Auf den Asphalt gemalt. Beate Absalon über WIR MÜSSEN REDEN @ HOME

›Anonym‹ ruft an. Wer ruft heutzutage noch an und dann auch noch mit unterdrückter Nummer!? Das kann nur irgendetwas Kriminelles oder Nerviges sein – Meinungsumfrage, Staubsaugervekäufer, Stalker, Klingelmännchen …! Auf gar keinen Fall gehe ich da ran. Es klingelt weiter und plötzlich leuchtet es mir ein: Anna Kpok! Schaubude! Festival! Wir müssen reden! Da war doch was!

Zum Glück hebe ich rechtzeitig ab, denn dann wird es richtig nett. Jemand interessiert sich für mich, meine Geschichte, stellt mir Fragen und hört zu. Das tut für die nächsten 10 Minuten so gut, wie der Wellnessbesuch im Friseursalon, den man gerade in Lockdownzeiten vermisst, wo es auch mal kurz nur um einen selber geht. Gleichzeitig bin ich aber auch nervös; das ist die andere Seite der Medaille. Da stellt mir ja jemand Fragen und ich muss darauf antworten! Neben Wellness hat es auch was von Therapie, die ja nicht immer nur Wohltat ist.

Anna Kpok, die sich zwar als Anna Kpok vorstellt, auch wenn sie »vielleicht gar nicht wirklich Anna Kpok« ist – wie leicht es einem doch das Medium Telefon macht, sich zu verstellen und in eine Rolle zu schlüpfen, das wissen schon Kinder mit ihren Telefonstreichen – versichert mir, dass das Gespräch nur 10 Minuten dauert, nicht aufgezeichnet wird und auch nichts davon bleibt (den Gedanken: »Außer meinem Blogartikel, den ich später schreibe« behalte ich bei mir). Außerdem soll ich es mir gemütlich machen und einen ruhigen Ort suchen.

In meinem Schlafzimmer, das Handy zwischen Ohr und Schulter geklemmt, öffne ich also den Brief, den Anna mir zuvor zusandt hat. Kaugummi, Zettel, Blumensamen und ein Heftchen purzeln auf meine Bettdecke. Eine minzige Duftwolke kommt mir entgegen, die mich für das Gespräch erfrischt.

Ich gebe mein Bestes, mich nicht zu verstecken hinter abstrakten Antworten, als ich nach Geschichte, Macht und Körpern gefragt werde. Ich merke, wie merkwürdig es ist, nicht zu wissen, für welches Genre und welchen Rezpienten meine Antworten gedacht sind. Ich würde ja jeweils immer anders antworten, je nachdem ob mir meine Tante, ein Journalist, ein Date, eine Professorin, mein Friseur oder meine Therapeutin die Fragen stellen würden. Was macht Anna Kpok damit? Warum will sie das alles wissen? Wohin führt es?

Es erinnert mich ein bisschen an etwas, das ich vor vielen Jahren in Beijing auf meinen sommerlichen Spaziergängen durch Parkanlagen beobachten konnte, wenn ältere Herren mit einem Pinsel auf den Steinboden kalligraphierten, mit einer ›Tinte‹ die bloß Wasser war und rasch in der Hitze verdampfte.

Ich mag den Gedanken, dass die Antworten nicht verwertet werden, keinem eindeutigem Zweck dienen und unter uns bleiben, zwei Fremden, die sich kurz Zeit füreinander nehmen. Die vergeht schneller als gedacht. Doch ein kleines Zeitfenster bleibt: Ich darf Anna jetzt auch eine Frage stellen, aber nur per SMS. Das ist das andere, das nach unserem Gespräch bleiben wird: Meine Frage und ihre Antwort auf Social Media, auf die ich schon sehr gespannt bin! 🙂


Beate ist Teil der Redaktion des Festivalblogs und wird die nächsten Tage noch einige Online-Gespräche bei TDD moderieren, bei denen sie sich einfach nicht an die künstliche Situation der Video-Gesprächsführung gewöhnen kann, bei eingeschalteter Kamera immer ihr eigenes Gesicht sehen zu müssen, während sie doch mit anderen redet.


Hier geht es zum Festivalprogramm und Ticketverkauf

Wir müssen reden @ home
Performance am Telefon, 15 Minuten
Von und mit Anna Kpok (Bodolay, Ebmeier, Naujokat, Pape, Werner) Koproduktion mit Schaubude Berlin, wunder. Internationales Figurentheaterfest München

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