Sechs Tage lang bevölkerten autonome Objekte aller Art die diesjährige Ausgabe des Theater der Dinge-Festivals an der Schaubude Berlin. Auf unterschiedliche Weisen loteten Inszenierungen mit Cyborgs, KI und robotischen wie menschlichen Akteur*innen Schnittstellen und Verflechtungen zwischen Steuerung und Autonomie, Subjekt- und Objektkonzeptionen aus. Im Spiel mit Wahrnehmungskonventionen befragten die Produktionen Machtverhältnisse, Handlungsträgerschaft, Zukunftsvisionen und die Verortung von Menschlichem und Nichtmenschlichem.
Mit FuelNoises des österreichischen Medienkünstlers Stefano d’Alessio konfrontiert der letzte Festivalabend das Publikum mit einer Performance, die sämtliche Grenzziehungen zwischen Fakt und Fake, Steuerung und Animation sowie menschlicher und künstlicher Intelligenz sukzessiv unterläuft. Beschrieben als „audiovisuelles, techno-theatrales Konzert“ entspinnt sich der Abend als „digitales Drama, das von zwei Partnern gespielt wird: einem Menschen und einer KI.“
Der Bühnenraum des Saals der Schaubude ist in warmes Licht getaucht, die Bühnenrückwand bespielen vier gleich große, nebeneinander angeordnete Projektionsflächen. Mit Trainingsanzug, Turnschuhen und breitem Lächeln betritt Stefano d’Alessio als Performer die Bühne. An seiner rechten Hand ist ein Tablet befestigt, das auf seiner Handfläche wie eine Art Körpererweiterung aufliegt. Ein Textfeld erscheint auf dem Screen: „Prolog. Überprüfung der technischen Einrichtung, während das Publikum ankommt und Freund*innen begrüßt.“

Die technische Demonstration macht sofort deutlich, in welchem Setting wir uns befinden. Über am Bühnenrand angebrachte Sensoren und per Tablet gesteuerte Bluetoothgeräte reagiert der Raum mit Klangelementen auf d’Alessios Bewegungen. Ein Kopfruckeln erzeugt ein Knarren, ruckt der Kopf abermals, erklingt die Bewegung in rhythmischer Umsetzung, ein Schwung durch den Raum mit der Tablethand produziert ein lang gezogenes Quietschen. Die Responsivität des Raumes durch Bewegung und Klang bildet die Grundlage für die in drei Akte gegliederte interaktive Performance zwischen Mensch und KI.

Anfangs scrollt der Performer durch Social Media, den Bildschirm vor dem Gesicht, den Nacken gebeugt, wir sehen die Posts über die Screens. Sie handeln von Bach und Beethoven, Informationen zu Warm- und Kaltzeiten, eine weiblich gelesene Stimme fasst den Posteingang zusammen. Repetitive Bewegungen des Performers lassen die algorithmische Funktionsweise des Informationsflusses auf Social Media spürbar werden, der Feed beginnt, sich allmählich zu wandeln. Posts verdoppeln sich, haften sich neben- und übereinander, sie verdichten Informationen, die die wissenschaftliche Erkenntnis des anthropogenen Klimawandels in Zweifel ziehen. Wieder und wieder erklingen Zahlen von Kältetoden, globalen Kältetiefpunkten, Bilder von Schnee und Eis, aber auch Kommentare, die zunehmend verzerrt Desinformationen in Dauerschleife wiedergeben.

Birgit Schneider, Professorin für Medienökologie an der Universität Potsdam hat sich in unterschiedlichen Publikationen sehr intensiv mit Phänomenen des Klimazweifels und Klimaleugnens auseinandergesetzt. Angesichts der wissenschaftlichen Lage – 97-100% der Forscher*innen bestätigen den menschengemachten Klimawandel – scheinen derartige Äußerungen vollkommen fehl am Platz. „Die Beweise sind erbracht, die Debatten sind vorbei“, schreibt Schneider in ihrem Band „Der Anfang einer neuen Welt. Wie wir uns den Klimawandel erzählen, ohne zu verstummen“, das 2023 erschien. Und dennoch sind Desinformationen zum Klimawandel im November 2025 allgegenwärtig präsent.
FuelNoises setzt genau an diesem Punkt ein und nimmt das Publikum mit auf einen irren Ritt durch Social Media. Was mit einer simplen Recherche beginnt, ungezieltem Scrollen und Liken, entwickelt sich zu einer Lawine, die sich komplett verselbständigt. Auf den Screens sehen wir wiederkehrende Memes, Videos, Posts, Slogans, die sich in zunehmender Geschwindigkeit, Schrillheit und Lautstärke überlagern, verzerren, verwirren. Als multimodales Storytelling schichtet die Inszenierung vielfältige Kommunikationsebenen übereinander, Ton und Bild reagieren auf die Bewegungen des Performers, der als Auslöser und Adressat der überbordenden Informationen immer stärker in seine Suche verstrickt und letztlich von seiner Suchbewegung eingesogen wird.

