheinwerfer.

Ulrike Koppermann ist Doktorandin am Historischen Institut der Justus-Liebig-Universität Gießen

Foto: Benoit Faivre und Tommy Laszlo mit Ausdrucken des Fotoalbums. Credit: Thomas Faverjon.

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