„… dass wir genau vier Internets erforscht haben.“ Ein Gespräch über Memes, künstlerische Forschung und Politik im Internet. 

Alina Weber und Sven Björn Popp von virtuellestheater und Kathia von Roth und Torben Spieker von der Spieleberatung haben sich diesen Sommer mit den Metamorphosen von „Pepe, dem Frosch“ sowie der Performativität von Memes beschäftigt. Nach dem Festivalfrühstück, in dessen Rahmen die Gruppe Fragen, Methoden und Ergebnisse ihres Forschungsaufenthalts präsentierten, trafen Beate Absalon und Sebastian Köthe sie für ein Interview.

Die ungefilterte Dokumentation ihrer Forschungsresidenz an der Schaubude Berlin ist zu finden unter: magicmemes.org

SK: Ihr hattet im Sommer eine Forschungsresidenz in der Schaubude. Was habt ihr erforscht?

TS: Es wurde erforscht wie Internet-Memes, also Gedanken und Praktiken, die sich online beispielsweise in Form von humoristischen Bildern oder „viralen“ Ausdrucksweisen verbreiten, die Realität beeinflussen und so ihre sogenannte „Meme-Magie“ entfalten. So hat sich das bekannte Meme „Pepe der Frosch“ etwa von einer anarchistischen Wohlfühlfigur zu einem symbolhaften Charakter für die amerikanische Rechte entwickelt und maßgeblich den Wahlkampf von Donald Trump befeuert. Es entsteht also eine kollektive Bespielung und Entwicklung von Figuren und Gedanken durch die Netzgemeinde, deren Performativität den Mittelpunkt der Residenz gebildet hat.

SK: Wie habt ihr geforscht, wie kann man an einem Theater im Internet forschen?

KvR: Erstmal fast gar nicht, da in Theatern selten eine gute Internetanbindung gegeben ist. Leider wirklich ein Thema. Auch daran stellt sich für mich die Frage: Was will oder kann das Theater für ein Möglichkeitsraum sein? Ein Raum mit Bühne, in dem viele Menschen zusammen kommen können, wie kann dort heute ein Raum für gesellschaftliche Auseinandersetzung geöffnet werden und welche Bedingungen sind hierfür nötig? Theater kann diesen Raum verlassen, Bildungsformate und Diskussionen können diesen Raum nutzen…

AW: Da gibt’s nicht wirklich einen wissenschaftlichen „So forscht man richtig“-Ansatz, sondern wenn ich so gut Sachen herausfinden, dann mach ich das so. Wir hatten viele Stillarbeits-Phasen, in denen ich zum Beispiel versucht habe herauszufinden, warum dieses blöde Waffel-Meme mit den Klecksen witzig ist. Sven hat Videos bei Youtube rausgesucht, Kathia liest währeddessen drei Bücher quer und Torben lurkt ein bisschen in Internetforen. Dann treffen wir uns wieder und teilen, was wir herausgefunden haben. Wir saßen also zusammen auf der Bühne und haben versucht, Dinge herauszufinden. Das ist  eine Methode.

SBP: Theater hat sich in der Vergangenheit immer mit Technologien und ihren Auswirkungen auf Gesellschaft beschäftigt. Aber den Schritt zur Digitalisierung ist es halt nicht mitgegangen. Seit das Internet „passiert“ ist, sind wir doch die ganze Zeit nur noch am Kommunizieren, und das muss man mehr aufs Theater holen. Und weil das nicht passiert, muss man daran forschen.

SK: Wie verhaltet ihr Euch da zum Begriff der künstlerischen Forschung?

KvR: Die Idee der künstlerische Forschung macht stark, dass einerseits eine gewisse Expertise zugeschrieben wird, die als Legitimation fungiert, andererseits in dieser Expertise eine naive und unbedarfte Perspektive eingenommen werden kann. Sich einem Forschungsgegenstand mit dieser Unbedarftheit, also eben genau nicht als Expertin für den Gegenstand zu nähern, ermöglicht kreatives und spielerisches Fragen. Diese Perspektive ist auch für eine niedrigschwellige Vermittlung von gewonnenen Erkenntnissen wichtig, da die meisten Menschen einem Thema eben nicht als Expertin gegenüber stehen. Künstlerische Forschung öffnet einen Raum, um Dinge auch nicht-wissenschaftlich herbeizuführen und zu interpretieren.