Wie ich in meiner Recherche herausfinde, basiert die Performance FuelNoises auf der Web-Social-VR-Installation FuelNoise, die 2023 als partizipatives Onlineformat veröffentlicht wurde. Ausgehend von einer umfangreichen Recherche, die bis ins Jahr 2018 zurückreicht, entwickelten die Macher*innen 16 verschiedene 3D-Umgebungen, die per Link frei zugänglich waren. Geleitet jeweils von einer bestimmten Fehlinformation zum Klimawandel stellen 15 Räume aus und dar, wie diese spezifische Behauptung produziert wird. Die hier zum Einsatz kommenden Bilder, medialen Übersetzungen, Framings und Narrative überlagern einander, sind verbunden durch grobkörnige Ästhetiken und Dauerrauschen, was Effekte der Überforderung und des Chaos erzeugt. Gleichzeitig lassen sich in jeden Raum wissenschaftliche Widerlegungen der Desinformationen finden. Über vielfältige Kanäle beworben laden diese die Besucher:innen ein, mit Erzählungen, Fehlinformationen und Behauptungen zum Klimawandel in Kontakt zu treten. Accounts auf sozialen Medien wie Facebook, Instagram und Tiktok begleiteten diese Installation als erklärende und vermittelnde Instanzen, Kontaktmedium und Archiv.

Die intensive Vorarbeit spürt man der Performance ab. Erscheinen die Posts zunächst willkürlich und unsortiert, zeichnen sich im Folgenden sehr eindrücklich die Funktionsweise der Desinformationen ab, denen wiederkehrende Narrative und Argumentationsstrukturen zugrunde liegen. Zentral ist beispielsweise das Motiv der Verschwörung, das in den Reden einer Figur besonders hervorsticht. Immer wieder sehen wir einen Wissenschaftler mit Hemd und Krawatte, vermutlich so 60,65 Jahre alt, sein Gesicht ist per Filter verzerrt, glubschige Augen, ein breiter Mund. Markig schmettert er seine Thesen in den Raum. Er spricht über den ‚Konsens‘, der wahre Wissenschaft mundtot mache, mir bleibt besonders ein Satz haften, der sinngemäß lautet: Wäre er ein junger Wissenschaftler, 30 Jahre alt und wolle Karriere machen, er würde seinen Mund halten, ‚die‘ schmeißen einen doch sonst einfach raus. Spezifisches Vokabular wie Schafherde, 98 Prozent, Konsenszwang und die Rede von homogenen Communities, von denen sich der „Erleuchtete“ in stark polarisierender Terminologie abgrenzt, unterfüttern Narrative der Widerständigkeit und Rebellion, die als Befreiungsschlag für Meinungsfreiheit und individuelle Selbstbestimmung inszeniert werden.

Auch die medialen Mittel werden in der Zusammenschau der Vielzahl von Posts sehr deutlich erkennbar: Dogwhistling, Satire, Statistiken, RageBait, Witze (I love climate change, I love fossile fuels, You are the carbon they want to eliminate), eine überbordende Menge an Quellen und Verweisen, wiederkehrende Symbole und eine spezifische catchy Gestaltung bewirken intensive emotive Kräfte. HOAX, schreit ein Meme, blendet auf, vergrößert sich und erscheint verdoppelt, it’s a HOAX!!!!!!

Die Stimmen verstummen auf einen Schlag. Und plötzlich erscheint Stefano d’Alessios Gesicht auf der Bühnenrückwand. In einem kurzen Video, das ihn bei einem Gang durch eine Einkaufspassage zeigt, erzählt er von seinen Recherchen und der Entstehungsgeschichte der Produktion. Jede*r könne gerne selbst das Material recherchieren und überprüfen, es gelte lediglich die Links zu notieren, die sich zu immer stärker verzerrtem Sound in winziger Schriftgröße und irrsinniger Geschwindigkeit auf einem zweiten, dritten, vierten Screen auflisten…
Und weiter geht es. Die Desinformationen dröhnen wuchtig durch den Saal und prasseln auf den Performerkörper ein. Mit großer Anstrengung interagiert er mit den Impulsen und radikalisiert sich im zweiten Akt durch seine Transformation vom Rezipienten zum aktiven Desinformanten. Mit Boxschlägen manövriert er sich durch das Netz, klimaaktivistische Sprechblasen und Posts ploppen auf den Screens auf, die er mit unvermindertem Einsatz kommentiert, demontiert und ins Lächerliche zieht.

