MATERIAL – WORTE UND MATERIAL. Mona Schlatter im Gespräch mit Cecilia De la Jara, Almut Schäfer-Kubelka & Leah Luna Winzely

Über das Offene und Geschlossene in der Begegnung von Zeitgenössischem Figurentheater und Gegenwartsdramatik

Am 18. Oktober 2024 wurden an der Schaubude Berlin die Ergebnisse des Projekts »Puppen & Stifte – Neue Stücke!« gezeigt – eine Kooperation zwischen dem Szenischen Schreiben der UdK Berlin und der Abteilung Puppenspielkunst der HfS Ernst Busch. Die zweite Ausgabe von »Puppen & Stifte« wird im Herbst 2025 erneut Studierende der HfS Ernst Busch und der UdK Berlin in der Schaubude zusammenbringen und ist als konstantes Format einmal jährlich geplant.

Auch das Festival »Puls & Peilung« – eine Kooperation der Puppenspielstudierenden der HfS Ernst Busch mit der Schaubude – kehrt im September 2026 zurück. Es gewährt erneut spannende Einblicke in diesen außergewöhnlichen Studiengang, die Studierenden, die ihn prägen, und die kreativen Prozesse hinter den Kulissen.

Für das double Magazin sprach Mona Schlatter (Moderation) mit Cecilia De la Jara (Puppen), Almut Schäfer-Kubelka (Regie) und Leah Luna Winzely (Stifte), die in drei unterschiedlichen Gruppen an dem Abend mitgewirkt haben. Wir durften das in der Ausgabe #51 erschienene Gespräch für unseren Blog benutzen.

Worum geht es bei „Puppen&Stifte“?

Almut Schäfer-Kubelka: Die Idee der Kooperation ist, sich zeitgenössischen Texten mit den Mitteln des Puppenspiels zu nähern. Es gibt dieses Format schon in mehreren Auflagen. Dieses Mal gab es drei Gruppen aus Regie, Schreibenden und Spie-lenden. Es ging ganz dezidiert darum, eine Skizze zu machen und keine fertige Inszenierung. Jede Gruppe konnte einen Text wählen und zwei Wochen experimentieren. In der Schaubude durften wir diese Skizzen als Arbeits- und Forschungsstand zeigen.

Du hast für die Zusammenarbeit deinen Text „Der Wassermann“ ausgewählt, Leah. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Leah Luna Winzely: „Der Wassermann“ ist ein atmosphärischer und offener Text. Er lässt viel Freiraum zu forschen und im Inszenieren zu entscheiden. Es hat mich interessiert, was ist damit möglich? Was öffnet das Figurentheater dem Text für neue Räume? Gleichzeitig ist es auch ein Text, der ein Material stark in den Fokus stellt: das Wasser. Die Nähe zwischen der Hauptfigur Lasse und seinem nicht-existenten Vater, dem Wassermann, passiert in der Begegnung mit dem Wasser. Ich arbeite gerne mit Materialien und starken Stoffen, weil sie sowohl auf inhaltlicher als auch formaler Ebene etwas öffnen. Das hatte ich auch immer im Kopf: Wie geht man mit den Mitteln des Figuren- und Objekttheaters mit diesem Material um?

Wie waren die Proben für euch? Was ist in der Begegnung aufgegangen? Was nicht?

Cecilia De la Jara: Es war ein Glück, dass wir von Markus Joss, unserem Studiengangsleiter, dafür angefragt wurden. In allen drei Gruppen hat die Regie die Texte ausgewählt, die Gruppen waren eigentlich Zufall. Ich fand es sehr interessant, mit Leonie Euler zu arbeiten, die eigentlich auch Puppenspielerin ist und zum ersten Mal Regie geführt hat. Den Text „Lanugo“ von Luisa-Marie Kauzmann haben wir uns zuerst aus Materialperspektive angeschaut. Es war interessant, dass wir – Regie und Spieler*innen – die gleiche Sprache gesprochen haben, weil wir aus der gleichen „Familie“ kommen und einen ähnlichen Blick auf den Text haben: Was für Material spricht da zu uns? Es ging in unserem Text um Body Dysmorphia oder Essstörung und Gewalt innerhalb der Familie.

