Namensgeschichten. Einige Überlegungen von Magdalena Schrefel anlässlich der Aufführung /NOT/ IN MY NAME von Rafi Martin

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Wenn sich meine Großmutter früher am Telefon meldete, dann sagte sie immer Schreffl. Und nicht nur, dass sie den Namen wie eine Frage aussprach und so in der Namensnennung gleich die Frage nach dem Gegenüber vorwegnahm, verwunderte mich jedes Mal aufs Neue, sondern auch die Aussprache. Schreffl, sagte sie, mit einer für meine Ohren falschen Betonung auf dem F, als folge darauf ein zweites F und kein E. Später habe ich erfahren, dass unser Nachname einmal genauso geschrieben wurde und dass sich ein Standesbeamter bei der Niederschrift des Namens verschrieben haben soll. Das sei lange her, als Urkunden noch per Hand erstellt wurden. In welcher Generation das genau stattgefunden hat, konnte mir niemand erzählen. Doch es bleibt die Erinnerung an diesen Namen. Seine Aussprache allerdings ist mit dem Tod meiner Großeltern verloren gegangen. Wir Nachkommenden sprechen den Namen so aus, wie er geschrieben steht.

Der Raum ist schwarz, zwanzig und ein paar Leute nehmen an drei Seiten des Raumes Platz. In meinem Rücken befindet sich eine kleine Bühne, darauf eine Frau mit einem Kontrabass. Sie zupft an einem Kabel, das mit einem Widerstand verbunden sein muss, so zumindest erkläre ich mir die entstehenden Störgeräusche, die unser Eintrudeln begleiten. In der Mitte des Raumes hängt ein kleines Aquarium von der Decke, das zu sieben Achtel mit Wasser gefüllt ist. Dahinter, an der mir gegenüberliegenden Wand, steht ein leerer gepolsterter Stuhl, darauf steht eine Maske aus Silikon.

Emil Hrvatin, Davide Grassi und Žiga Kariž waren die Namen dreier Männer, die gemeinsam als Performance- und Kunstkollektiv auftreten, bevor sie im Juli 2007 ihren gemeinsamen Namen Janez Janša annahmen – den Namen des damaligen rechtspopulistischen slowenischen Premierministers. In einem Brief, den sie kurz darauf dem Premierminister schreiben, zitieren sie aus dem Schreiben, das sie wiederum bei ihrem Beitritt zu seiner Partei erhalten haben: »The more of us there are, the faster we’ll reach our goal!« Es gibt nun mindestens vier Janez Janšas, die der SDS angehören.

Es wird dunkel, nur das Licht auf der Bühne bleibt an. Vom Band kommt eine männliche Stimme, die jene Fälle aufzählt, in denen der französische Staat eine Namensänderung vorsieht. Ich starre nach vorne in den Raum mit dem Wasserbecken, drehe mich dann doch, um auf die Bühne mit der Kontrabassspielerin hinter mir zu blicken. Als ich mich wieder nach vorne drehe, sitzt da plötzlich jemand auf dem Stuhl an der Rückwand.

Einer meiner Freunde stellt beim Aufkommen der Suchmaschine Google und der damit verbundenen unumgänglichen Selbstsuche im Netz fest, dass es mehr als einen Christoph Schwarz in Österreich gibt. Viele Jahre beobachtet er diese Doppelgänger, bis er sich dazu entschließt, einige von ihnen anzuschreiben. Ihre gemeinsame Gründung der Christoph-Schwarz-Loge dokumentiert er akribisch und macht einen autofiktionalen Kurzfilm daraus. Fühlt man sich weniger allein, wenn es mehr von einem gibt?

Rafi Martin stellt sich vor und erzählt von seiner geplanten Namensänderung. Familiennamen, lautet ein Satz, sind Männersache. Sie werden durch Heirat weitergegeben, werden von den Nachnamen der Männer zu Familiennamen, wenn ein Kind geboren wird, bis dieses dann den Namen entweder durch Eheschließung weiterträgt und eine neue Familie gründet, oder aber bei einer Eheschließung ablegt, um einen anderen Familiennamen anzunehmen. Keine Frau in Rafi Martins Familie habe das Recht gehabt, ihren Namen zu behalten. Der Nachname definiert die Zugehörigkeit zu einer Familie.

Der Duden schreibt: »Das Mädchen Lisa trägt seinen Namen nicht wegen einer Ähnlichkeit mit anderen gleichnamigen Mädchen oder Frauen. Es gibt, abgesehen davon, dass es sich um einen Mädchennamen handelt, keine eindeutig als ›Lisas‹ zu bestimmende Menschengattung, wie es eine Möbelgattung ›Stühle‹ gibt.« Es gibt aber die Festschreibung des Geschlechts durch den Vornamen, die bis auf ein paar wenige Ausnahmen wie Andrea oder Sascha eindeutig ist.

Die Maske wandert ins Wasser und irgendwann dann dreht Rafi Martin das Aquarium an den Schnüren, an denen es hängt, ein. Als Rafi Martin das Aquarium loslässt, beginnt es sich zu drehen. Ein Scheinwerfer leuchtet es an und so entstehen Lichteffekte an der Wand und auf dem Boden. Immer schneller dreht sich das Aquarium, bis das Wasser überschwappt und eine kreisrunde Spur auf dem Boden zeichnet. Der Kreis hat weder Anfang noch Ende.

Der 1. November, erzählt Rafi Martin dann in absoluter Dunkelheit, während seine Hand einen Leuchtfisch durch das Dunkel gleiten lässt, der 1. November sei der Geburtstag jenes Mikhail Soukhanoff genannten Großvaters, dessen Nachnamen Rafi Martin nun anzunehmen versucht. Er ist auch Rafi Martins Geburtstagstag. Aus Marine Raphaëlle Marguerite Martin soll Rafi Martin Soukhanoff werden. Ob der Namensänderung stattgegeben wird, bleibt ungewiss.

Text: Magdalena Schrefel, freie Autorin, meint, dass man viel öfter das nicht mehr gängige Verb »caputtieren« verwenden sollte. Foto: René Figuera

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/NOT/ in my name
Figurentheater, gesehen in der Schaubude im Rahmen des Festivals Theater der Dinge am 28.10.2019.

Produktion: Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart in Kooperation mit HEAR Strasbourg
Gefördert von: Strassburg city, Department of european and international relationship
Konzept, Performance, Maske: Rafi Martin (Deutschlad/Frankreich)
Live-Musik, Performance: Nina Kazourian
Live-Musik: Camille Martin
Technik: Laia Ribera
Fisch-Bau: Stephanie Oberhoff
Künstlerische Begleitung: Julika Mayer

 

 

 

 

 

 

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