English version below
Ganz Europa ist buckelig. Man müsste mit einem Hobel drüber fahren, um die Buckel weg zu rasieren.
Der Satz verfolgt mich noch. Als wäre er einem Albtraum entsprungen. Es ist einer von vielen Sätzen, die während »Dämonen« irgendwann über eine Leuchttafel fahren und den White Cube der Inszenierung in rotes Licht tauchen. Es geht um Besessenheit, Teufelsaustreibung, Zerfall. Im Kontrast dazu steht der sterile Aufbau der Inszenierung: ein heller Raum, sauber durch weiß leuchtende Bodenmarkierungen in einzelne Bereiche aufgeteilt. Eine Beschwörung in der Petrischale?

Wir Besucher*innen tragen sogar Einweg-Schuhüberzieher, um den weißen Teppich nicht zu beschmutzen, doch muss ich auch an Besuche im Krankenhaus denken. Besessenheit ist ansteckend. Aus dem Jenseits wie dem Diesseits können fremde Kräfte in uns fahren und von einem Wirt zum nächsten springen, um ihr Unwesen zu treiben. Ob es nun heilige Geister und Teufel sind, oder aufwühlende Push-Nachrichten und Social Media-Beiträge. Die Welt ist von einem wuchernden Tumor befallen, heißt es an anderer Stelle in »Dämonen«. Bei der gegenwärtigen Weltlage erscheint das wie eine einleuchtende Erklärung.

Die frei begehbare Klanginstallation fordert mal hier, mal dort unsere Aufmerksamkeit. Zu Beginn ist alles still, nur Tropfgeräusche sind zu hören. Wasser tropft aus horizontal aufgespannten Maßbändern. Es ist der Klang aus Horrorfilmen, Haunted Houses, wenn das Alltägliche unheimlich wird. Eine beunruhigende Stille.
In der Mitte des Raumes steht eine einzelne Glaswand. Ein Hinweisschild macht mich darauf aufmerksam, dass ich mein Ohr an den roten Punkt auf der Glasscheibe legen kann. Als würde ich neugierig meine Nachbarn belauschen, folge ich der Anweisung und höre eine leise, verzerrte Stimme, die vielleicht Aufzeichnungen aus den Exorzismus-Tagebüchern von Jacint Verdaguer wiedergibt. Dem Programmheft entnehme ich, dass der katalanische Dichter Ende des 19. Jahrhunderts an Exorzismen teilnahm, die in einer Wohnung in einem Armenviertel Barcelonas stattfanden. »Dämonen« spielt in einer Nachbildung dieser Wohnung.

Später wird auf die Glasscheibe eine Tänzerin projiziert, also wie ein Geist erscheinen, die sich in verausgabenden Konvulsionen rekelt, wendet und schüttelt. Hysterische Gesten, die ebenfalls Ende des 19. Jahrhunderts in psychischen Anstalten erfunden und untersucht wurden.
Die Psychoanalyse hat den kirchlichen Exorzismus beerbt. In beiden Bereichen jedoch, und das wird hier im theatral-installativen Setting besonders deutlich, benötigen Besessene seit jeher ein Publikum. Besessenheit als Performance. Oder andersherum? Folgt Inspiration dem Einhauchen eines göttlichen Geistes (spiritus)? Oder reicht es, so zu tun als ob, indem zu Pinsel und Papier gegriffen wird und indem die spezifischen Gesten aufgeführt werden, um für Eingebungen erst empfänglich zu werden? Sind Besessene Simulanten, die ihrer eigenen Simulation glauben? So wie es Louis Althusser auf die Formel bringt: „Knie nieder und bewege die Lippen wie zum Gebet, und du wirst glauben“.*

„LÜGE! WAHRHEIT! LÜGE! WAHRHEIT!“ ruft die eindringliche Stimme aus den aufgetürmten Bildschirmen, die mich an den Gruselfilm „The Ring“ erinnern, und auf denen jeweils einzelne Fragmente eines Gesichts zu sehen sind. Auf einer anderen Leinwand, auf der mehrere Gesichter projiziert sind, wird uns wiederum ruhig und kulturwissenschaftlich fundiert von der Inbesitznahme des Körpers durch die Gesellschaft erzählt. Wir inkorporieren das Soziale. Es setzt sich wie ein Parasit in uns ein.

Dann ist vom Theater die Rede. Davon, dass Schauspieler*innen in Besitz genommen werden von den Figuren, die sie spielen. Auf der Leinwand leihen unterschiedliche Gesichter dieser Erzählstimme ihren Körper. Bewegen die Lippen als sprächen sie in fremden Zungen. Besessenheit heißt, nicht man selber zu sein. Aber was hieße das überhaupt, ich selber zu sein?

