Premierenerfahrung von Mithra Zahedi zu „Flug Nr. 745“

Flug Nr. 745, 1

Heute Abend darf ich die Deutschlandpremiere des Stückes, „Flug Nr. 745“ aus dem Iran in der Schaubude besuchen. Ich bin ziemlich zeitig im Foyer des Theaters und warte. Nach einer Weile sehe ich eine sympathische Frau, die unauffällig hereinkommt. Das müsste die Regisseurin sein. Ich hatte vorher ein paar Fotos von ihr bei der Recherche über das Stück gesehen. Ich spreche sie unsicher an; Marjan Poorgholamhossein bejaht meine Frage nach ihrem Namen auf Englisch, worauf ich sie dann auf Farsi richtig begrüße. Sie müsse sich noch für die Premiere vorbereiten, sagt sie. Ich erwidere, dass ich dies gut verstehe und mich freuen würde, wenn sie nach der Vorstellung ein wenig Zeit für mich hätte.

Marjan Poorgholamhossein wird das Stück erzählen, während die anderen drei Spieler*innen die handgemachten Puppen bewegen und das Bühnenbild umbauen. In den Rezensionen iranischer Kulturnachrichten hatte ich gelesen; die Regisseurin, Erzählerin und Ideengeberin, Marjan Poorgholamhossein lässt aus Puppen, Film und realer Erzählung, eine Zeit der Erinnerungen zusammenpuzzeln. Ihr Projekt nennt sie Mikrotheater; eine Mischung aus Puppentheater und Filmprojektion. Die Geschichten werden in der Form von Erinnerung und Monologen aus ihrer persönlichen Welt gestaltet. Das Stück wurde bereits über 35 Mal im Iran und auch während zwei Festivals aufgeführt. Auch in Holland, Belgien und gestern in München wurde das Stück präsentiert.

Der Hauptsaal der Schaubude füllt sich, ein gemischtes Publikum, das man oft auf Festivals erlebt. Das Stück wird auf Farsi gespielt, mit Projektion englischer und deutscher Übersetzung.

Auf der Bühne hängt eine weiße Projektionsleinwand. Auf der linken Seite steht ein kleines niedriges Podest, worauf ein Stuhl steht; auch ein Koffer steht daneben. Die Erzählerin sitzt auf dem Stuhl und schläft. Auf der rechten Seite stehen drei Puppenspieler*innen im Halbdunkel, die sich um ein Bühnenmodell versammelt haben. Darin befinden sich einige kleine Puppen (2-12 cm hoch).

Auf der Leinwand erscheinen einige Informationen über die Folgen des Krieges zwischen Iran und Irak in den 80ern. Eine Million Menschen wurden getötet und 2,5 Millionen sind ausgewandert. Bis heute sind über 70% von ihnen nicht mehr in den Iran zurückgekehrt.

Die Erzählerin, Shaghayegh – Klatschmohn – sitzt im Flugzeug und erzählt, wie kalt es ihr gerade ist und dass von jeder Ecke der Lufthansa-Maschine kalte Luft nach innen drängt. Nach 30 Jahren fliegt sie von den USA in den Iran zurück, ins Land ihrer Kindheit, aus dem sie als sechsjährige mit den Eltern floh.

„Bahar“ – Frühling – heißt die Gasse, in der sie als Kind lebte. Musik ertönt; sie ist nun als kleine Puppe – groß auf der Leinwand – zu sehen und trägt einen weißen Schleier mit kleinen Blümchen, den Mama für sie genäht hatte. Die Familie ist gerade in das Haus mit den roten Ziegelsteinen eingezogen. Sie schaut in der Gasse herum, die Tür geht zu. Sie kann nicht klingeln, weil sie zu klein ist, sie wartet bis ein Nachbar für sie klingelt.

Mit ihren Augen sehe ich ihre Welt von damals; die Jungs, die Fußball spielen, den armenischen Nachbarn und andere. Vor allem bewundert sie Mohsen, einen sanften Jugendlichen. Er fragt sie, wie sie heißt und findet, dass sie einen schönen Schleier trägt.

Die Puppenspieler*innen bewegen konzentriert die Puppen und wechseln das Bühnenbild, während die Erzählerin erzählt. Der Nachbar im Flugzeug – den wir nur aus ihrer Erzählung kennen – bietet ihr eine Cola an aber das Getränk schüttet sie versehentlich auf seine Hose. Just in diesem Moment muss sie an das Glas mit Rosenwasser denken, das sie mitten in der Bahargasse von der Hand fallen ließ. Die Nachbarin meckerte aber Mohsen sagt, das sei nicht wichtig, Hauptsache sie hätte sich nicht verletzt. Die ganze Gasse duftet nach Rosenwasser.

