StageJam #1 oder »Where the f*** are we?!« – ein digitales Experiment

Prozessdokumentation in Deutsch + some English

»…It’s not only about working on something, but it’s also a great way to get to know other people and their way of working…«*

Ansicht Gather Town
Das Schaubude-Foyer auf Gather Town (aka Gather) als Ausgangspunkt von StageJam #1, einer Woche kollektiver, digitaler Zusammenarbeit von 3 Künstler*innen-Gruppen

»Der offene Prozess war für uns sehr spannend. Wir haben neues Terrain betreten und versucht Strategien zu entwickeln, die für uns wichtige Aspekte des Theaters mitdenken: Interaktion, Liveness, visuelle Komposition. Es war auch spannend zu wissen, dass mehrere Teams mit ganz unterschiedlichen Vorerfahrungen und Expertisen gleichzeitig arbeiten.«**

Im Verbundprojekt »Neue Gemeinschaften« der Schaubude Berlin und des MA-Studiengangs Spiel und Objekt werden Möglichkeitsräume für digital gestützte Dramaturgien sowie neue delokale und interaktive Formen der Zusammenarbeit erforscht. In diesem Rahmen waren die Künstler*innen-Gruppen systemrhizoma, Anna Kpok sowie Fabian Raith und Matias Brunacci vom 13. bis zum 17. September 2021 zum experimentellen Format StageJam #1 eingeladen. Es galt, das performative Potenzial der Online-Plattform Gather Town zu testen und hierfür kurze Spiel- und Theaterformate zu entwickeln. Der kollektive Arbeitsprozess fand über remote Tools wie Discord oder Twine statt.

Um die Bedingungen und Schritte dieser Art des Zusammenarbeitens sichtbar zu machen, beantworteten die Teams täglich Fragen (daily questions) und posteten Schnappschüsse (daily captures) des Status Quo auf einem eigens angelegten Discord-Server.

Hier dokumentieren wir auszugsweise Stationen der StageJam-Woche – und fangen zur besseren Verständlichkeit mit der Präsentation der Ergebnisse, also von hinten, an.

Tag 5: StageTests mit Teilnehmenden aus den Teams von Schaubude und Spiel & Objekt

systemrhizoma hat mit der Performance »EXPONAT: Kollektivkörper« versucht, analoge und digitale Körper des Publikums miteinander zu verbinden:

»Wir erstellten mehrere Räume auf Gather, durch welche die Teilnehmenden von der ersten Idee bis zum fertigen Exponat von uns als ›Coordinators‹ begleitet wurden. Dabei standen die Fragen im Vordergrund: Wie kann unser kollektiver Körper im Gather Space, in dem wir unsere Zeit teilen, aber räumlich getrennt voneinander sind, aussehen? Welche Eigenschaften kann er haben?«

Das Performance-Kollektiv Anna Kpok testete die spielerischen Möglichkeiten von Gather Town aus und legte dafür verschiedene Handlungspfade an:

»In unserem kleinen Gather-Game haben die Spieler*innen den Auftrag, die zukünftige Kommunikation mit außerirdischen Leben mitzugestalten. Als Stellvertreter*innen der Spezies Mensch wandern sie von Raum zu Raum auf der Suche nach einer präzisen Darstellung dessen, was ein Mensch in Deutschland ist. Auf geht’s!«

Fabian Raith und Matias Brunacci machten in ihrem Projekt die vorgegebenen Strukturen von Gather Town selbst zum Thema:

»In unserem Space ging es um die Bewusstmachung der vorgegebenen Bewegungsmöglichkeiten und der Strukturen auf Gather. Wir akzeptieren im Digitalen oft Dinge als gegeben, die es eigentlich nicht sind und gehen mit ihnen um, als ob sie eine Art zweite Natur wären. Diese zweite Natur und unseren Umgang damit wollten wir hinterfragen.«

Entstehungsprozess

Tag 1: Wie beginnen? / How to start?

»Create a place, find an avatar, overcome the first scepticism, put a whiteboard in the middle and start to brainstorm: three figures in a botanical garden…«

systhemrhizoma

Tag 4: Time to reflect

Wie war euer Prozess und welche ästhetischen und inhaltlichen Strategien habt ihr erforscht, um Besucher*innen in einem virtuellen Raum in Interaktion zu bringen? Wie erforscht ihr diese Strategien, wenn noch kein Publikum da ist?

