In unserer Recherche ging es uns darum, eine Bild-und Klangsprache zu finden, mit der wir Figurentheaterstücke erarbeiten können, die sowohl für ein sehendes als auch für ein nur hörendes Publikum zugänglich sind. Das narrative und inklusive Potenzial einer solchen Wechselwirkung erprobten wir anhand von Motiven aus dem Märchen der kleinen Meerjungfrau.

Um das Zusammenspiel von Klang- und Lichtbildern zu erforschen, experimentierten wir zunächst damit, wie sich Geräusche analog und mit technischer Verstärkung auf und über die Bühne bewegen lassen, so dass in Interaktion mit dem Raum und den Spieler*innen Orte, Zustände oder sogar unsichtbare Figuren entstehen und animiert werden können. Dann suchten wir visuelle Übersetzungen für die gefundenen Klangbilder und arbeiteten dabei mit verschiedenen Lichtquellen und Minibeamern auf beweglichen Projektionsflächen. Schließlich ging es uns darum herauszufinden, wie wir Klang und Licht so verflechten können, dass sie sich gegenseitig ergänzen oder widersprechen, also in Interaktion treten. Dabei beschäftigten uns unter anderem diese Fragen:

Wie viele visuelle Geschichten stecken in einem Klangbild? Wie viel Dopplung ist nötig? Auf welche Weise muss eine Geschichte visuell und auditiv erzählt werden, damit sie sich, auch unter Ausschluss eines der beiden Sinne, transportiert?

Zuletzt wendeten wir die gefundenen Mittel auf das Motiv der kleinen Meerjungfrau an, das für ein Sich-Anders-Fühlen und Anderssein steht, aber auch ein Sinnbild für Projektionen bzw. Bilder ist, die wir uns von etwas Unsichtbarem, Unerreichbarem machen.

Schlaglichter unserer Padlet-Dokumentation des Recherche- und Probenprozesses:

SZENENENTWURF I

Das Publikum betritt den Saal. Im Saal liegt die Fadenkonstruktion auf dem Boden. Drumherum sind 3 Lautsprecher aufgestellt. Um die Lautsprecher befinden sich jeweils Stühle, sodass sich das Publikum kreisförmig an 3 Stationen um die Bühne verteilt.

Das Licht ist gedimmt. Links und rechts stehen Franz und Liesbeth. Sie tragen weiße Kleidung, sehen funktionell aus. Beide haben jeweils ein Ende eines Fadens in der Hand.

Die Saaltür schließt sich. 

Spot auf Lautsprecher 1 und das Fadengerüst. Wir hören ein Zwiegespräch der Lautsprecher.

Lautsprecher 1: Warum die Entscheidung wohl so gefallen ist, wie sie gefallen ist?
Lautsprecher 2 + Spot: Es wird wohl einen Grund geben
1: Einen Grund?
3 schaltet sich dazu: Es gibt immer einen Grund. 
Schweigen
2: Vielleicht muss man das auch gar nicht bewerten.
1: Vielleicht kann man das auch gar nicht.
Schweigen.
3: Nur fest steht, dass ich nicht schwimmen konnte.

Ein Lied ertönt. Es läuft das Instrumental von Sea calls me home – Julia Holter, noch ohne Text: 
Langsam werden Fragmente des Textes mitgesungen (live oder die Boxen singen?):



Liesbeth und Franz treten währenddessen ein paar Schritte nach vorn, schauen sich an. Aus den Lautsprechern wummert es weiter. Die Fäden haben sie in den Händen. Dann geben sie sich ein Zeichen und ziehen die Fadenkonstruktion langsam nach oben. 

Das Fadenkonstrukt hängt und der Song endet.

Stille

Plötzlich fällt von der Decke eine rote Perücke auf den Bühnenboden. 

Franz tritt in die Mitte, nimmt die Perücke. Setzt sie sich auf und stellt sich hin. 

Liesbeth zieht die Fadenkonstruktion auseinander und formt daraus das begehbare Viereck. Sie fängt damit Franz ein, der sich mit Perücke aufm Kopf in der Mitte befindet, eingeschlossen ins Netz. Franz dreht sich langsam im Kreis.

Liesbeth nimmt Position am Beamer + Sound ein. 
Ein Voice-Over redet aus dem Off: 


Es wird etwas berichtet über Seegeschöpfe, was Naturwissenschaftliches, keine Ahnung. 
Währenddessen malt Liesbeth die Fäden an.

Ende


Das Kolletiv »Schroffke« setzt sich zusammen aus den Figurenspieler*innen Franz Schörs und Liesbeth Nenoff.

Franz Schrörs assistierte zwischen 2008 und 2011 als Gast der Regie am Düsseldorfer Schauspielhaus. Während einer Theaterpause (2011-2016), zeichnete er Illustrationen, schrieb Märchen und Dialoge für Computerspiele. 2016 bis 2020  studierte er an der HMDK Stuttgart Figurentheater. 2019 produzierte er gemeinsam mit Josephine Hochbruck, den Hörspielpodcast Raccoon Radio und komponierte unter dem Pseudonym Catnip Evergreen auch den Soundtrack dafür. Mit seiner Abschlussarbeit »8 Minuten Klarheit« war er für den Fritz-Wortelmann-Preis 2021 nominiert.  

Liesbeth Nenoff hat von 2013-2017 in Leipzig außerschulische Kunstpädagogik und 2017-2021 Figurentheater an der HmdK Stuttgart studiert. Mit ihrem Miniaturtheater «Ich sehe was, was du nicht siehst und das ist…«, Solo-Performances (»Baubo«, »Schöne Jugend«, »Cry me a Baby«) sowie als Teil der »Lovebox«-Gruppe spielte sie bereits auf diversen Festivals. 2021 wurde sie mit ihrer Arbeit »Schöne Jugend« für den Fritz-Wortelmann-Preis nominiert – eine Arbeit, die sich mittels Animation von Videoprojektionen mit der Schönheit des Abstoßenden beschäftigt.