Übersetzbar als „Kraftstoffgeräusch / Treibstoffgeräusch“ verweist der Titel unmittelbar auf den Effekt von Desinformationen im Netz, unerträglich überlagern sich Sound und Infos zu einem Dauerrauschen, das über den Bühnenrand mitten in die Fresse rein schlägt. Technisch und ästhetisch mit höchster Präzision komponiert, spielt die Inszenierung mit sämtlichen Effekten, die die Social-Media-Flut mit sich bringt: Überforderung, Angewidertsein, aufkommende Langeweile angesichts der unablässigen Wiederholung von Claims und Bildern sowie Distanznahme. Genau durch diese kluge Reaktionsevokation provoziert sie die Selbstreflexion. Ich finde mich in einer unangenehmen Selbstbeobachtung, gefangen in einem Konglomerat widersprüchlicher Gefühle.

Einige Besucher*innen verlassen vor Ende der Vorstellung den Raum, ich kann mir alle möglichen Gründe vorstellen: zu intensive visuelle und auditive Eindrücke, zu repetitiv, zu wenig Puppentheater, zu wenig Eskapismus angesichts der gegenwärtigen Weltlage, vielleicht auch einfach nicht das, was man erwartet hat.
Die freundliche Stimme informiert: “Your account has been blocked. Would you like to switch to another channel?” – “I take your silence as consent.”
Den Abschluss der Performance bildet eine Art Epilog. Der Performer liegt auf dem Boden, über ihm breitet sich weiches orangefarbenes Licht aus. Eine Diskussion der Macher*innen über mögliche individuelle Umgangsweisen mit Klimawandeleffekten wird eingespielt, es gibt Scherze und Lacher. Der ironische Kommentar verkehrt den Blick noch ein letztes Mal, bevor das Licht endgültig ausgeht. Eine so kluge Arbeit. Ich bin nachhaltig beeindruckt von der künstlerischen Präzision, die in jedem Moment genau das richtige Mittel wählt, die bestimmte Effekte zeitigen und mich zugleich zur Reflexion eben dieser Effekte zwingt.

Was für mich offen bleibt, und diese Lücke produziert die Inszenierung sehr bewusst, ist, wie weitermachen? Welche Konsequenzen ziehe ich aus den scheinbar unvermeidlichen Logiken der Desinformation, der Konfrontation mit dieser Fülle an Eindrücken, affektiven Inhalten und scheinbar unaufhaltsamen Verschwörungstheorien? Ansätze zu einer möglichen Herangehensweise formuliert Birgit Schneider, wenn sie angesichts der gegenwärtig erstarrten Bilder von Klimawandel für eine Verflüssigung der Bilder und Ideen plädiert, die gesichtet, aussortiert und neukombiniert werden müssen. Es gilt, die Realität anzunehmen – und dann weiterzugehen, neue Narrative, positive Visionen und lokale, kleinteilige und vielfältige Utopien in Bezug auf Klimawandel zu bilden, um Überforderung und Verstummen sowie Phänomenen wie Klimaangst, Klimatrauer und Klimadepression produktiv zu begegnen.
Die Frage, ob und wie Theater eine solche „Streckübung des Gefühls“ leisten kann, lässt sich (hier) (von mir) sicherlich nicht beantworten. Aber es lohnt, einmal mehr darüber nachzudenken.
Jessica Hölzl studierte Deutsche Philologie, Indologie und Theaterwissenschaft in Göttingen und Leipzig. In ihrem Promotionsprojekt forscht sie aktuell mit besonderem Fokus auf materialtheatrale Praktiken zur Materialität von Wissen und Wissensproduktion, Konzepten von Körper|lichkeiten, Identitäts- (de)konstruktionen sowie Assoziation als künstlerisches Produktionsprinzip. Neben ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit arbeitet sie im organisatorischen Bereich von Figurentheaterprojekten und schreibt über aktuelle Inszenierungen zeitgenössischen Figuren-, Objekt- und Materialtheaters.
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»FuelNoises« von Stefano D’Alessio
Künstlerische Leitung, Medienkunst, Performance: Stefano D’Alessio/ Kostümdesign: Agnes Varnai/ Visual Design: Enrico Zago/ Bühnenbild, Lichtdesign: Max Windisch-Spoerk/ Producer: Sophie Menzinger/ Foto- und Videodokumentation: Francesca Centonze/ Fotodokumentation: Verena Tscherner/ Outside Eyes: Luigi Guerrieri, Klaus Obermaier, Jolyane Langlois, Ariadne Randall
Mit freundlicher Unterstützung der Kulturabteilung der Stadt Wien, des Bundesministeriums für Wohnen, Kunst, Kultur, Medien und Sport Österreich, Bears in the Park, Symposion Lindabrunn, Angewandte Performance Lab.
In Kooperation mit
Theater am Werk, Wien
Das Gastspiel wird von der Tourneekostenförderung des Bundesministeriums für Wohnen, Kunst, Kultur, Medien und Sport Österreich gefördert.