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Festivalplakate im Foyer der Schaubude Berlin

Programm Theater der Dinge 2021 | Ticketshop

Vor der Eröffnung des internationalen Festivals des zeitgenössischen Figuren- und Objekttheaters Theater der Dinge 2021 haben Beate Absalon und Sebastian Köthe mit Tim Sandweg, dem Künstlerischen Leiter des Festivals und Intendanten der Schaubude, ein inzwischen traditionelles Interview geführt.

Das diesjährige Festivalthema scheint zwei unterschiedliche Lesarten anzubieten. Erstens, eine dystopische und düstere Perspektive: Die Welt braucht uns nicht; wir sind nicht gut für die Welt; wir sterben aus… Zweitens, eine demütige und tröstliche Perspektive: Ist es nicht schön, dass die Welt auch ohne uns Bestand hat, dass wir nicht immer im Mittelpunkt stehen und dass es so viel mehr gibt als uns? Siehst Du auch diese beiden Perspektiven oder gar eine dritte? Verfolgt das Festival (insgeheim) eine der beiden Thesen?

Als ich in den vergangenen Wochen erzählt habe, dass »Die Welt ohne uns« das diesjährige Thema von Theater der Dinge ist, löste das bei fast allen Gesprächspartner*innen die dystopische Assoziation aus. Das finde ich interessant. Anscheinend liegt in der Vorstellung einer Welt ohne Menschen eine gewisse Provokation. Ich vermute, dass das mit diesem wirkmächtigen Narrativ zusammenhängt, dass Menschen sich als Zentrum der Erde denken – zumindest im globalen Norden.

Nachdem ich das populärwissenschaftliche Buch von Alan Weisman, das für den Titel Pate steht, letztes Jahr gelesen hatte, empfand ich es als sehr ermutigend, dass alles auf diesem Planeten, was nicht menschlich ist, viel stärker sein kann und dass die Natur gute Chancen hat, mit den Relikten menschlichen Handelns fertig zu werden – auch wenn es sehr lange dauern wird.

Das Festivalprogramm liegt für mich dazwischen: Es geht zwar um den Raubbau an der Natur, der letztlich auf die Menschen zurückfallen wird, gleichzeitig suchen viele Produktionen aber auch nach neuen Vernetzungen und Geflechten, nach einer egalitären Koexistenz. 

Die Verflechtung von Mikroorganismen als Vision einer post-athropozentrischen Welt? Thema der Festivalproduktion »Pantoffeltierchen und Meteoriten« von Xesca Salvà & Marc Villanueva Mir. Foto: Alessia Bombaci / Festival TNT

Bei vielen Inszenierungen hat es sich »ausgemenschelt«. Gerade beim Figurentheater sind es ja die Objekte und Puppen, nicht die menschlichen Schauspieler*innen, die im Rampenlicht stehen! Welche Chancen liegen in einer solchen Dezentralisierung des Menschlichen? Was ist am Nicht-Menschlichen auch künstlerisch interessant?

Ich mag am Figuren- und Objekttheater, dass Menschen hier bereit sind, aus dem Fokus herauszutreten. Das hat für mich etwas mit Demut zu tun – und ich finde Demut, auch wenn der Begriff vielleicht etwas antiquiert ist, gerade in künstlerischen Zusammenhängen eine gute Herangehensweise. Diesen Versuch, die Welt aus Sicht der Dinge zu erzählen und die Objekte als Subjekte ins Zentrum zu setzen, finde ich unglaublich wertvoll, um eine andere Perspektive zu provozieren – auch auf menschliches Leben.

Der Fokus auf das Nicht-Menschliche kann eine Irritation für unser Denken sein, in dem sonst fast immer der Mensch zentral ist.

In dem First-Person-Online-Game-Theater »Zimmer ohne Aussicht« von Franz Schrörs wird menschliche Abwesenheit thematisiert. / Foto: Franz Schrörs

Die Schaubude ist nicht die einzige Institution, die dieses Jahr einen solchen gar apokalyptischen Fokus als Titelthema hat, denn Ähnliches ist in verschiedenen Museen, Theatern und Diskursen derzeit sehr präsent. Wie erklärst du dir das? Hat dich ein Event besonders inspiriert? Wie würdest Du den singulären Zugriff der Schaubude auf das Thema beschreiben?  

Ich habe gerade mit Aljoscha Begrich telefoniert. Er hat vor elf Jahren in Hannover zusammen mit Tobias Rausch ein botanisches Langzeittheater gemacht unter dem Titel »Die Welt ohne uns«. Damals wurde das Staatsschauspiel Hannover in einer Rezension »grünes Theater« genannt – das war als negative Bezeichnung gemeint; heute würde sich wahrscheinlich jedes Theater über diese Titulierung freuen. Da hat sich offenbar in den letzten zehn Jahren einiges gesellschaftlich getan und das zeigt sich natürlich auch in der Kunst.

