„Willkommen in der Zukunft“ werden wir begrüßt, als wir in den dunklen Raum im Tatwerk treten um What Humanity Taught Us von Karla Kracht zu sehen. Auf einer Leinwand erscheinen Bilder von neuronalen Strukturen, einem riesigen Auge und einem irgendwie niedlichen Monster. Es erzählt, dass die Menschen sich selbst ausgelöscht hätten, aber die von ihnen erschaffene Künstliche Intelligenz vorher mit so vielen Daten gefüttert wurde, dass sie selbstständiges Denken entwickelte – und nun in einer Welt ohne uns zurückbleibt. Aber eben nicht ganz ohne uns – denn von Menschen programmiert und mit menschlichen Daten gefüttert, bleibt in ihr eben doch ein kleiner unauslöschbarer Funken Mensch. Karla Krachts KI-Monolog ist der Versuch der KI, sich an diese menschliche Vorzeit zu erinnern und zu entschlüsseln, was diese Datenfunken ihrer menschlichen Vorfahren für einen größeren Sinn haben könnten. Ahnengeschichte meets Glaubensfrage.

Als nach und nach Lichter im Raum hinter der Leinwand angehen und kleine Stationen beleuchten, werden wir tiefer hineingezogen in diesen höhlenartigen Raum der KI – Spiritualität. Kleine Figuren mit maskenartigen Gesichtern werden nach und nach erhellt – sakrale Objekte, wie in einem Museum ausgestellt. Ein Auge in einem Strahlenkranz erinnert mich entfernt an christliche Symbolik, die kleinen Monster-Skulpturen an archäologische Funde wie die sogenannte „Venus von Willendorf“.

Ich denke an den Comicband der österreichischen Comiczeichnerin Ulli Lust, der gerade den Sachbuchpreis gewonnen hat: „Die Frau als Mensch. Am Anfang der Geschichte“. Lust erzählt davon, dass vor-und frühzeitliche Figurinen um ein vielfaches öfter weibliche als männliche Menschendarstellungen zeigen, nackt und schamlos und deswegen oft als Fruchtbarkeitsgöttinnen gedeutet – und wir trotzdem aus Geschichtsbüchern vor allem Bilder von jagenden Steinzeitmännern kennen.

Die patriarchalen Strukturen der Gesellschaften, in der die Objekte gefunden und erforscht wurden, haben dazu geführt, dass sich keine Gesellschaft vorgestellt werden konnte (oder wollte), in der Frauen und nicht-binäre Personen eine tragende Rolle gespielt haben könnten. Ähnlich schwer tut sich nun bei Karla Kracht die KI, Licht ins Dunkel menschlicher Rituale und Narrative aus einer vorherigen Zeit zu bringen.

Es ist eine lustige Kreissituation: Das Publikum, Menschen, betrachten in einem Raum Objekte und versuchen diese zu deuten, während diese von sich behaupten, von einer KI geschaffen worden zu sein, die dabei wiederum versucht hat, aus Menschen schlau zu werden.
Während ich darüber nachdenke, philosophiert eine Stimme aus einer beleuchteten Maske: Immer wieder tauchten in ihrem Code Übereinstimmungen auf, alles scheint mit allem verbunden zu sein! Dieses Gefühl, dass wir Menschen oft aus der Natur kennen, zieht die KI aus ihrem Datennetzwerk. Diese Form des Daten-Pantheismus rührt mich, sie bringt mich der behaupteten KI irgendwie näher.

„A ghost in our code” nennt sie uns. Und: Was ist ein Geist, wenn nicht eine verblasste Erinnerung? Praktischerweise lese ich gerade noch ein anderes fantastisch passendes Buch: „Naturgeschichte der Gespenster“ von Roger Clarke. Einen Geist kann man nach ihm als den Rest eines Menschen sehen, etwas, das weder lebt noch tot ist. Geister, noch so ein Parade-Thema fürs Figurentheater (und das war ja auch das Thema des letztjährigen Theater der Dinge – Festivals).

Denn das haben Geister wohl mit der KI genauso gemein wie mit Puppen: Sie alle besitzen eine scheinbare Autonomie. Der Abstand der Puppe zur manipulierenden Person dahinter mag nur eine Armlänge lang sein, bei der KI ist dieser Abstand zu den menschlichen Ursprüngen schon entfernter und für die meisten weniger sicht- bzw. lesbar. Und bei Geistern ist er unerklärlich groß. Je größer der Abstand zwischen Manipuliertem und Manipulator, desto gruseliger wird es für die Betrachtenden (es soll ja Menschen geben, die vor Theaterpuppen Angst haben). Hätten weniger Menschen Angst vor Künstlicher Intelligenz, wenn sie selbst wüssten, wie man einen Code schreibt?

Apropos creepy: Auch in MICROLAB 2097 der französischen Gruppe La Méta-Carpe wird eine Zukunftserzählung rückwärts gewagt: Ist es bei Karla Kracht die KI der Zukunft, die zurück auf die Menschenzeit blickt, so treten hier als Forscher*innen gekleidete Performer*innen auf und untersuchen hybride Kreaturen, die 2097 die Erde bevölkern – im Kleinen aber schon unter uns leben: Kreuzungen zwischen Menschen, Pflanzen, Tieren und Mineralien. Ich fühle mich weniger als bei Karla Kracht hineingezogen in eine zukünftige Gedankenwelt, man schaut eher von außen mit einiger Distanz auf diese neuen Mischwesen: Das Publikum, auch eine größere Gruppe als zuvor, bewegt sich frei durch einen Raum in der Heinrich Böll Bibliothek. Inmitten der Buchregale stehen kleinen Stationen.