BA: Mich interessiert das noch mehr, was Eure Methode ist. Wenn ihr Euch also als nicht-wissenschaftlich abgrenzt, was genau ist Eure künstlerische Methode? Mit Naivität kann ja auch ein Physiker herangehen, und fragen: Warum fällt der Apfel so herunter?

SBP: Bei naturwissenschaftliche Forschung geht es ja immer um Wiederholbarkeit, um dann in Experimenten eine allgemeine objektive Regel zu finden. Künstlerische Forschung ist im Gegensatz dazu subjektiv. Jeden von uns hat ein anderer Aspekt interessiert, und wir haben versucht, das subjektiv durch uns durch zu filtern und durch uns durch zu verstehen… da geht es dann auch weniger um Naivität, sondern um einen anderen Blick, als ihn etwa eine Wissenschaftlerin hat – ohne vorher festgelegtes Ziel eine Form der Improvisation, Recherche-Kreation…

KvR: Wissenschaftliche Forschung muss einer Prüfung auf Schlüssigkeit standhalten können. Künstlerische Forschung profitiert da von der sogenannten künstlerischen Freiheit. Wir haben einige Thesen und Ideen in unserem Forschungsprozess gar nicht erklärt und auch damit gespielt, das nicht zu tun. Gleichzeitig haben wir als Künstlerinnen eine Sprache, die Dinge vermitteln möchte. Das ist dann, gerade wenn wie bei uns der Prozess dokumentiert wird, wie ein Durchfließen von Erkenntnissen.

BA: Welche Methoden aus Eurer Theatererfahrung habt ihr genutzt?

KvR: Aus dem Theater kommend haben wir einen bestimmten Blick für Charaktere und Figuren. Sich hineinversetzen, sich Motivationen für gegebene Handlungen oder Worte erschließen – wir haben uns alle schon intensiv mit dem Aufbau von psychologisch-realistischen Szenen beschäftigt und auch wenn das keine Theaterform ist, mit der wir gerne arbeiten, ist das ein Toolset, das wir anwenden konnten, um Gesprächszusammenhänge und Handlungsstränge im Kontext von Internet-Memes zu analysieren. Was unsere beiden Gruppen verbindet ist das künstlerische „as if“ – „was wäre wenn“ als Mittel in verschiedenen Setzungen Probehandlungen durchzuführen und zu reflektieren.

BA: Kann eine Gruppe von Menschen wie ihr sagen: „Wir versuchen jetzt das Internet zu verstehen!“, obwohl das ja von vornherein zum Scheitern verurteilt ist, weil es dieses große Ding ist, das niemand von uns so richtig versteht? Wie geht man mit dem Scheitern-Müssen um, oder wie kriegt man so etwas tentakel-weirdes wie das Internet handhabbar?

AW: Genau das haben wir uns auch gefragt. Und deshalb gleich an einem der ersten Tage Plakate draußen an die Eingangstüren zur Greifswalder Straße gehängt und draufgeschrieben: „Können wir schnell genug denken, um das Internet zu erforschen?“

KvR: Es gibt ja auch das Internet nicht, sondern immer nur das Internet, welches ich erfahre, wenn ich mich darin aufhalte, weil ich es immer mit beeinflusse. Das bedeutet, dass wir genau vier Internets erforscht haben, nämlich unsere vier Wege darin. Das Internet ist ein dezentraler, in permanenter Wandlung begriffener Raum – wenn wir es denn Raum nennen wollen. Und es gibt keinen Aussichtspunkt, von dem mensch das überblicken kann.

SK: Wie hat der Aufenthalt an der Schaubude euer Projekt verändert, also dass ihr an einem Figuren- und Objekttheater wart?

AW: Am aktiven Theaterbetrieb konnten wir nicht so viel partizipieren, weil während unserer Residenz Theaterferien waren. Wir hatten sozusagen sturmfrei im Theater. Ich glaube, unser Antrag kam auch wegen dem Pepe-Frosch so gut an, allerdings vermute ich, dass sich die Menschen hier mehr was Haptisches vorgestellt haben. Ich wurde öfter gefragt: „Wo ist denn Eure Puppe? Wo ist der Frosch?“ Aber der war ja da – nur eben im Internet, auf unserem Blog… Ich persönlich habe das  sehr genossen, vier Wochen in etwas reinzugehen, ohne mir Gedanken über die Umsetzung machen zu müssen..