Eine Metallkette klappert über mir. Das kann in einer Geisterbahn nicht fehlen. Ich blicke hoch und sehe, dass über mir ein Dach aus drei Lattenrosten ist. Unwillkürlich habe ich mich also unterm Bett versteckt. Wie um dem Bösen zu entkommen, das mich hier hoffentlich nicht finden wird. An den Bettgestellen sind Saiten gespannt, die von kleinen, motorisch angetriebenen Holzhämmern, angeschlagen werden und erklingen. Dann höre ich einen leisen Chor und wage mich aus dem Versteck. Der Chor ertönt aus einem Feld Miniatur-Lautsprechern, die auf langen Stangen befestigt sind, wie ein klingendes Mohnblumenfeld.

Auf das Gruselige folgt das Zärtliche und darauf wieder das Unheimliche. Eine Stimme schreit, lauter, lauter, löst sich vom Körper und es wirkt, als würde die Stimme schnell um uns herum rennen. Uns umzingeln. Die weißen, den Raum abtrennenden Vorhänge fangen an zu wehen. So macht sich das Gespenstische sichtbar. Es ist abhängig von Medien, um sich zu zeigen, wie in sich aufblähenden Laken.
Das Unsichtbare der Klangwellen wird an einer Stelle des Raumes sichtbar gemacht anhand von Glasgefäßen, die mit Wasser gefüllt sind und auf Lautsprechern stehen. Ertönt es unter ihnen, bilden sich auf der Wasseroberfläche geometrische Muster.

Dämonen benötigen nicht nur Medien, um sich auszudrücken. Auch wir benötigen Dämonen, um uns auszudrücken. Um das zu tun und zu sagen, was sich nicht gehört. „Was ist nur in dich gefahren?!“ fragen wir noch heute, wenn jemand etwas Inakzeptables tut. Beschwört den Teufel dort, wo er am entspanntesten ist. Am entspanntesten ist er in den Körpern der Kinder heißt es auf einer der roten Leuchttafeln. Stimmt, Kindern wird diese Narrenfreiheit zugesprochen, weil sie einfach geradeheraus drauf losplappern und dabei auch mal Dinge sagen, die Erwachsene lieber zensieren.

Später wird noch auf aufgeblasenen Pool-Tieren musikalisch getrommelt. Auch das wird alles dem Teufel zugesprochen: das Animalische und das Komische. Vielleicht, weil der Körper da aus seiner zivilisierten Disziplinierung ein wenig ausbricht. Weil etwas Unvorhersehbares und Überraschendes eintritt.

Das ist der Vorteil der Besessenheit. Ist man besessen, kann man alles sagen und es auf den Teufel schieben. Ich überlege, wann das wohltuend befreiend und wahrsprechend ist, und wann es nur noch belästigt und zerstörerisch ist. Und als ich die Inszenierung verlasse, wünsche ich mir mehr magisches Wissen um Bann- und Schutzzauber, um hier draußen sicherer zu sein.
*Ich danke der Kulturwissenschaftlerin Prof. Dr. Jasmin Mersmann, da ich mich an einigen Stellen dieses Textes auf ihre Arbeit zu Teufelspakten beziehe.
Beate Absalon ist seit 2018 Teil des Redaktionsteams des Festivalblogs und des Theorie- und Diskursprogramms bei Theater der Dinge. Auch außerhalb des Theaters schreibt sie und leitet Workshops, unter anderem über das unheimliche Gefühl der Creepiness oder die Verkörperung hysterischer Posen.
Incantation in the Petri Dish.
All of Europe is humped and crooked. You’d need to go over it with a slicer to shave all the humps away.
That line still haunts me, as though it had emerged from a nightmare. It’s one of many lines that flash across an LED display during Demons, immersing the performance’s White Cube in red light. The piece is about obsession, exorcism, decay. In contrast, the setup is somewhat sterile: a bright space, divided neatly by glowing white floor markings into distinct zones. An incantation in a petri dish? Visitors even wear disposable shoe covers to avoid dirtying the white carpet—reminding me of hospital visits. Obsession is contagious. Forces from beyond and from within can enter us, jumping from one host to another to spread chaos. Whether they are holy spirits or demons, or disturbing notifications and social media posts. The world is infested with a rampant tumor, as Demons puts it. When I observe the situation of our current times, that feels like a convincing explanation.

The immersive sound installation shifts our attention from one spot to another. In the beginning it is silent, only punctuated by the sound of dripping water. It drips from horizontally stretched out measuring tapes. It’s the sound straight out of horror films, where the ordinary becomes eerie. In the center of the room stands a solitary glass wall. A sign informs me that I can press my ear to the red dot on the glass. As if eavesdropping on my neighbors I listen to a faint, distorted voice, possibly narrating from the exorcism diaries of Jacint Verdaguer. According to the program, the Catalan poet participated in exorcisms in the impoverished districts of Barcelona at the end of the 19th century. Demons is set in a replica of this apartment.

