Anna Menzel: COWBOY BOB

#TakeCareResidenzen, Projektzeitraum Dezember 2020 bis Januar 2021

Immer auf der Suche nach Outlaws und Widersprüchen, wird meine nächste Produktion im Rahmen des Theaterkollektivs LOVEFUCKERS von einer Frau handeln, die all das in sich vereint: Peggy Jo Tallas alias Cowboy Bob. Im Rahmen der Residenz habe ich zu ihrem Leben recherchiert, eine Grundidee für ein Corona-taugliches Solostück und Texte entwickelt. In der Bühnenfassung möchte ich Peggy Jo‘s Abgründe mit Puppen, Pop, Performance und Projektionen ergründen und selbst endlich mal ein Cowboy sein!

2. Szene

1. Mai 1991, Irving, Texas – Polizeistation/Sheriff‘s office → Powell, Polizist = Puppen
Auftritt Agent Powell

Agent Powell, FBI Dallas – Bankräuber Unit.
Detective Richard Long. Willkommen.
Was wissen wir?
Überfall auf die American Federal Bank in Irving. Der Täter ist männlich und war allein. Haben wir die Aufzeichnungen von den Sicherheitskameras?
Ja, Sir.

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Nichts. Sein Gesicht ist nicht zu erkennen. Große Sonnenbrille, Cowboyhut, Bart…der Bart sieht falsch aus.
Er hat den Hut falsch herum aufgesetzt…
Und das in Texas. Ungewöhnlich.. Was macht er da? Er gibt das Geldbündel zurück.
Vielleicht war ne Farbbombe drin.
Der Typ ist clever. Kein Anfänger. Checkt die Bündel nach Farbbomben. Er geht rein, kassiert das Geld und ist nach 60 Sekunden wieder draußen. Das ist ein Profi. Haben wir irgendwelche Informationen zum Fluchtfahrzeug?
Nichts, Sir. Keine Zeugen, kein Kennzeichen.
Wir haben also grundsätzlich keine Beweise und keine Anhaltspunkte?
Richtig, Sir.
Son of a…

Die Story +++ Spoiler alert +++

Die Stimmen und Meinungen über Peggy Jo Tallas sind so unterschiedlich wie Tag und Nacht: Die einen kennen sie als zierliche, alleinstehenden Frau Mitte Vierzig, die sich mit Minijobs über Wasser hält. Als eine warmherzige, manchmal einsame, unauffällige und fürsorgliche Frau, die sich immer an die Geschwindigkeitsbegrenzung hält und sich liebevoll um ihre kranke Mutter kümmert.

Die anderen kennen Peggy Jo als den Bankräuber Cowboy Bob, der zwischen 1991 und 1992 eine Reihe von Banken in Texas überfällt. Er hat einen kleinen Bierbauch, trägt einen Cowboyhut und einen Bart. Während der Überfälle bleibt er cool, gelassen und höflich. Er ist clever. Er weiß, wie er die Sicherheitskameras meidet, kontrolliert die Geldsäcke auf Farbbomben und tauscht vor jedem Überfall sein Kfz- Kennzeichen gegen ein gefälschtes aus. Cowboy Bob hält Polizei und FBI in Atem, sie haben keine Spur. Doch eines Tages vergisst er, sein Kennzeichen zu wechseln. Ein Kunde merkt es sich und meldet es der Polizei. Es führt zu Peggy Jo Tallas.

Der Plot: Mood Boards & Fragen

FBI Agent Steve Powell ist fassungslos, denn er hat die ganze Zeit nach einem Mann gesucht. Nur 5 % aller Bankräuber in den USA sind Frauen. Die meisten von ihnen sind sogar nur Mitläuferinnen, die aus Liebe zur Täterin werden. Peggy Jo ist aber nicht nur ein Anhängsel, sondern ein Cowboy im Alleingang. Sie ist geschickt und schnell. Ein Überfall dauert nie länger als eine Minute. Sie ist immer unbewaffnet und hat nie jemanden verletzt. Agent Powell beschreibt sie als den außergewöhnlichsten Bankräuber ihrer Generation.

Peggy Jo lebte in zwei Welten. In der einen Welt war sie unsichtbar, in der anderen war sie der Inbegriff von Wildem Westen, der Schlagzeilen machte. Warum! Suchte sie nach dem Kick, der ihr Leben lebenswert macht? War sie wütend? Fühlte sie sich von der Welt alleingelassen? Hat sie den ersten Bankraub aus Geldnot begangen oder hat es ihr einfach Spaß gemacht? War Peggy Jo Tallas der Cowboy, der wir alle manchmal sein wollen oder sein sollten?


Anna Menzel studierte Puppenspielkunst an der HfS »Ernst Busch« Berlin. Sie ist Mitbegründerin der Theaterkompanie LOVEFUCKERS und arbeitete als freie Puppenspielerin für Film, Fernsehen und Theater. Von 2013 bis 2016 war sie Ensemblemitglied im Theater Junge Generation Dresden. Seit 2017 ist sie wieder als freiberufliche Puppenspielerin und Regisseurin tätig.