KvR: Und unser Mentor [Christian Heller aka plomlompom] hat viel Wissen und Erfahrung zu dieser „Internetkultur“ mitgebracht, dafür weniger zum Theater, was für uns eine interessante Begegnung war. Wir konnten zu Anfang erst einmal ganz konkret lernen und uns Dinge erklären lassen.

TS: Für viele Memes ist die Herkunft ganz entscheidend, deswegen war es super, jemanden dabei zu haben, der sich damit auskennt. Vieles bezieht sich auf etwas vor 15 Jahren, von dem ich noch nie gehört habe und von dem ich nie erkennen würde, dass das da drin ist.

KvR: Das kontextuelle Wissen ist genau der Reiz dieser Szene.

BA: Gab es etwas, was besonders gruselig war? Das kann ich mir vorstellen, wenn man sich immer tiefer in diese Welten hereinbegibt. Etwas, was Euch sehr beschäftigt, irritiert, oder begeistert hat?

SBP: Inhaltlich total. Zum Beispiel als wir uns darüber unterhalten haben, ob das wirklich Rechte sind, oder ob das „nur“ eine komische Armee von Trollen ist, die einfach provozieren wollen, die für die enorme Masse an Alt-Right-Memes verantwortlich ist. Und dafür rechte (oder sexistische/rassistische/usw.) Aussagen oder Positionen eigentlich nur „benutzen“, weil sich damit am einfachsten provozieren lässt. Die verbreiten diese Inhalte quasi, ohne wirklich an die dahinterstehende Ideologien zu glauben – zur Rede gestellt wird nämlich oft alles abgestritten, beziehungsweise sich auf Humor oder die Meinungsfreiheit berufen. Aber kann man solche Inhalte überhaupt nutzen und KEIN Nazi sein? Es gibt ja den sogenannten Ententest: „If it walks like a duck and swims like a duck and quacks like a duck – it must be a duck!“ Ich bin da trotzdem noch nicht zu einem abschließenden Punkt gekommen.

KvR: Für mich war schockierend, wie viel Zeit Leute mit sowas verbringen und gleichzeitig hat mich begeistert, wie viel unnützen Aufwand mensch da so betreibt. Es gab Internet-Memes, über die wir uns einfach totgelacht haben, während wir immer noch krassere Varianten gefunden haben. In so einem Moment lache ich vor Allem darüber, dass ich weiß: ein menschliches Wesen hat viel Zeit und Mühe investiert, um das jetzt genau so zu machen. Das ist eine Art von Humor die ich sehr schätze.

Total spannend war, als wir einen ehemaligen Krautchan-Moderator zu Gast hatten. Krautchan war für normalsterbliche Nutzerinnen anonym, während die Moderatorinnen die IP-Adresse sehen und somit Nutzerinnen identifizieren konnten. Anfangs war Krautchan, ähnlich wie andere Imageboards einfach ein Ort der bitteren Ironie, mit viel Content unter der Gürtellinie und natürlich auch „Naziwitzen“. Als dann die vermeintlich „echten Rechten“ diese Imageboards entdeckt und sich scheinbar ausgebreitet haben, war für die Moderatorinnen schnell sichtbar, dass es sich immer nur um einige wenige Userinnen handelte, die in der Anonymität behaupteten Viele zu sein – klassische Trolls.

Total empowernd für uns war, dass beim Nachvollziehen von Online-Diskussion bestimmte Patterns von Eskalationsspiralen sichtbar geworden sind, die sich im Weiteren auch übertragen ließen. Über diesen Lerneffekt bin ich total dankbar. Wir haben in unserer Forschung alle richtig fett viel gelernt, und es ist eine Schande, dass im Förderkontext oft so getan wird, als wäre es in vier Wochen möglich, sich einem Thema zu nähern  und eine Produktion dazu zu erarbeiten. Künstlerische Forschungsformate sind ein wichtiger Denkraum und sollten stärker gefördert werden.