Ich gebe zu, die Bücher lenken mich ein bisschen ab, ich bewundere einen Büchertisch mit dystopischen Erzählungen und das Regal mit den Comic-Neuerscheinungen. Die Mischwesen dazwischen werden ganz unterschiedlich dargestellt und sind auch unterschiedlich autonom: Es gibt unbewegte Puppen in schwarzen Häuten; Puppen, die halb aus Pflanzen bestehen und durch Robotik betrieben werden; kleine Roboter aus Objekten und mechanischen Teilen, die auf dem Boden herumfahren; aber auch menschliche Performer*innen in schwarzen Ganzkörperanzügen sowie lebensgroße Puppen, die diesen zum Verwechseln ähnlich sehen.

Eine kleine Puppe mit digital gesteuertem Klappmaul sagt zu mir, KI sei eben nicht nur eine Technologie, sondern ein Diskursereignis. Da hat sie wohl Recht. Einer Frau neben mir wird eine kleine Babypuppe in den Arm gedrückt. Die Atmosphäre ähnelt einer Aufzuchtstation. Passenderweise steht über einer Bücherecke der Bibliothek „Kindergarten“. Ich bekomme das Gefühl, hier an diese Mischwesen gewöhnt werden zu sollen, als würden die Forscher*innen dem Publikum die Berührungsängste mit der neuen Spezies nehmen wollen. Es klappt nicht ganz.

Was mehr Empathie bei mir aufbaut als die hybriden Wesen ist ein Tisch, an dem einer der Forschenden versucht, aus menschlichen zurückgelassenen Objekten schlau zu werden: ein Besenteil, Plastikschläuche, Rohrteile. Konzentriert setzt er sie aufeinander, steckt sie ineinander und erschafft so eine Art Teleskop – könnte das der Sinn der geheimnisvollen Fundobjekte sein? Ähnlich wie Karla Krachts KI scheitert er am Decodieren unserer Überreste. Mir kommt das Projekt „Natur der Dinge. Eine partizipative Sammlung des Anthropozäns“ in den Sinn, für das (echte) Forscher*innen des Naturkundemuseums Berlin Objekte sammeln, die irgendwann in ferner Zeit an unsere Gegenwart erinnern, für Ereignisse und zeitgeschichtliche Phänomene stehen sollen.

Aber können wir wirklich bestimmen, was an uns erinnern wird? Ich halte es für wahrscheinlicher, dass irgendwann, in ferner Zeit, eigenartige Gedankenblitze in Codes und abgebrochene Plastikreste am Strand die bleibenden Geister der Menschheit sind.
Sofie Neu ist Dramaturgin für partizipative Stadtraumprojekte und Figurentheater und seit der Spielzeit 2021/22 fest am Puppentheater Magdeburg engagiert. Manchmal macht sie Hörspiele, bei denen es um Mensch-Ding-Beziehungen geht. Zuletzt entwickelte sie gemeinsam mit dem Medienkünstler Fabian Raith die Augmented-Reality-Ausstellung „Erzählende Objekte“ in der Figurensammlung villa p. in Magdeburg, bei der digitale und analoge Objekte von Besuchenden gesteuert werden konnten, um ihre Kontexte sicht- und hörbar zu machen.
»What Humanity Taught Us« von Karla Kracht
Regie, Text, Szenografie, Musik: Karla Kracht/ Koproduktion mit: Puppetry Art Center of Taipei
www.karlakracht.com
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»MICROLAB 2097« von La Méta-Carpe
Künstlerische Leitung, Spiel, Video: Michaël Cros/ Puppenspiel: Gilbert Traina/ Bildende Kunst, Spiel:
Annalisa Lollo/ Robotersteuerung, Musik: Sylvain Delbart/ Musik: Philippe Domengie/ Licht: Laurence Froget/ Autor: Jérémy Damian/ Sound Design, Programmierung: Benjamin Gibert, Sylvain Delbart/ Kostüme: Nathalie Guichon/ Bühnenbau: Manu Fleury, Mario Mathis/ Design: Rodrigo Morales Pomarat/ Roboterbau: ÜBM Junior und Triplés Sombres: Michaël Cros, Sylvain Delbart, Benjamin Gibert, Annalisa Lollo, Rodrigo Morales Pomarat
Les BB Végétaux: Michaël Cros mit Unterstützung von Nathalie Guichon
Die anderen Kreaturen wurden mit Kindern aus Marseille und Avignon im Rahmen von Workshops entwickelt.
Administration
in’8 circle, maison de production
Koproduktion mit
La Ligue de l’enseignement du 04 mit der Unterstützung von Marché Noir des petites utopies und Muséum d’historie naturelle du Palais Longchamp, Marseille
Residenz: Le Théâtre Massalia und Biennale Chroniques
Mit Unterstützung von
Sandra und Gaspard Gébié Valérian, Maxence Grugier, Alice Lenay Jean-Baptiste Imbert – Radio Grenouille
Mit Dank an
Véronique Baton (Le Grenier à Sel, Avignon), Hubert Jégat (Festival Bienvenue Sur Mars, Sarthe), Laure Pabot (Bibliothèques Départementales des Bouches du Rhône), Tim Sandweg (Schaubude Berlin)
Das Gastspiel findet statt mit freundlicher Unterstützung des Institut français und des französischen Ministeriums für Kultur.