Wir waren alle überrascht, wie konkret und fleischlich die Übersetzung ins Material war und wie diese Übersetzung wiederum eine Lücke aufgemacht hat zwischen Text und Material. Das hat uns beim Proben interessiert: Material – Worte und Material …

Almut Schäfer-Kubelka: Ich finde es bei euren Gruppen schön zu sehen, wie man Puppenspiel eigentlich macht: Über das Material den Zugang zu finden. Ich fand toll, welche Übersetzungen ihr gefunden habt. Bei Caspar Bankert, der bei Leahs Text Regie geführt hat, war es genauso eindrücklich: Es gibt das Thema des Wassermanns und er wählt spezifisch dazu sein Material. Das war bei unserer Gruppe schwierig, weil mir nicht sofort das Material vor Augen stand. Ich habe den Text „Das Ding“ von Amina Hassan gewählt.

Der Text behandelt eine große Brutalität und ich habe gemerkt, dass jedes Material viel zu explizit und illustrierend ist. Ich bin viel mehr über den Körper gegangen, wie sich die Menschen auf der Bühne bewegen, während sie diesen Text sprechen. Erst im zweiten Schritt kam bei uns das Material dazu. Würde ich das Projekt noch einmal machen, würde ich versuchen, mich mehr auf die Mate-rialität zu konzentrieren, was ja auch unser Fach ist.

Cecilia De la Jara: Das ist das Schöne an der Unterschiedlichkeit von Materialtheater oder Puppentheater oder wie man es nennen mag. Ihr habt in eurer Arbeit den Text als Material ernstgenommen. Er wird hingestellt, geknetet, verändert, modelliert. Ihr habt euch ja selber unverpuppt wie Spielfiguren in dieser Landschaft positioniert und durch Nähe und Distanz – wie auf einem Schachfeld – sehr viel über Spannungsfelder erzählt. Ich würde dir unterstellen, dass du auch über das Material gegangen bist. Eben nicht über das ausmodellierte Puppenmaterial, sondern über die Worte.

Leah Luna Winzely: Das ist ein schöner Punkt. Ich sehe auch den Text als Material. Er ist Futter für eine Inszenierung oder einen Prozess. Es geht mehr um die Frage, wie sich das Narrativ oder der Inhalt eines Textes übersetzen und übertragen lassen. Das bedeutet für mich nicht, dass es diesen Text eins zu eins geben muss dazu Körper, Bewegungen und Spiel. Vielmehr kann das geschriebene Wort genommen, herausgelöst, gelöscht und in einen Vorgang, eine Bewegung, ein Lied oder eine Puppe übersetzt werden. Die Skizze von Caspar hat die unendlichen Möglichkeiten offengelegt und den Spaß am Material.

Almut Schäfer-Kubelka: Weißt du, ich habe viel über die Position des Textes nachgedacht. Es ist auch deswegen eine extrem spannende, aber auch wirklich herausfordernde Kooperation, weil Puppentheater ein visuelles Theater ist. Es geht immer um die Frage: Wie visualisieren wir etwas mit welchem Material? Das Material ist zusätzlich zum Inhalt auch eine Art Protagonist. Und die Texte bringen von sich aus eine ganze Welt mit. Das war die Herausforderung: Wie kann diese Kooperation tatsächlich stattfinden, ohne dass das eine das andere überdeckt? Ich weiß auch nicht, ob das gelungen ist, ehrlich gesagt.

Cecilia De la Jara: Bei uns war erst mal eine riesige Schlacht und so viel Zeug auf der Bühne. Dann gab es die Idee: Wie wär’s, wenn wir eine Popcornmaschine kaufen? Auf einmal waren die Proben von Popcorn bestimmt. Popcorn war unser Material. Popcorn war das, was wir gegessen haben, was wir in unsere Ganzkörpermasken, unsere Haut, reingesteckt haben. Wir haben plötzlich auf dem Popcorn kleine Miniaturwelten gesehen und weitergesponnen, wie wir das vergrößern könnten.