Und es gibt offensichtlich eine Bildungsnotwendigkeit rund um das Thema Internet-Memes und Rechtspopulismus. Die Mechaniken von Social Media gehören da genauso dazu, wie die Idee von Meme-Magic. Sollten wir so etwas nicht in der Schule unterrichten? Darüber muss es Aufklärung geben.

Nachgespräch zum „Aufstand der Dinge“

Nach der Berlin-Premiere von „Aufstand der Dinge“ am Sonntagabend hatten Beate Absalon und Sebastian Köthe die Gelegenheit, mit den Künstler*innen vom Figurentheater Chemnitz zu sprechen. Claudia Acker (Spiel), Gundula Hoffmann (Direktorin Figurentheater), Mona Krueger (Spiel), René Schmidt (Dramaturgie) und Mirko Winkel ((Regie, Ausstattung) haben sich dabei nicht nur den Fragen der Moderator*innen gestellt, sondern auch denen des Publikums. Wer das Gespräch verpasst hat, kann es nun nachholen und mehr darüber erfahren, wie die Gruppe gearbeitet hat und wie die Dinge die Wende erlebt und überlebt haben.

Pre-Show Talk with René Duursma of „Smalfilm“

Before the Berlin premiere of Smalfilm, Beate Absalon and Sebastian Köthe as well as some audience members had a chance to talk with the curator of Gronings AudioVisueel Archief René Duursma, who not only helped to select the film materials but also composed and played the music of the lecture performance.

In case you missed the talk, you can listen to an excerpt here:

„… was von der Vergangenheit übrig bleibt, sind Dinge.“ – Ein Gespräch mit Tim Sandweg

tdd_2018_TagebuchBevor das Festival so richtig los geht, haben Beate Absalon und Sebastian Köthe Tim Sandweg, künstlerischer Leiter des Festivals und Intendant der Schaubude, einige Fragen zur diesjährigen Edition von „Theater der Dinge“ stellen können:

Das Festival „Theater der Dinge 2018 – Von der Verlorenen Zeit“ kreist um die Themen des Erinnerns, der Zeitzeugenschaft und der Hinterlassenschaft. Warum ist das hier und heute ein wichtiges Thema?

Unsere Festivalthemen sind ja immer das Ergebnis von vielen Vorstellungsbesuchen und Gesprächen mit Künstler*innen und es war doch auffällig, dass uns sehr viele Projekte begegnet sind, die sich mit der Frage nach der Vergangenheit beschäftigten. Das ist, wenn man sich die politische Lage in Europa oder auch weltweit anschaut, vielleicht auch gar nicht so verwunderlich, denn Erinnerung, Geschichte, das hat ja immer auch etwas mit Identitätspolitiken zu tun, gerade wenn wir von nationalen Identitäten sprechen. Und der Kampf um die Deutungshoheit über die Erinnerung, der tobt ja bereits. Ich denke da an Museumsdirektionen, die zum Beispiel in Polen oder Ungarn neu besetzt werden, um die Vergangenheit im Sinne einer neuen Regierung zu erzählen und darüber eine nationale Identität zu formen. Aber auch wenn wir nach Deutschland blicken: Wie wird denn eigentlich die ostdeutsche Vergangenheit erzählt? Doch eigentlich auch meistens aus Perspektive der „alten“ Bundesrepublik. Ich denke, dass diese Narrative, die ja immer die Geschichtsschreibungen der Gewinner*innen sind, maßgeblich zu den sozialen Spannungen beitragen, mit denen wir heute konfrontiert sind.

Dem Blick in die Vergangenheit haftet oft etwas Konservatives oder sogar Lähmendes an. Müssen wir der titelgebenden „verlorenen Zeit“ nachtrauern – oder gibt es etwas Progressives am Zurückschauen?

Dieser Satz, dass früher alles besser war, erzählt natürlich wahnsinnig viel über unser Heute. Ich empfinde ihn als eine Art Hilferuf: Man wünscht sich etwas zurück, was es natürlich so nie gab, was es so nur in der Erinnerung gibt. Aber man hat den Eindruck, die Vergangenheit kann man irgendwie überblicken, im Gegensatz zur Gegenwart. Uns geht es darum, genau diese Eindeutigkeit, die offizielle, aber durchaus auch partikulare Geschichtsschreibung behauptet, in Frage zu stellen: Wir haben es mit Erzählungen, mit Deutungen, letztlich mit performativen Prozessen zu tun. Und die eingeladenen Künstler*innen interessiert, den offiziellen Strängen alternative Geschichtsschreibungen entgegen zu stellen und damit die Vergangenheit etwas, nunja, zu perforieren.