»Nachdem wir Gather Town erkundet und unsere ersten Eindrücke ausgetauscht haben, haben wir drei Versuchsaufbauten entwickelt und einander vorgestellt. Dafür waren wir auch jeweils unser eigenes Testpublikum. Die Strategien zur Interaktion waren: unterschiedliches Wissen erzeugen, so dass die Wissenslücken durch Austausch gefüllt werden mussten, das gemeinsame Bauen im Raum, offene Fragen stellen und um Beantwortung bitten, um sich als Teilnehmende gegenseitig kennenzulernen, das Erfüllen analoger Tasks und ein gegenseitiges Berichten davon, In-Kontakttreten durch Schrift (Chat) und/oder gesprochenes Wort und die individuelle Adressierung der Teilnehmenden.«

systemrhizoma

Anna Kpok (daily captures in umgekehrte Reihenfolge): über Zettelzeichnungen und playing around zum elaborierten Story-Baum

»Wir haben versucht eine Gesamtdramaturgie zu bauen, eine Geschichte, die die Spieler*innen motiviert, sich einzubringen und sich durch die verschiedenen Räume zu bewegen. Wir haben früh ein Grundgerüst der Räume angelegt und dann weiter ausgebaut. Außerdem haben wir uns oft aufgeteilt, um möglichst viele unterschiedliche Aspekte entwickeln und ausprobieren zu können. Dazu mussten wir uns viel austauschen. Am Abend vor unserem Stage-Test haben wir das Spiel bereits mit Freundinnen getestet und ihre Anmerkungen noch eingebaut.«

Anna Kpok

Fabian Raith & Matias Brunacci: »Doom or Pokemon« – Spielen mit Ästhetik und Struktur

»We actually rather tried to focus on the aesthetics and make something that is based on the aesthetic principals of the platform and our ways of moving on them. We are all more or less used to video conference tools by now and we wanted to get the people rather to interact with the platform and themselves than with others. So, we tried to develop that, based on our perception of how we used these platforms.«

Fabian Raith & Matias Brunacci

Tag 2: Remote Zusammenarbeiten, aber wie? Und wie fühlt sich das an?

»During the day we all work alone, connected through telegram for quick questions. This morning we had a lot of ›where the f*** are we?!‹ moments, while trying to use Gathertown, Discord, Zoom and Telegram at the same time for different tasks..«

Anna Kpok

»It feels more like an ‚inbetween‘: inbetween spaces and inbetween bodies. … It appears as clicking between many open windows, using various programmes, looking onto different screens (monitors, phones, laptops), communicating via chat, video call and shared documents, being represented by media such as written word, webcam, recorded voice and avatar gestures, changing analogue spaces such as the kitchen for fresh tea, another room for the charger, different work positions from desk to couch to floor – and all of that SIMULTANEOUSLY. It somehow feels like discovering and acknowledging a physical state of multitasking, of dedicating different parts of your body to different tasks at the same time.«

systemrhizoma

»We never really forget that we are not in the same physical space, especially as we also have periods where we are not in touch and work on tasks that we pre-defined. … But we actually cheated a little bit and met in person on the first day, which was also important as a starting point.«

Fabian Raith & Matias Brunacci

Die Zitate zu Beginn des Artikels stammen von *Fabian Raith & Matias Brunacci und **systemrhizoma


systemrhizoma ist ein Künstler*innen-Netzwerk aus Hildesheim, das einen zeitgenössischen choreografischen Ansatz verfolgt, bei dem die Beziehung zwischen Körper, Bewegung, Raum, Objekten, Licht und Sound eine zentrale Rolle einnimmt. Neben kollektiven Inszenierungsprozessen kreieren sie Vermittlungs-Projekte, in denen gesellschaftlichen Vorstellungen von Körper, Wahrnehmung und Machtstrukturen kritisch reflektiert werden. Am StageJam nahmen 3 Mitglieder von systemrhizoma teil.

Anna Kpok ist eine kollektive Kunstproduzentin aus Bochum und Berlin, die seit 2009 u. a. ortsspezifische Kunstformen in den Bereichen Game-Theater, Performance und Installation entwickelt. Anna Kpok bildet interaktive (Spiel)Räume, die alle Beteiligten miteinander erschaffen und teilen. Am StageJam nahmen 3 Mitglieder von Anna Kpok teil.

Fabian Raith ist freischaffender Künstler für digitale Dramatik, der bis 2020 an der HfS Ernst Busch »Spiel und Objekt« studiert hat; insbesondere zu Augmented und Virtual Reality. Er arbeitet u. a. zu (begehbaren) Installationen, ortsspezifischen Arbeiten und individuellen Konstellationen. Matias Brunacci ist ein argentinisch-italienischer New Media Artist, Developer und Creative Technologist, der u. a. in Buenos Aires und an der UdK Berlin Computational Art studiert hat. StageJam #1 war die erste Kollaboration der beiden Künstler.


Ausschreibung / Open Call StageJam #3
29.11.–4.12.2021 (Bewerbungsschluss / application deadline: 17.10.)