Was wir haben:

9 Tierpräparate, alles Hasen. Arrangiert auf einem länglichen Holztisch auf der Bühne.

2 davon Babyhasen, mit dem Muttertier in einem Glaskasten. Einem Hasen wurde vom Präparator das Geweih eines Junghirschen aufgesetzt. Ein anderer wurde auf die Hinterpfoten gestellt mit einem Gewehr in der Hand, er trägt ein Jäger-Outfit. Sitzt man vorne – so wie ich – erkennt man, dass aus den Präparaten Metallstangen ragen.

4 Untergründe, Habitate quasi, mit unterschiedlichen, sehr realistisch wirkenden Kunstpflanzen ausstaffiert. Eine der Landschaften wird mit Wasser besprüht, so dass sie im Scheinwerferlicht wie mit zartem Tau bedeckt glänzt. Eine andere Landschaft wird vor Ort vor dem Publikum zusammengesetzt: Aus falschen Baumstümpfen und Erde und Laub, das fix auf dem Untergrund verteilt wird.

Es gibt auch das Gipsmodell eines Hasen, ohne Fell, am Werktisch links.

3 Menschen.

Die Hasen werden vorgestellt und wortwörtlich beleuchtet, woher kommen sie, wer hat sie präpariert? Dann erkunden die Tiere einzeln, zu zweit oder zu dritt jeweils eine Landschaft. Ohne Glaskasten, Hirschgeweih und Gewehr.

Beeindruckend geschickt und nahtlos bewegen die drei Künstler*innen die Hasen über Moos, Gräser und Laub. Sie – die Menschen – operieren zu dritt einzelne Körperteile über zangenähnliche Gebilde, die in die Tiere reinragen. Wenn man weiter hinten sitzt, sieht man die Zangen vielleicht fast nicht, wie die Fäden sonst. So werden die Vorder- und Hinterbeine animiert, die Köpfe gedreht. Die Häschen säubern knabbernd ihr Fell. Einmal hat eine der Künstlerinnen keine Zange in der Hand. Sie windet sich schnell an den anderen vorbei und beobachtet den Hasen, den ihre Kolleg*innen noch steuern, von einem Platz hinter künstlichen Zweigen, die Teil einer der Hasenumwelten sind. Ich habe keine Ahnung, was ich denken soll. Wenn die Marionetten aus Hasenkörpern, oder die Hasenkörper-Marionetten oder die upgecycelten Hasenpräparate springen und sogar die Nüstern bewegen, alles beschnüffeln, inklusive passender Naturgeräuschkulisse. Aufgeregtes, gehetztes Schnuppern, wie man es von kleinen, fremden Säugetieren kennt. Schnuppern ist letztlich auch nur Atmen Plus.

Die Präparate hüpfen im Gras, so nahtlos und geschickt – wie in echt! So wird klar, dass hier interveniert wurde. Die Metallstäbe, die aus dem Fell ragen, führen schließlich irgendwohin; ich stelle mir Scharniere vor, künstliche Gelenke. Jedenfalls weiß ich nicht, was ich denken soll. Ich höre die Menschen um mich herum lachen. Je mehr unterschiedliche Körperteile operiert werden, desto mehr Gelächter. Die Beweglichkeit scheint in ihrer scheinbaren Natürlichkeit etwas Komödiantisches zu haben: Schau mal, wie in echt!

Was bedeutet es, wenn das kompakte innere Modell, dem Präparator*innen das aufbereitete Fell überziehen und das den Tieren im Museum oder über dem Kamin ihre Form und Standfestigkeit verleiht, entfernt wird? Präparate sollen realistisch wirken, im besten Fall ist sich der*die Betrachter*in nicht sicher: Ob sich im Augenwinkel nicht gerade doch etwas bewegt hat?

Hier haben die Präparate einen neuen Körper bekommen, beweglich, be-spielbar. Viele Präparator*innen, das erfahren wir auch im Stück, betrachten ihre Arbeit als Wiederbelebung.

Die Bewegungen und Beweglichkeit der Tierkörper auf der Bühne führen diese Praktik ad absurdum: Die Wieder-Wiederkunft von Meister Lampe. Hier wird Häschen gespielt, deswegen lachen wir vielleicht. Wo die für die Performance angeschafften, klassischen Präparate einen Moment abbilden sollen, können sie nach ihrem Upgrade viele Momente abbilden, nacheinander – und das geschmeidig. Alles ist ein bisschen flüssiger, man muss sie dafür nur an die Hand nehmen.

Morgana Karch arbeitet an der UdK. Wenn in der Welt ohne uns ein Hase schnuppert, macht er dann ein Geräusch?


Still life
Puppentheater Ljubljana, Slowenien

4.11. 20:00 + 5.11. 18:00 + 21:00

Spiel: Asja Kahrimanović Babnik, Iztok Lužar, Zala Ana Štiglic / Regie: Tin Grabnar / Szenographie:
Sara Slivnik / Kostüme: Sara Smrajc Žnidarčič / Musik: Mitja Vrhovnik Smrekar / Sounddesign, Musikeffekte: Eduardo Raon / Puppentechnik: Zoran Srdić / Lichtdesign: Gregor Kuhar / Inspizienz, Ton: Luka Bernetič


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