Mohsen ist ihr Held und Beschützer. Immer wieder gibt es Augenblicke, wo er sie sanft unterstützt. Einmal hat er für sie das Gassenlicht angemacht und plötzlich sind 1000 farbige Sterne am Himmel.

Die Schauspielerin wechselt in der Erzählung fließend zwischen Kindheit und Jetztzeit. Sie nimmt mich mit – ohne eine Sekunde in den Kitsch zu verfallen. Auch wenn die Bilder beinahe kitschig scheinen mögen, ist sie in der Lage, das Schlichte und die kindliche Welt – gekonnt und mit einer Prise Humor – herbei zu zaubern.

Die Bilder, die sie aus dem Jetztzustand nimmt, holen sie in die Vergangenheit zurück. Einmal hebt sie beispielsweise einfach nur ihre Arme, um sich zu strecken und bemerkt, dass ihre Hände wie ein Adler aussehen, der seine Flügel schwingt. Das versetzt sie in die Erinnerung, als sie und alle Nachbarn in dem Keller versteckt sitzen, bis die Kriegssirene vorbei ist. Dort zaubert Mohsen Tiere durch das Schattenspiel herbei und eins davon ist der Adler mit den geöffneten Flügeln.

Shaghayegh und ihr Bruder essen auf dem Dach heimlich die Tomaten, die Mama für das Tomatenmark vorbereitet hat, als die Bombe mit voller Wucht fällt. Alle rennen zur Gasse, Mama sucht den zweitälteren Bruder, der gerade nicht da ist. Plötzlich erscheint er aus dem Haus. Mama gibt ihm eine Ohrfeige und beide umarmen sich dann und weinen miteinander.

Shaghayegh zweifelt daran, warum sie überhaupt zurückkehrt. Sie solle das Elternhaus verkaufen, aber wozu? Wem hilft das? Es kann auch so bleiben, wie es ist. Niemand wartete auf sie …

Sie ist angekommen, nimmt ein Taxi und macht die Augen zu, damit sie die Veränderungen auf den Straßen nicht sehen muss. Sie möchte alles in dem Zustand wieder entdecken, wie es damals war. Sie kommt in der Gasse an; die Häuser sind in Hochhäuser verwandelt. Nur ihr Familienhaus ist geblieben und das von dem Nachbarn gegenüber. Niemand ist da. Es schneit, so wie damals, als sie in der Früh wegfuhren. Mohsen hatte geholfen, dass ihr Auto anspringt. Seine Handspuren auf dem Auto hatte sie damals entdeckt. Das Auto fuhr endlich, Mohsen stand im Schnee unter dem gelben Licht und winkte ihr zu.

Shaghayegh sucht nun das Gassenschild, „Bahar“. Dort steht stattdessen; „Märtyrer Mohsen Mostavawi“.

So endet das 45minütige Stück, aber ich möchte, dass es weiter geht. Die Erzählung berührt mich in ihrer Schlichtheit und vielleicht, weil ich selbst zu dieser Generation der Auswanderer gehöre. Der zusprechende Applaus bringt mich wieder zu mir.

Das Stück ist für mich eine erzählende Poesie gegen den Krieg. Nicht mit lauten Parolen lehnt es den Krieg ab; es lebt von den Augenblicken zwischenmenschlicher Beziehungen. Es erzählt von Sehnsüchten und Bewunderungen kindlicher Augen, auf die keine Bombe fallen darf. Die Unschuld ist so rein, dass ich die Brutalität des Krieges wegzudrängen wünsche, obwohl sie jederzeit präsent ist.

Die Regisseurin hat das Stück allen Menschen gewidmet, die sich überall in der Welt gegen den Krieg, engagieren. Mit Tränen in den Augen habe ich sie umarmt und mich für das gelungene Stück herzlich bedankt.

Mithra Zahedi  machte in Teheran ihre Schauspiel- und Regieausbildung und schloss ihre Studien der Theaterwissenschaft, Politologie, Kunstgeschichte und später Theaterpädagogik in München und Berlin ab. Weiterbildungen in Gestalttherapie, Arbeit an div. staatlichen und freien Theatern in München, Wien, Köln und Berlin, u.a. bei George Tabori und Thomas Langhoff. Mehr als 29 Inszenierungen, vor allem in Berlin, Gründerin von drei Theatergruppen und Leiterin mehrerer vom Berliner Senat geförderter Theaterprojekte, von theaterpädagogischen Seminaren und Workshops. Vereinsarbeit, interkulturelle Arbeit mit Jugendlichen, Frauen, Arbeitslosen und Menschen mit Behinderung.

„Flug Nr. 745“ von Pouppe Theater wurde am 12. und 13.11. an der Schaubude aufgeführt.