Almut Schäfer-Kubelka: Es gibt wirklich eine spezifische Art von Puppendenke, sich auszubreiten, die Fühler in alle Richtungen auszustrecken und so zu suchen und ernst zu nehmen. Die Autor*innen waren da wahnsinnig offen und neugierig. Gleichzeitig hat es mich unter Druck gesetzt, dem Text und der Autorin gerecht zu werden. Es ist eine ganz klare Partnerschaft, die man eingeht. Ich habe mit Amina telefoniert und gefragt: „Sind die Bilder für dich okay?“

Cecilia De la Jara: Das ist vielleicht auch die Gefahr, wenn alles Material ist. Wir haben tausende Bilder und Ideen – da kann es passieren, dass Dinge sich doppelt und dreifach wiederfinden. Ich würde als These in den Raum stellen, dass in der zeitgenössischen Puppenspielkunst der Text und das Wort als Material noch ernster genommen werden könnten.

Leah Luna Winzely: Für mich steht Puppe auch eher für Fülle als für Reduktion. Deswegen fand ich deine Skizze, Almut, so toll, weil ich das Gefühl hatte, es wird sich getraut, mit sehr wenig zu arbeiten. Das bedeutet, auch Vertrauen in den Text zu setzen. Die Gewerke müssen sich gegenseitig vertrauen. Die Texte tun das in der Hinsicht, dass sie offen sind. Sie wurden ausgewählt, weil man mit ihnen arbeiten kann. Es kann dann auch wieder zurück-vertraut werden in den Text, dass er genug bietet und man nicht alles übersetzen muss mit noch einem Bild, sondern sich auch mal zurücknehmen und ihn laufen lassen kann. Sonst kommt man in so ein Gegen-wartsphänomen, tausend Bilder zu schau-en, aber nichts mehr mit greifbarem Inhalt und Tiefe. Das ist auch ein Phänomen unserer Zeit, die Angst vor dem Wenigen. Im Theater sehe ich kaum etwas, das sich traut, über eine lange Zeit nur mit Figuren und Text zu stehen.



Wie öffnet sich Gegenwartsdramatik für Figurentheater? Wie Figurentheater für Gegenwartsdramatik? Wie kann zeitgenössisches Szenisches Schreiben für Puppe aussehen?

Leah Luna Winzely: Ich glaube, dass sich Gegenwartsdramatik immer mehr in eine Richtung der Offenheit entwickelt. Sie öffnet sich, weil sich Formen und Gattungen öffnen. Diese textliche Offenheit trägt einen nicht so hierarchischen Gedanken. Sie bringt eine Freiheit im Spiel, weil sie den Spieler*innen mehr Entscheidungsmöglichkeiten gibt. In dieser Offenheit laden sich Figurentheater und Gegenwartsdramatik gegenseitig ein, miteinander auszuprobieren.

Cecilia De la Jara: Ich sage immer, Puppenspiel ist die sozialistischere darstellende Kunst. Sie baut auf Kooperation.

Almut Schäfer-Kubelka: Das ist eine riesige Freiheit. Wir sind ja nicht zwangsweise an unsere Körper gebunden, auch nicht an die Schwerkraft. Ich verstehe auch immer mehr, dass das Zusammenkommen von Puppe und Sprache sehr spezifisch für die HfS ist. Für mich ist Puppenspiel die Möglichkeit, sich einerseits den Mitteln der Sprache zu bedienen und anderseits wahnsinnig choreographisch zu denken. Wie tanzt man Material? Wie spricht eine Puppe einen Text?

Cecilia De la Jara: Und was ist Text für Puppe? Puppe hat tausend verschiedene Gesichter. Ich fände auch interessant zu sagen: Das ist ein expliziter Handpuppen-Text. Schnell und kurz und zackig. Als Puppenspielerin möchte ich mich allen dramatischen Texten nähern. Was mich interessiert, sind die Lücken in Texten: Das Undarstellbare – große Fragen – etwas politisch Zeitgenössisches verbunden mit einem unsagbaren Schmerz. Puppe macht in ihrer Sinnlichkeit die Absurdität der Realität und des Traums erfahrbar. In der Problemlösung, da ist die Puppe für Gegenwartsdramatik am Start.

www.tdz.dewww.nfs-berlin.dewww.udk-berlin.de –