Was wollte der Moderator damit fragen? Sebastian Köthe über Publikumsgespräche

»Was will die Autorin damit sagen?« Diese Horrorfrage aus dem Deutschunterricht ist mir unvergessen. Manchmal, kurz bevor ich ein Publikumsgespräch moderiere, habe ich die Fantasie, die Künstler*innen genau das zu fragen: »Ja, vielen Dank für das Stück, was wolltest Du eigentlich damit sagen?«

Erst macht mir das diebische Freude, dann läuft es mir kalt den Rücken runter: Was soll ich eigentlich fragen? Das Werk spricht doch für sich! Hätten die Künstler*innen etwas sagen wollen, hätten sie es halt gesagt und sich viel Arbeit gespart. Sie haben Kunst gemacht, sie haben Licht und Klänge und Körper und Sprache in komplexe Choreographien versetzt, weil sich da etwas der einfachen Sagbarkeit entzogen hat. Als Moderator bin ich in der Bredouille über etwas zu sprechen, das gleichzeitig ein Gespräch provoziert und verhindert.

Seit einigen Jahren führen Beate und ich aus dieser Paradoxie heraus Publikumsgespräche an der Schaubude. Bei Theater der Dinge gibt es dieses Jahr neben sechs Gesprächen ein Festivalpanel und die Lektüregruppe Theorie-Café. Was kann man Künstler*innen fragen? Was will ich eigentlich tatsächlich selber wissen? Und was wissen Künstler*innen über ihre Arbeiten – und was nicht?

Ein guter Einstieg ist für mich die berühmte Frage, die der Filmemacher François Truffaut seinem Vorbild Alfred Hitchcock gestellt hat: »Wie haben Sie das gemacht?« Aus welchen Materialien sind die Figuren? Wie ist das Licht gesetzt? Welche technologischen Herausforderungen gab es?

Manchmal wirken Kunstwerke, als könnten sie nur so und nicht anders sein; als wäre alles wohlkalkulierte Absicht. Wenn man aber nach der Materialität fragt, enthüllen sich auch die Möglichkeiten: die gestrichenen Szenen, verworfenen Entwürfe, was technisch nicht ging oder schlicht zu teuer war. Die Arbeit zeigt sich als Arbeit: widerspenstigen Körpern, Dingen und Technologien abgerungen; trotzdem realisiert; in ihrer scheinbaren Homogenität voller Kompromisse, Aushandlungen, Tricks.

Die Künstler*innen zeigen sich nicht als Einzelgenies, die dem amorphen Material ihren Stempel aufdrücken, sondern als kompilierende Bastler*innen. Sie folgen den Impulsen von Stoffen, Programmen oder Lichtreflexen. Im Gespräch versuche ich nicht, die Schöpfer*innen nach dem zu fragen, was sie sagen wollten, nach ihrer persönlichen Vision, sondern was auch ihnen in Material und Werk fremd, unverständlich und vielstimmig geblieben ist.

Inszenierungen lassen sich nicht auf Aussagesätze reduzieren. Deswegen versuche ich im Gespräch nicht die Meinungen von Künstler*innen in Erfahrung zu bringen, selbst die progressiven nicht: mehr Steuern für die Reichen, rigidere Klimapolitiken, usw. Stattdessen suche ich nach ihren Fragen, Paradoxien und Unentscheidbarkeiten. Welche Affekte, Gedankenlabyrinthe, Suchbewegungen haben sie angetrieben? Welche Erinnerungen, Fantasien und Visionen haben sie zu materialisieren gesucht? Welche Gedächtnislücken, black outs und Tabus erahnt?

Ich glaube nicht, dass Menschen formale Experimente wagen, ihre Leiber exponieren und Geschichten erfinden, weil sie schon etwas wissen, sondern weil sie gerne etwas wissen würden. Anstatt die Autor*innen zu fragen, was sie eigentlich damit sagen wollten, versuche ich sie zu fragen, was sie gerne hätten sagen können. 