Later, a dancer is projected onto the glass wall, appearing like a ghost, twisting and writhing in exhausting convulsions. Hysterical gestures that were studied in psychiatric institutions in the late 19th century. Psychoanalysis inherited the church’s exorcisms, but in both realms – and this becomes even more obvious in this theatrical installation – the possessed always need an audience. Obsession as performance. Or the other way around? Does inspiration follow the breath of a divine spirit? Or is it enough to pretend — to take up brush and paper and enact gestures, becoming receptive to inspiration? Are the possessed merely imitators who believe in their own act? As Louis Althusser famously put it: “Kneel and move your lips as if in prayer, and you will believe.”

“LIE! TRUTH! LIE! TRUTH!” cries an intense voice from a stack of screens reminiscent of the horror film “The Ring”. Each monitor displaying a fragment of a face. On another screen with multiple faces, a calm and scholarly voice explains the body’s possession by society. We embody the social; it lodges within us like a parasite. Then the subject shifts to theater, noting how actors are taken over by the characters they portray. On the screen, different faces lend their bodies to the narrator’s voice, moving their lips as though speaking in foreign tongues. Obsession means not being yourself. But what does it even mean to truly be oneself?

A metal chain rattles above me—classic haunted-house ambiance. Looking up, I see a roof of three bed frames. Apparently I’ve instinctively hidden under the bed, as if trying to evade an evil that I hope won’t find me here. Strings are strung across the bed frames, plucked by tiny motorized wooden hammers, creating music. Then a soft choir draws me out from hiding. This choir emanates from a field of miniature speakers mounted on long poles, resembling a field of musical poppies.

The unsettling gives way to the tender, then returns to the eerie. A voice cries louder and louder, seeming to detach from the body and swirl quickly around us, encircling us. The white curtains dividing the space begin to billow, making the ghostly visible. Spirits depend on mediums to reveal themselves. In one part of the room, the invisible becomes visible through glass vessels filled with water, set atop speakers. When sound resonates beneath them, geometric patterns form on the water’s surface.

But demons don’t just need media to express themselves—we also need demons to express ourselves, to do and say what is taboo. “What got into you?” we still ask when someone acts unacceptably. Summon the devil where he is most relaxed. He is most relaxed in the bodies of children suggests one of the red light displays. True, children are rather care free and enjoy a certain freedom to say things adults censor out of shame.

The performance ends by motorized hammers drumming on inflated pool animals in a playful performance. This too is assigned to the devil: the animalistic and the comical. Maybe because here, the body breaks free from its disciplined civility, allowing something surprising to happen. This is the advantage of obsession. When possessed, one can say anything and blame it on the devil. I wonder when that’s liberating and truthful, and when it becomes a nuisance or destructive.
As I leave the installation, I find myself wishing for more magical knowledge of spells and protective charms to feel safer out here.
I thank cultural theorist Prof. Dr. Jasmin Mersmann, whose work on pacts with the devil I drew upon in parts of this text.
Beate Absalon has been part of the editorial team for the Theater der Dinge Festival blog and the Theory and Discourse program since 2018. She also writes and leads workshops outside the theater, including on the uncanny feeling of creepiness or the cultural trope of possessed women.
»Dimonis/Dämonen«
cabosanroque (Laia Torrents Carulla, Roger Aixut Sampietro)
Konzept, Regie, Kreation, Dramaturgie, Sounddesign, Komposition, Szenografie: cabosanroque (Laia Torrents Carulla, Roger Aixut Sampietro)/ Text: Jacint Verdaguer, Maya Deren/ Originalmusik: cabosanroque und Adaptionen von »Veni Creator Spiritus« von Rabanus Maurus sowie »The Unanswered Question« von Charles Ives/ Licht: Cube.bz, cabosanroque/ Video: FRAU. Recerques Visuals/ Featuring: Niño de Elche (Flamenco-Sänger), Rocío Molina (Tänzerin), Enric Casasses (Dichter), Manuel Delgado (Anthropologe), Gerard Horta (Anthropologe), Ricard Torrents (Verdaguer-Spezialist), Carme Torrents (Musikologin), Lourdes Porquet (Virologin), Xavier Rebodosa (Virologe), Helena Pielias und Vicenç Viaplana (Video-Künstler*innen), Laia Torrents und Roger Aixut (cabosanroque), Núria Martínez Vernis (Dichterin), Jordina Boix (Leiterin der Jacint Verdaguer Foundation), Joan Solana/ Stimmen, Sprecher*innen der deutschsprachigen Fassung: Max Grosse Majench, Christina Schultz/ Übersetzung ins Deutsche: Àxel Sanjosé/ Koproduktion: Grec 2020 Festival Barcelona, Temporada Alta 2019, La Filature Scène National de Mulhouse, Luís Coromina Foundation
Gefördert von
Kulturabteilung der Generalitat de Catalunya, Jacint Verdaguer Foundation
Mit Dank an
Casa Museu Verdaguer, Fachbereich für Sozialanthropologie der Universität Barcelona, CCCB (Centre of Contemporary Culture Barcelona), Enric Cassasses
Die deutschsprachige Fassung ist eine Auftragsarbeit für Theater der Dinge 2024 und wird unterstützt von Institut Ramon Llull.
Fotos: cabosanroque/ José Hevia, Lea Röwer