Es ist schon auffällig, dass sich viele Künstler*innen gerade mit ökologischen Fragen, aber auch mit Theorien und Forschungen wie zum Beispiel von Anna Lowenhaupt Tsing oder Lynn Margulis beschäftigen. Da schlägt sich aus meiner Sicht der Anthropozän-Diskurs nieder, der ja gerade fürs Figurentheater relevant ist, aber natürlich auch, dass die ökologische Katastrophe dank Fridays for Future und der mittlerweile spürbaren Auswirkungen viel präsenter geworden ist.

In der darstellenden Kunst ist man dann schnell bei der Frage, wie diese Diskurse im Bühnenraum abbildbar sind – viele Naturphänomene sind ja durch ihre aus menschlicher Perspektive extrem langsame Zeitlichkeit sehr undramatisch und haben keinen Körper, der performen kann. Es gab vor ein paar Monaten ein Symposium, in dem es darum ging, wie der Klimawandel auf der Bühne verhandelt werden kann; an der Humboldt-Universität gibt es das Projekt »Theater des Anthropozäns«.

Ich hoffe, Theater der Dinge 2021 kann ein paar Akzente setzen, was mit den Mitteln des Figuren- und Objekttheaters theatral und performativ erschließbar wird – mir scheint in der Fokussierung auf die nicht-menschlichen Akteur*innen bei diesen Fragen ein enormes Potenzial zu liegen, die aktuellen Diskurse sinnlich zu verhandeln.

Die spekulative Performance »Earthbounds« von VERAVOEGELIN experimentiert damit, wie Menschen in Zukunft mit ihrer Umwelt kommunizieren könnten. / Foto: VERAVOEGELIN

Was waren für dich wichtige Kriterien bei der Auswahl der Produktionen? Welche Schwerpunkte hast du gesetzt und was durfte auf keinen Fall als besondere Note im Programm fehlen?

Das Programm soll eine gewisse Bandbreite abdecken. Das beginnt mit Projekten, die sich konkret mit ökologischen Problemen wie dem Artensterben oder dem Klimawandel beschäftigen, nachzeichnen, wie sich Wachstum negativ auswirkt, oder die globale Warenströme befragen. Es geht weiter mit Produktionen, die von naturwissenschaftlicher Forschung und philosophischem Diskurs ausgehen und die hiervon inspiriert Erfahrungsräume schaffen, die für unser In-der-Welt-Sein sensibilisieren. Schließlich spielt das Thema der Abwesenheit, der Leere eine große Rolle.

Neben der inhaltlichen Dimension kam die pandemische Lage hinzu. Auch darauf reagieren natürlich die Künstler*innen – ein Großteil der Projekte ist in den letzten anderthalb Jahren, also schon mit den derzeit notwendigen Beschränkungen entstanden. Das erklärt auch, warum es dieses Jahr nur wenige Bühnenproduktionen gibt, dafür viele One-to-One-Arbeiten, Installationen, Online-Vorstellungen und Filme.

Die Performance »Pleasant Island« von Silke Huysmans & Hannes Dereere/CAMPO zeigt am Beispiel der Insel Nauru, was passiert, wenn Ressourcen erschöpft sind. / Foto: Shun Sato

Beim diesjährigen Festival geht es auch um einen nachhaltigen Theaterbetrieb. Was würde einen solchen auszeichnen, wie beschäftigt euch das zurzeit ganz praktisch?

Die Diskussion, was ein nachhaltiger Theaterbetrieb ist, steht noch ganz am Anfang und die Künste befinden sich diesbezüglich noch in der Phase der Sensibilisierung. So würde ich auch den Prozess bei uns beschreiben. Wir haben eine AG, die sich um Fragen der Nachhaltigkeit kümmert. Wie bei allen großen Transformationsprozessen, die wir angehen müssen, ist auch hier die Herausforderung, sich von der extremen Dimension nicht einschüchtern zu lassen. Trotzdem fragen wir uns auch: Wo fangen wir an? Was können wir mit unseren Kapazitäten schaffen? Es sind ja alles Zusatzaufgaben, die der bestehende Betrieb auch noch stemmen muss.

