#extra: Hörstücke zu KOMPLEX! – AUßER M. WEIß NIEMAND, DASS BARBIE FEMINISTIN IST

Vom Theaterkollektiv Kompanie 1/10

Schaubude_04_2020_800x600_komplex6Nicht im April, im November 2020 hat die Lecture-Performance Komplex! in der Schaubude jetzt letzlich Premiere. Eigens für den Blog hat Kompanie 1/10 während des Probenstopps derweil Hörversionen von Texten der Inszenierung aufgenommen, die unter die Haut geht: 1 Erinnerung, 2 Barbie-Hymne, 4 Körper, 4 Frau-Sein …

1 Erinnerung

Ich schaue den Werbeclip vom Barbie-Traumschiff und erinnere mich auf einmal. Ich erinnere mich, wie gern ich dieses Traumschiff gehabt hätte. Ein Schiff aus lauter Luxus und der Möglichkeit des echten Erlebens. Denn es gab einen echten Pool mit echtem Wasser. Und man konnte echte Smoothies machen!

Lieber Florian A.,
Entschuldige.
Verzeihung, vor 22 Jahren habe ich es noch nicht gecheckt, jetzt tut es mir leid. Aber ich hatte nie Lust das mit dir zu spielen. Barbiehaus.

Sie will alle aufheben, bis ihre Tochter damit spielen will. Ich: Aber so viele? Willst du nicht einfach ein paar aussuchen. Meine Schwester stellt sich auf: Die braucht man ALLE. Ich will, dass meine Tochter so viele Barbies hat, wie sie möchte.

Um den Hals die Schnur. Kopfüber vom Balkon runter. Baumeln konnten sie. »Tu es ma meilleure amie. Tu viens jouer avec moi? Habille-moi, coiffe-moi et raconte-moi une histoire!«

In der Zeit habe ich untersucht, oder beweisen wollen, dass Frauen alles machen können und nicht die ganze Zeit auf ihr Aussehen achten müssen. Mit zwei Freunden und einer Freundin haben wir eine Metallstabspitze ins Feuer gesteckt und sie auf Barbies Brüste gedrückt, damit das Bild von der perfekten Barbie leidet und sich ändert. Die Haare haben wir auch rasiert.

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Dann war ganz lange nichts. Weg vom Fenster Barbie, weg vom Balkon, wo warst du da Barbie? In meinen Kopf und meinen Gedanken, in meinen Spiegelbild?

those are even the best days, when i’m just not
thinking

Stell dir vor, du wirst dir neue Namen geben, andere werden deine neuen Namen lernen und lieben. Und diese Namen werden vergehen und neue werden kommen.

Lieber Florian, würdest du mich noch einmal fragen, dann würde ich wohl ja sagen.

2 Barbie-Hymne

B B B B B – Barbie! Du Barbie! Ich würde gerne meine Beine tauschen gegen deine. Meine Hüften, mein Bauch. Und oh dein Busen! Ja, dann müsste ich auch deine Schultern nehmen, ist ok, meine gehen immer nach oben. Ich will dein ebenes Gesicht, deine glatten Haare, deine weißen Zähne, die Augen, ohne Brille, deine kleine Nase. B B B B B – arbie!

Drei Worte zu Barbie?
Lange Blonde Haare, große Titten, Plastik
Und drei Worte zu mir und Barbie?
Lange Blonde Haare, große Titten, Fleisch

B B B B B – arbie! Ich will deine Miniröcke, deine kurzen Hosen, deine Kleider und oh dein Lächeln! Ich will, dass alle mich so lieben wie dich, oder wie Svenja, die beim Fenster sitzt, wie Rosa, die die beste ist, wie Romina, oh, du süße Romina. B B B B B – arbie!

Wenn ich Barbie sehe, denke ich, sie ist dumm. Wenn ich schöne Menschen solche die vermeintlich das Schönheitsideal erfüllen sehe, dann denke ich manchmal, sie wären dumm, aber sie hätten es immer schon leichter gehabt mit allem.

B B B B B – arbie!
wie gerade und wohlgeformt mit den Fingern über Hügel
B B B B B – arbie!
und dann schnitt ich ihr die Haare ab. Ratze fatze kurz.
abgeschnürte Hälser
Tüll über Gummi
und knack, knack, knack.
B B B B B – arbie!

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3 Körper

Einer sagte mir mal: Leute, die so rumhängen wie ich, die sind nicht in ihrem Körper.
Ich bin also nicht in meinem Körper. Oder zumindest nicht richtig. Der Gedanke gefiel mir irgendwie.