Was hat es mit dem Titel auf sich. Bei Proust ist es ja die Suche nach der verlorenen Zeit. Ihr habt die „Suche“ nun fallen gelassen und handelt nur noch „Von der verlorenen Zeit“. Findet die Suche auf der Bühne ihre Erfüllung oder ist sie hoffnungslos?

Wir haben ja nicht nur die „Suche“ aufgegeben, wir haben auch das „nach“ in ein „von“ gewandelt. Die Inszenierungen erzählen eben „davon“ – natürlich in ganz vielen Fällen, indem sie die Suche verhandeln: La Bande Passant erzählt ihre Suche nach einer Person aus einem zufällig gefundenen Fotoalbum, Ludomir Franczak stellt seine unglaublich umfangreiche Recherche um eine heute vergessene polnische Op Art-Pionierin aus. Vielleicht ist eher die Frage, ob die Suche jemals enden kann, die verlorene Zeit ist ja vielleicht in dem Sinne verloren, dass sie nicht mehr greifbar dafür aber offen für Interpretationen ist.

Hat das Figurentheater eine besondere Fähigkeit, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen?

Das, was von der Vergangenheit in aller Regel übrig bleibt, sind ja Dinge. Und diese Dinge werden dann ausgestellt und kontextualisiert, um eine Geschichte, um die Geschichte zu erzählen. Das ist für meine Begriffe recht nah an dem, wie Figuren- und Objekttheaterschaffende arbeiten, wobei aber beim Figurentheater der Prozess der Narration immer offen liegt und im Dialog zwischen Mensch und Material hinterfragt werden kann. Das finde ich gerade spannend, dadurch stellt man die Geschichte, die man erzählt, auch sofort wieder in Frage.

Viele Stücke kreisen um konkrete Medien der Erinnerung: Videokassetten, Fotoalben, Flohmärkte oder Tagebücher. Wie unterscheidet sich eine theatrale Arbeit mit diesen Gegenständen vom bloß persönlichen Gebrauch? Wie entsteht etwas Mehr-als-Privates?

Der Ansatzpunkt ist ja auf der Bühne oder im Privaten vergleichbar: Ein Ding löst Erinnerungen aus. Vermutlich kennen wir das alle, wir finden etwas im Keller wieder und erinnern uns an etwas, was scheinbar im Gedächtnis verloren war. Gerade bei diesen sehr privaten Gegenständen ist es natürlich interessant, wenn sie öffentlich werden: Ich denke da an das besagte Fotoalbum, aber auch an die Filme aus dem Groninger Amateurfilmclub, die bei „Smalfilm“ eingesetzt werden. Das sind ja eigentlich alles Dinge, die für einen privaten Kontext bestimmt waren, die jetzt auf der Bühne aber plötzlich über sich hinauswachsen, eben weil sich Künstler*innen mit ihnen beschäftigen und sich die Biographien von Mensch und Ding verbinden.

Hast Du einen Geheimtipp für die Besucher*innen, was dürfen sie auf keinen Fall verpassen?

Diese Frage ist für mich immer sehr schwer zu beantworten – gerade in diesem Jahr bin ich sehr glücklich mit dem Programm. Natürlich gibt es Produktionen, die mir persönlich vielleicht sehr nah sind – ich denke da an „Bildraum“, wo man in einen Bilderstrom zwischen Architektur und Fotografie gezogen wird und leere Räume sich mit eigener Imagination füllen. Oder bei „Chronik der Zukunft“ – das ist vielleicht das Projekt, das mich am längsten beschäftigt hat, weil es die Tschernobyl-Katastrophe konzeptionell sehr intelligent an eine private Biographie bindet und auf ganz fantastische Weise Puppenspiel, Schauspiel und Musik zusammenführt. Und natürlich freue ich mich sehr, dass die Agentur der Objektdetektive „El Solar“ für uns forschen konnte – ich war gestern im Spielort im Weinsalon in der Schreinerstraße, mir wurde aber noch nichts verraten.

Foto: El Solar