Mach auch kaputt, was dich nicht kaputt macht. Sebastian Köthe über DER KANDIDAT von Marc Villanueva Mir

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Bis zum Schluss bleibt unklar, ob dieses Brettspiel sagenumwoben oder vergessen, traditionsreich oder frei erfunden, anarchisch oder bitter zynisch ist. »Djambi«, auch bekannt als »Machiavellis Schachspiel« oder »El Candidato«, versetzt bis zu vier Gruppen in die Rolle von politischen Parteien, die gegeneinander um die Macht kämpfen. Marc Villanueva Mir und Gerard Valverde haben es als interaktive Spiele-Performance reinkarniert. Es gehe nicht um die bloße Machtergreifung, erklärt uns der Spielleiter, denn die sei nie von Dauer, sondern unbedingt um die Ausschaltung aller Gegner. Nicht unähnlich dem antikapitalistisch gemeinten »Monopoly« läuft auch »Der Kandidat« darauf hinaus, dass ein anfängliches Kräftegleichgewicht über kurz oder lang in die maximale Asymmetrie von Beherrscher*innen und Unterworfenen kippt. Während die kapitalistischen Verhältnisse in »Monopoly« inzwischen so sehr in Fleisch und Blut übergegangen sind, dass das Spiel kaum noch weh tut, ist eine Partie »Der Kandidat« gleichermaßen belebend und schmerzlich. Dafür sorgt unter anderem eine Reihe von Figuren mit boshaften Fähigkeiten: Mörder, welche die von ihnen geschlagene Figuren als Leichen im Territorium des Gegners platzieren; Journalisten, die nicht direkt schlagen, sondern – wie gute Propaganda – von der Seite treffen; Provokateure, die die lebenden Figuren der anderen Spieler*innen versetzen.

Marc Villanueva Mir erklärt, dass Schachstrategien hier nicht funktionieren, weil sie zu defensiv ausgerichtet sind. Stattdessen wird uns geraten, so offensiv wie möglich zu spielen und unsere Mitspieler*innen in geradezu obszöner Weise zu betrügen. Dabei helfen Ereigniskarten, die es erlauben, Steine von Gegenspieler*innen unbemerkt zu verschieben oder plötzlich das Team zu wechseln. Immer wenn eine Mörder-Figur stirbt, wird die Karte eines historischen Verbrechers auf den Tisch geworfen – eine irritierende Gruppierung von Hitler über Weinstein zu Strache – und eine Runde Schnaps ausgegeben. Das ganze eskaliert entsprechend schnell: Wir halten politische Reden, schwatzen einander in die Spielzüge, kichern über halbdurchdachten Fallen auf dem Spielbrett. Es fühlt sich an, als würden wir das gesammelte Misstrauen gegenüber Politiker*innen, die ganze Enttäuschung über die falsche Einrichtung menschlicher Gesellschaften, hier einmal auf eine verquere Weise emotional ausleben können: indem wir die Rolle von Politiker*innen so zynisch und dunkel wie möglich verkörpern.  

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Valverde vertont das Spielgeschehen live, und gibt ihm mal den Anstrich einer Propaganda-Veranstaltung, mal einer Quizshow. Politisches Handeln findet eben nicht im luftleeren Raum statt, sondern ist bedingt durch Medien, Popkulturen, Gefühle. Es wundert kaum, dass die Originalversion des Spiels aus dem Milieu französischer Intellektueller nach den Protesten vom Mai 68 stammt: Spielerfinder Jean Anesto hat die Vorlesungen Michel Foucaults am »Collège de France« rege besucht, hat ihn ausführlich in der Spielanleitung zitiert, und das Spiel in den Hinterzimmern des französischen Buchladens »L’Impensé radical« (»Das radikal Ungedachte«) erprobt. Auch der Theoretiker der Gesellschaft des Spektakels, Guy Debord, hat »Djambi« gespielt, blieb jedoch unzufrieden mit dem Regelwerk und entwickelte schließlich sein eigenes Brettspiel. 

Während einige Inszenierungen des Festivals das Kaputte und Zerstörte als Anlass nehmen, Prozesse der Trauer, des Gedenkens oder der Kritik zu initiieren, wagt »Der Kandidat« ein verstörendes Unterfangen: die Identifikation mit dem Kaputtmachen selbst in seiner niederträchtigsten Form: als strategische, kalkulierte Ausschaltung des Anderen: einfach nur so.  

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Text: Sebastian Köthe vom Redaktionsteam, Fotos: Beate Absalon, Katharina Neumann, Elisenda Triadó.

Der Kandidat
Interaktive Spieleperformance, aufgeführt vom 25. bis 27.10.2019 in der Schaubude.

Koproduktion mit: Festival TNT – Terrassa Noves Tendències
Unterstützt von: Gießener Hochschulgesellschaft, Institut für Angewandte Theaterwissenschaft
Regie, Performance: Marc Villanueva Mir
Musik: Gerard Valverde
Künstlerische Beratung: Alán Carrasco
Produktionsleitung: Viola Sprengel

Gastspiel mit freundlicher Unterstützung von: Institut Ramon Llull.

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