Kindheit vorbei
Körper bekommt Funktion
Körper bekommt Brüste
Ich gebe sie zur Wette frei.

Wenn wir uns im Freibad verabredeten, durfte ich nichts essen. Nicht davor, nicht währenddessen. Manchmal war es schwierig. Ich habe mir oft gewünscht, in der Masse unterzugehen. Aber darin war ich nie gut.

Dass Jungs anfingen mir hart auf die Brüste zu starren.
Blicke
können töten, zumindest so kleine Sachen da innen drin.

i do want to stay stonished and blind
what is it behind the beauty and the cuty-ness
it’s just there, it’s just where it startet to live it’s own life
half beside, half hidden ready to fight.
without knowing i shine bright

Mir war wichtiger, ein schönes Gesicht zu haben.

those are even the best days, when i’m just not
thinking about my body.

Scheide. Das war echt peinlich. Mein Papa sagte weiterhin Pipi, wenn sich die Erwähnung dieser Körperregion einmal nicht vermeiden ließ.

La chatte – »Die Katze« – lieber gleich das »hard core« Wort benutzen. Es klingt aber in französischen Kontext nicht sehr wehrtschätzend für das Teil.

Das Wort »la figue«– Die Feige, finde ich auch gut getroffen, weil die Konsistenz von beiden sich ähneln und weil die Feige ein geiles Obst ist: edel, empfindlich, richtig lecker und mit einer harte Spitze, die weiße Milch rauslässt.

Stell dir vor, du wirst dir neue Namen geben, andere werden deine neuen Namen lernen und lieben. Und diese Namen werden vergehen und neue werden kommen.

Barbie, bist du in deinem Körper?
Wenn ich dich so anschaue, mit deinen steifen Beinen.

Worte finden. Ist das jetzt ein Beispiel für Performativität? Statt des Heirats-Beispiels:
Ihr seid jetzt Mann und & Frau = performativer Akt.
Liebe Frauen, ihr habt jetzt eine Vulva.
Arme Barbies, nicht mal ein peinliches Pipi habt ihr. 

4 Frau-Sein

Als meine Nichte laufen lernte, steckte sie ihre winzigen Füße in die Stöckelschuhe meiner Schwester, nahm ihre Handtasche und stolperte damit durch den Flur.

Sitz mal gerade, Brust raus, Bauch rein. Schultern runter! Heb die Füße. Hände aus den Hosentaschen! Kapuze aus dem Gesicht, Mütze ab. Mach doch den Mund auf, ich versteh dein Genuschel nicht. Pony aus den Augen, putz doch mal deine Brille. Du bist aber dicker geworden. Isst du zwischendurch zu viel? Ich möchte, dass ihr immer frische, saubere Socken ohne Löcher anhabt, ja ihr könntet ja ins Krankenhaus müssen und dann seht ihr da total verlottert aus! Wenn du dir deine Beine rasierst – waaaaas du rasierst dir deine Beine nicht? – dann werden die Haare dicker und schwärzer als je zuvor. Na, ich mag dich aber mit den langen blonden Haaren, ne nicht abschneiden!!!

Wer eine Frau ist, muss zur Frauenärztin gehen. Die Frauenärztin fragt, wann man seine Periode hatte und nimmt eine Pinkelprobe. Man legt sich auf einen Sessel und macht die Beine breit. Sie steckt kalte Metallstäbe in die Vulva und macht einen Ultraschall. Sie befühlt die Brüste und dann verschreibt sie die Pille. Die darf man nie vergessen zu nehmen, denn dann wirkt sie nicht mehr. Wenn man eine Frau ist, denkt man jeden Tag daran.

Wenn man ein Mädchen ist, muss man aufpassen, sonst wird man geklaut. Das sollte man ein Leben lang: Aufpassen.

auf der Familienfeier die Fotos vom großen Bruder auf der Skaterbahn, im Sprung, auf der Half-Pipe, die Klippe runter, gezeigt wurden und die Bilder von mir: die, in denen ich es eben auch ausprobierte, wie das ist mit Kleid und Schminke, und wenn alle »oh wie schön« sagen, anstelle von »wow saucool«. Da es doch dieselben Bilder auch von mir gibt, Halfpipe, Kliff an Steinklippe.

nicht zu laut sein, nicht zu vulgär, nicht zu viel Platz einzunehmen, nicht zu dumm zu wirken.

wenn ein Mann* dir den Master mitten im Song runterzieht und später seinen DJ-Kollegen Highfive clapped

Wer verführen kann, muss schön sein. Ich begann Küsse zu sammeln um mich schön zu fühlen.