Beate Absalon beim Künstler*innen-Gespräch, Theater der Dinge 2019. Foto: Schaubude Berlin

Gleichzeitig artikuliert sich künstlerisches Wissen nicht nur fragend. Julia Raab, mit der wir 2016 unser erstes Publikumsgespräch an der Schaubude führten, ist als die Kunstfigur Die Dicke voluminös, schmutzig, mit den Habseligkeiten in einer Plastiktüte durch die Stuttgarter Innenstadt gestreift, hat sich zu Obdachlosen gesellt, wurde angestarrt oder sogar von Passant*innen angegriffen. Anschließend hat sie diesen walk act in ein eindringliches Bühnenstück transformiert. So hat sie ein anderes Wissen um Blicke, Berühr- und Verletzbarkeit, Stadträume und soziale Ausgrenzung hergestellt, die Anerkennung marginalisierter Personen theatral geschaffen und eingefordert, und all das von der Straße auf die Bühne übersetzt.

Wo viele Menschen im Alltag wegsehen würden, sehen sie im Theater hin. Im Gespräch versuchen wir herauszubekommen, wie die Künstlerin diese Übersetzungen, Verschiebungen, Transformationen bewerkstelligt, die die Stuttgarter Innenstadt auf eine Berliner Bühne bringen. Manchmal scheinen mir insbesondere kritische und aktivistische Künstler*innen wie Menschen, die etwas transportieren können, was sich eigentlich nicht transportieren lässt: Mitgefühl, Fremderfahrungen, das Erleben von Unrecht und Gewalt. Manchmal auch Glück.

Publikumsgespräche wären nichts ohne das Publikum. Stell Dir vor, es ist Theater, und keiner sagt was danach.

Nach der Einladung ans Publikum, zu fragen und zu kommentieren, kann alles passen: präzise Fragen nach Inszenierungsdetails, das Teilen eigener Expertisen und Erfahrungen zum Thema des Stückes, Interpretationen oder autobiografische Ko-Referate.

Das Publikumsgespräch selbst ist Improtheater. Als Moderator versuche ich es gleichzeitig anzuregen und zu rahmen. Ich möchte die Künstler*innen und das restliche Publikum durch Reformulierungen, Umlenkungen oder Unterbrechungen schützen vor ausufernden Wortbeiträgen, reduktiven Fragen oder auch (unabsichtlich) gewaltsamen Kommentaren. Gleichzeitig ermuntere ich das Publikum auch zu eigenwilligen Assoziationen, Analysen, Re-Perspektivierungen. Das Publikum macht seine eigenen Erfahrungen und in diesen Erfahrungen realisiert sich erst das Kunstwerk. Es nimmt und gibt zugleich. Es nimmt den Künstler*innen ihre privilegierte Autorität über das Werk, und schenkt ihnen dessen Verwirklichung in ihrer Wahrnehmung. Nach dem Stück sind erst einmal alle Deutungen gleich.

An diesem Wochenende geht es bei Theater der Dinge 2020 auf die digitale Bühne. Jedes Gespräch so einzigartig wie die Aufführung. Beate und ich sind gespannt, mit dem Publikum und den Künstler*innen die Materialitäten, Figuren und Fiktionen der Inszenierungen zu erforschen und ihre Möglichkeitsräume freizulegen.

The most important thing: das Publikum! Foto: Schaubude Berlin

Sebastian Köthe ist in der Redaktion des Festivalblogs. Er enhanced seinen Körper mit Koffein und Migräne-Prophylaxen.


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Streamings + Artist Talks während des Festivals
JOE 5 von Duda Paiva Company (Niederlande): post-apokalyptisches Tanz- und Puppentheater-Solo +++ DINGWESEN von H.A.U.S. (Österreich): Lecture-Performance zur Interaktion von humanen und humanoiden Körpern +++ KOMPLEX! AUSSER M. WEISS NIEMAND, DASS BARBIE FEMINISTIN IST von Kompanie 1/10 (Deutschland): feministische Lecture-Performance mit Puppenspiel +++ PREVIEW 1/0/1 ROBOTS – HACKING THE BINARY CODE von Manufaktor (Deutschland): utopische Figurentheater-Performance +++ A.L.I.C.E. – LOST IN CYBERSPACE von Meinhardt & Krauss (Deutschland): Robotermärchen für Kinder ab 6 Jahren. 👉 Tickets (€ 0-5) .


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