In der Mitte der Nacht steigt die Helligkeit nicht. Beate Absalon über „Chronik der Zukunft“

Klee-angelus-novus

Um überhaupt anfangen zu können, über „Chronik der Zukunft“, ein Werk über den Super-GAU in Tschernobyl, zu schreiben, greife ich zunächst etwas ratlos zu anderen als meinen eigenen Worten. In den tagebuchartigen Aufzeichnungen der österreichischen Autorin Ilse Aichinger findet sich die folgende Passage:

„Es kann immer noch finsterer werden. Es ist nicht logisch, dass in der Mitte der Nacht die Helligkeit steigt. Es wäre logisch, dass die Finsternis sich in sich fortsetzte, dass die Nacht keine Mitte hätte.“

An anderer Stelle heißt es, dass es „zuletzt die Tröstungen“ sind, „die uns untröstlich machen“. Vielleicht gelingt von hier aus eine Annäherung an das Stück, auch, weil es selber aus Zitaten besteht. Die Schauspielerin Yanna Rüger, in festlicher Abendrobe gekleidet, spricht ins Mikrofon und formuliert aus der Ich-Perspektive Monologe verschiedener Menschen, deren Leben von der Nuklearkatastrophe in der Ukraine gezeichnet wurde. Wie kommt es zu diesem „Es-spricht-sich-durch-mich“? Warum beschäftigt sich das Kollektiv „Infinite Cooperation“ überhaupt mit diesem historischen Ereignis? Die Antwort der Verbindung ist auf berührende Weise simpel. Die Bilder und Fragen des Reaktorunglücks scheinen sich der Schauspielerin aufgedrängt und ein Nachfragen und Erkunden eingefordert zu haben, da das Datum des GAUs mit dem Datum ihres Geburtstages (wenn auch mit 31 Jahren Abstand) zusammenfällt. Eine ungewählte biografische Verschränkung findet mit dem statt, was man nicht gewollt hat, was Jahre zurückliegt, das einen aber trotzdem merkwürdig persönlich adressiert.

Was Yanna Rüger dem Publikum mitteilt sind Zeitzeugenberichte, die Swetlana Alexijewitsch, eine weißrussische Schriftstellerin und Literaturnobelpreisträgerin die über mehrere Jahre mit Betroffenen des Ereignisses vom 26. April 1986 gesprochen hat, 1997 in ihrer Dokumentarprosa „Chronik der Zukunft“ gesammelt und literarisch bearbeitet hat. „Ich kann mich mit den Lebenden und mit den Toten unterhalten. Für mich macht das keinen Unterschied“ sagt da eine Person. Eine andere berichtet, dass sie seit dem Unfall eine andere Beziehung zu den Insekten und Bäumen hat. Oder es wird immer wieder die Irritation betont, dass Erde unter Erde begraben werden musste. Im Laufe der Inszenierung schnüren die intimen und detaillierten Berichte einem immer mehr die Kehle zu.

Und wenn mittendrin jemandem nochmals die Stimme geliehen wird, der oder die sagt, dass die Interviewerin abhauen solle, denn „ich möchte ja auch nicht mit ihrem Leiden Handel treiben oder darüber philosophieren!“, dann kann man die Widersprüche des Unterfangens, diese empfindlichsten und sensiblen Erfahrungsberichte auf die Bühne zu bringen und „interessant zu finden“ nur noch irgendwie aushalten.

Nach der Aufforderung abzuhauen, singt die Schauspielerin im Duett mit Musiker Thomas Jeker eine Art Ballade oder Schlaflied. Der englische Text ist Walter Benjamins Beschreibung eines Gemäldes Paul Klees entnommen:

„Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“

Noch ein Zitat, an dem man sich festhalten kann, weil es, zum Glück, nicht versöhnt. Und trotzdem: die Gefasstheit, die gewählten Worte – ein Vernunftergebnis – steht einem Widerfahrnis gegenüber, das doch vor allem auf das Unvermögen, die eigene Ohnmacht und das eigene Ausgeliefertsein zurückfallen lässt. Vielleicht spiegelt sich dies in der Puppe wieder, die der Schauspielerin gleicht, aber mit staunenden Augen und leicht geöffnetem Mund vor allem schweigt, in Erde wühlt, gefundene Streichholzschachteln und Löffel liebevoll in einer orbit-artigen Kugel verwahrt, den Kopf müde auf die wie zugeschneite Tischplatte bettet oder ungläubig gegenüber dem an sie gerichteten Geburtstagskuchen und Blumenstrauß dem Publikum trotzdem still summend zuprostet.

Beate Absalon promoviert am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin zu Konzepten um Passivität, Pathos und Passion.

„Chronik der Zukunft“ von Infinite Cooperation feierte am 13.11.18 im Rahmen des Festivals Deutschlandpremiere. https://www.schaubude.berlin/spielplan/theater-der-dinge/chronik-der-zukunft/

Den Schlusssong, Laurie Anderson „O Superman“, kann man hier hören und erinnern: https://www.youtube.com/watch?v=Vkfpi2H8tOE

Bild: Paul Klee, Angelus Novus, 1920 (Quelle: Wikimedia Commons / The Israel Museum, JerusalemCC BY-SA 3.0)

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