In 6eme (ca. 11 J alt) habe ich von heute auf morgen aufgehört zu weinen, wenn mir irgendwas nicht passte.

von Frauen* die singen, HipHop, R&B, GansterRap. Klein, groß, taff, weich, of Color, Black, weiß, trans, queer, gay, lesbisch, tatowiert, unrasiert, gepeelt, gepierct, iro, afro, Glätteeisen, Tolle, Glitzer, Hemd, Kleid, Pumps, Flip-Flop, grauhaarig, Brille, ohne, fette Klunker, laut, leise, Party, deep, jung, alt inbetween, schlräg, krass, too cool for school, anders, Kreole, Pistole, mit und ohne Kohle.
Einmal sagte mir ein Mensch, ich sei eine Monroe.

Mariline. Marilin Monroe.

Meine Mama hat immer laut und schamlos unter Menschen gepupst.

Zuerst einmal ist man doch Mensch, sollte man meinen. Aber das ist man nicht. Nie. Man ist Geschlecht, ist Papier, ist eine Zahl, viele Zahlen, ein Strich im Farbspektrum und das Streben nach Symmetrie. Man ist das Ergebnis von Geschichte, ein Kräftemessen, ein Beweglichkeitsgrad, ein Datum, eine Sternkonstellation, passt verdammt gut rein oder eben nicht, so sehr Individuum, niemand glaubt daran, dass man eine von vielen ist und die Welt ist sehr nervös, sie wartet nicht.

Feminismus ist wie Foodsharing: Es führt daraufhin zu verschwinden, wenn das Ziel erreicht ist.

Feminismus ist da, um die gerade Linie des Kapitalismus zu kurven.

Zuerst einmal ist man Mensch.
Aber das ist keiner.

Wenn Barbie was zum Klimawandel sagen würde, würde sie dann der Bewegung schaden?

Sie ist mein Seppel. Solch ein Kompliment! Danke aber das habe ich nicht verdient!
Spitzbübig, unglaublich. unberechenbar.

Ich wünsch mir eine neue Generation von Namen, denn spätestens da fängt die Problematik an.

hinreißend, dass man alle zweiundfünfzig Jahre einfach ein neues Zeitalter startet, nämlich alles vorhandene Geschirr zerschmettert, alle Herdfeuer löscht, dann vom Tempel her das gleiche Feuer wieder ins ganze Land hinausträgt, die ganze Töpferei neuerdinggs herstellt; ein Volk, das einfach ausbricht und seine Städte (unzerstört) verlässt, einfach aus Religion weiterzieht, um nach fünfzig oder hundert Meilen irgendwo in diesem immergleichen Dschungel eine vollkommen neue Tempel-Stadt zu bauen

Stell dir vor, du wirst dir neue Namen geben, andere werden deine neuen Namen lernen und lieben. Und diese Namen werden vergehen und neue werden kommen.

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Komplex! – Außer M. weiß niemand, dass Barbie Feministin ist
Complex! — Other than M., no one knows that Barbie is a feminist
Kompanie 1/10, Stuttgart/Binzen
Lecture-Performance mit Figurentheater, Dauer: 60 min

»61 Jahre Barbie … Haben Sie früher mit Barbies gespielt? Ihre Haare frisiert, ihre Knie knacken lassen, ihren Kopf abgerissen? Und heute, was ist Barbie für Sie? Wussten Sie, dass sie die Kopie einer deutschen Pin-up-Girl-Puppe ist? Und wussten Sie, dass sie für ihre Erzeugerin eine Wegbereiterin der Emanzipation ist? Barbie als Bild der modernen Frau: unabhängig, aufrecht, attraktiv … Wie können wir uns von Idealen freimachen?«

Premiere: November 2020 während Theater der Dinge @ Schaubude Berlin

Koproduktion mit FITZ!, Stuttgart
Text: Ensemble, Anna Renner
Regie: Iris Keller
Spiel: Li Kemme, Coline Petit
Musik: Marius Alsleben (Beratung), Li Kemme
Produktionsleitung: Marie-Christine Kesting
Fotos: Iris Keller

Gefördert von: Fonds Darstellende Künste e. V., Landesverband Freier Tanz- und Theaterschaffende Baden-Württemberg e. V. aus Mitteln des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst des Landes Baden-Württemberg


www.facebook.com/kompanieeinszehn
#komplex

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