Das Recht des Singulären. Sebastian Köthe über SAPHIR-KOPF

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[Blogarchiv Theater der Dinge 2018: Von der verlorenen Zeit]

Das Erinnern ist staatstragend und also von Staaten häufig instrumentalisiert: Gedenken, Mahnen und Tradieren werden von Feiertagen, Medien und Einheitswippen gerahmt und zielen, sozusagen von der Vergangenheit aus, strategisch auf Politiken des Gegenwärtigen und Zukünftigen. In vielen Produktionen des Festivals haben Künstler*innen also daran gearbeitet, die von den großen Erzählungen vergessenen, verdrängten und verstoßenen minoritären Geschichten zu erinnern, die für das nationale Gedächtnis zu unbedeutsam oder zu traumatisierend sind: von der Biografie einer vergessenen polnischen Künstlerin wie Janina  Węgrzynowska bis hin zum Super-GAU Tschernobyls.

Handa Gote Research & Development gehen mit ihrem Puppentheater-Remake „Saphir-Kopf“ einen anderen Weg.

Ein Film zu Beginn der Aufführung erzählt in hehrem Ton, dass irgendwann in den späten 90ern im nordböhmischen Prácheň ein Stück namens „Saphir-Kopf“ aufgeführt wurde. Man weiß nicht so recht, um was es sich hier handelt: eine legendäre Underground-Inszenierung der avanciertesten tschechischen Avantgarde oder eine betrunkene Improvisation alter Freunde an Silvester. Angeblich haben die Beteiligten nun, 20 Jahre später, eine Kiste mit den Überresten der Szenenbildes und alten VHS-Kassetten mit Ausschnitten der Performance wiedergefunden – und führen nun in der Schaubude ein Reenactment auf.

Handa Gote führt auf gekonnteste Weise bad puppet theatre auf: die billigen Plastikfiguren wackeln hopsend über die Bühne, Korrekturhände greifen immer wieder ein und machen dabei alles nur ungenauer, die Szenen kalauern sich vorwärts. Mal geht es um das Erschlagen von Insekten, mal wackeln ein Dutzend mechatronischer Stofftiere mit glühenden Augen über eine Rampe bis sie in einen Eimer fallen, zwei Wanderer laufen unmotiviert über die Bühne, ein Haus brennt ab. Am Ende singt ein Plüschtierhund I’ve Got You, Babe. Das alles wird ausgestellt unbeholfen und gleichzeitig mit dem Gestus präzisester Kunstarbeit aufgeführt.

Was hier erinnert wird und sogar die Würde eines Reenactment erfährt, hat nichts mit den nationalen Reinszenierungen wie dem Sturm auf den Winterpalast oder der Schlacht von Gettysburg zu tun. Es scheint auch nur entfernt verwandt zu sein mit den Einschreibungen minoritärer Erinnerungskulturen ins Großgedächtnis der Öffentlichkeit. In Saphir-Kopf trifft eine würdevolle, minutiöse, detailgetreue Nachstellung auf ein improvisiertes, maximal ungenaues und geradezu behämmertes Original. Die Spannung zwischen beidem befreit nicht nur das Gelächter, sondern schafft auch eine Ahnung vom Wert und Recht des Singulären, Überschüssigen und Unnachahmlichen.

Sebastian Köthe ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Graduiertenkolleg „Das Wissen der Künste“ der Universität der Künste Berlin. 

Foto: Pavel Kopřiva, Leoš Kropáček, Tomáš Procházka in Saphir-Kopf. Credit: Petr Králík.

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