Generell würde ich sagen, ist das Figurentheater durch seine Produktionsweise nachhaltiger als andere Theaterformen. Die Formate sind meistens kleiner und brauchen kein riesiges Material. Die meisten Produktionen spielen sehr oft und über mehrere Jahre. Negativ auf die Öko-Bilanz wirkt sich natürlich das Touring aus. Wir haben über die Jahre versucht, die Aufenthalte der Künstler*innen in Berlin im Rahmen unseres Festivals zu verlängern und mehrere Vorstellungen zu zeigen. Eine Produktion laden wir zusammen mit der euro-scene in Leipzig ein. Wir konnten die Flüge auf ein Minimum reduzieren und die Reisen mit dem Flugzeug, die sich nicht vermeiden lassen, werden kompensiert. Das sind sehr kleine Schritte, aber ich hoffe, sie führen in die richtige Richtung.

Wie alles mit allem zusammenhängt zeigt z. B. der Film »Coltan-Fieber: connecting people« von peaches&rooster, Yves Ndagano und Jan-Christoph Gockel, der im Rahmen des Festivals im Kino Krokodil gezeigt wird. / Foto: Jack Mahamba Muhindo

Gibt es einen bestimmten Impuls, den du beim Publikum setzen möchtest – mehr Aktivismus, Memento Mori oder einfach mal sich selbst vergessen?

Das Programm gibt vielleicht eine Idee davon, dass alles mit allem zusammenhängt, dass alles von allem abhängig ist. Das kann Angst machen und überfordern. Ich hoffe aber, dass die eingeladenen Produktionen dem Publikum Lust machen, sich in dieses Geflecht zu begeben, sich dort zu verorten und eine eigene Haltung zu entwickeln.

Oft bringt das Kuratieren ja mit sich, dass du selbst Stücke nur online gesehen hast oder manche erst ihre Weltpremiere in Berlin feiern werden. Worauf bist du besonders gespannt?  

Durch die Pandemie habe ich in diesem Jahr nur ganz wenig Produktionen vorab live sehen können. Ich freue mich sehr, die Eröffnungsinszenierung »Still Life« erleben zu dürfen. Das wirkte auf dem Video nach einer intensiven Erfahrung, die ich gerne jetzt im November in der Schaubude machen möchte.

»Still life« vom Puppentheater Ljubljana eröffnet das diesjährige Festival / Foto: Jaka Varmuz

Everything is connected. An interview with festival curator Tim Sandweg

By Beate Absalon and Sebastian Köthe

This year’s festival theme could be understood in a couple of ways: First, somewhat dystopian and gloomy – the world does not need us; we are not good for the world; we are dying out…. Or second, a humble and comforting perspective: isn’t it nice that the world endures without us; that we are not always the center of attention and that there is so much more to life than just us? Do you see these two perspectives as well, or is there a third? Does the festival (secretly?) pursue one of those narratives? 

When I told people the theme for this year’s Theater der Dinge, „The world without us“, almost all of them associated it with something dystopian. Which I find interesting. Apparently, the idea of a world without humans is provocative and triggering. I suspect it’s related to this powerful narrative that humans think of themselves as the center of the world – at least in the global north.

Last year I read Alan Weisman’s popular science book, which is the inspiration for the title, and I found it actually encouraging that non-human forces and entities on this planet are extremely powerful, that nature has a good chance of coping with the relics of human activity – even if it will take a very long time. So for me, the festival program falls somewhere in between those two extremes: while it is clearly about the overexploitation of natural resources that will ultimately come back to bite us, at the same time many of the productions also look for new forms of interconnectivity, for an egalitarian coexistence. 

The interweaving of microorganisms as a vision of a post-athropocentric world? Theme of the festival production „Slipper creatures and meteorites“ by Xesca Salvà & Marc Villanueva Mir / Photo: Alessia Bombaci, Festival TNT

At the Schaubude, objects and puppets are in the spotlight anyway, not so much human actors. So the festival‘s theme “The world without us” is in a way already there! What opportunities lie in such a decentralization of the human? What is special and artistically interesting about the non-human?

What I like about puppetry and object theatre is that people step out of the lime-light. There’s something humble in that, and I think that humility, even if the term is perhaps a bit antiquated, is a good approach, especially in artistic contexts. I find it incredibly valuable to encourage or provoke different perspectives, different ways of looking at how we live and the meaning, impact and arch of human existence. And one way of doing this is by putting things, putting objects themselves as the subjects, in the centre of the stage, so to speak. It’s irritating, or at least, it can upset our normal way of thinking, where we are central to the whole thing, and this in itself I find interesting and important.

Philosophical outputs of walking through nature in „6“ by Ludomir Franczak / Photo: Ludomir Franczak

Schaubude is not the only institution that has such an ostensibly apocalyptic focus as its theme this year.  It seems the trend is present in various museums, theatres, and discourses. How do you explain that? Has one event in particular inspired you? How would you describe Schaubude’s singular approach to the topic?  

I just got off the phone with Aljoscha Begrich. Eleven years ago he did a long-term botanical theatre piece in Hanover together with Tobias Rausch with the same title: „The world without us“. The Staatsschauspiel Hannover was called a „green theatre“ in a review and at the time, ithad a negative connotation.  Today, any theatre would probably be happy about this title. Obviously, a lot has happened in society in the last 10 years, and this is naturally also reflected in the arts.

It is quite noticeable that many artists deal with ecological questions, but also with theories and research such as that of Anna Lowenhaupt Tsing or Lynn Margulis. From my point of view, this reflects an Anthropocene discourse, which is especially relevant for puppet theatre, but of course also the fact that the ecological catastrophe has become much more present thanks to movements like “Fridays for Future” and the very real, environmental effects that are now being seen and felt.

In the performing arts, we quickly come to the question of how these discourses can be depicted on the stage – many natural phenomena are simply undramatic. To the human eye, they are too slow, even to the point of imperceptibility, which means no ‘body’ can perform that. There is a project called „Theatre of the Anthropocene“ at Humboldt University and there was a symposium a few months ago about how climate change can be talked about on stage…

I hope that through puppetry and object theatre, Theater der Dinge 2021 can give a few performance and theatrical cues regarding this. And just to return briefly to the previous question; I think there is a unique opportunity and enormous potential in the use of non-human actors to navigate discourse about this issue in particular.

Coltan fever: connecting people“ by peaches&rooster, Yves Ndagano und Jan-Christoph Gockel illustrates the consequences of the global flow of goods / Photo: Jack Mahamba Muhindo

What were important criteria for you in the selection process? What were you looking for to complete the program? What couldn’t be missed out?

The programme has to cover a certain range. It starts with projects that deal specifically with ecological problems such as species extinction or climate change, productions that trace how growth has a negative impact, or question the global flow of goods. It continues with productions that take scientific research and philosophical discourse as their starting point and, inspired by these, create experiential spaces that sensitize us to our being-in-the-world. Finally, the theme of absence, of emptiness, plays a major role.

And of course, there’s the pandemic. The artists are also reacting to this – a large part of the projects have been created in the last year and a half, i.e. already within the current restrictions. This is why there are just a few stage productions this year and many pieces which are one-on-one, as well as installations, online screenings and films.

VERAVOEGELIN’s speculative performance „Earthbounds“ experiments with how humans can interact with their environment (differntly, or in the furture). / Photo VERAVOEGELIN

This year’s festival is also about sustainable theatre. How would characterize such a theatre, and how are you working towards this in practical terms?

The discussion about what a sustainable theatre company is, is still in its infancy, and I would say that The Arts in general, are still in the initial stages of this discussion: raising awareness, defining what that really means for them. That’s how I would describe the process here. We have a working group that deals with sustainability issues. As with all major transformation processes that we now have to tackle, the challenge here is not to be intimidated by the scale of the task.

The changes we need to implement are huge. Where do we start? What are we capable of creating? After all, these are all additional tasks that have to be integrated into all of the existing workings of such a project. In general, I would say that puppet theatre is more sustainable than other forms of theatre because of its production methods; the formats are usually smaller and don’t need a huge amount of material. Most productions play very often and over several years. Of course, touring has a negative impact on the environment.

Over the years, we have tried to extend the artists‘ stays in Berlin as part of our festival and to show several performances rather than just one or two. We collaborate with an event in Leipzig, meaning we have been able to reduce flights to a minimum and the trips by plane that cannot be avoided are carbon-compensated. These are very small steps, but they lead in the right direction.

The performance „Pleasant Island“ by Silke Huysmans & Hannes Dereere/CAMPO uses the example of the island of Nauru to show what happens when resources are exhausted. / Photo: Nuno Direitinho

Is there a particular reaction you want to trigger in the audience – more activism, memento mori (‘life is short and we are all going to die’), or just being less self-obsessed?

Everything is connected, everything depends on everything else, and this really comes across in the pieces we present.  It can be scary, or overwhelming. But I hope that the productions will make the audience want to engage with this idea of interconnectivity, that they both find and position themselves there, and (re)consider their own attitude towards it. 

„Still life“ by Puppet Theatre Ljubljana will open the festival. / Photo: Jaka Varmuz

Some of the productions will celebrate their world premiere here in Berlin. Are there any pieces which, during the curation process, you were particularly excited about?

Due to the pandemic, I have only been able to see very few productions live in advance this year. Most I have only seen online. I am very happy to be able to experience the opening production „Still Life“. It seemed like an intense experience on video, and I’m excited to see it on stage in November at the Schaubude.


Zum Programm / Complete programme

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