#diskurs: ZUR WIEDERVORLAGE

Wie Digitalität eigene Haltungen herausfordert.

Von Fabian Raith 

Zur-Wiedervorlage

Was hat It must have been love von Roxette mit Wahrnehmungshorizonten im digitalen Zeitalter zu tun? Und wie beeinflussen diese heute das Kulturschaffen? Fabian Raiths Gedanken zur Flexibilisierung persönlicher Einstellungen erschien zuerst im SO! Magazin des Studiengangs Spiel && Objekt an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch:

1990: Eine blondperückte, stark geschminkte Julia Roberts steigt in Pretty Woman zu Richard Gere ins Auto. Er verliebt sich in sie, sie in ihn, Aufsteiger, Aussteiger, männlicher Retter, Happy End, alles da, der Film ist so kitschig wie die Musik dazu: It must have been love von Roxette. Ich sehe den Film erst Jahre später und nie ganz, aber dieser Song bleibt hängen. Ein unerträglicher Song, kitschiger noch als der Film. Ein Song, der Emotionen transportieren soll, für Personen, die gern mal Kuschelrock auflegen und dabei so etwas wie Romantik empfinden, in dem so viel gemachte Popmusik steckt, dass es kaum auszuhalten ist.

Jede Note will etwas von mir. Ein Lied wie Ohrenschmalz: Sitzt fest im Ohr, lästig, klebrig, ein bisschen eklig, auf jeden Fall nicht geschmackvoll oder gesellschaftsfähig. Man will es gern loswerden, doch das ist, selbst wenn man sich Kerzen in die Ohren steckt, aussichtslos.

2019: Marie Fredriksson, die Sängerin von Roxette, stirbt im Dezember nach langjährigem Krebsleiden. Ich erfahre via Facebook von ihrem Tod, weil die Band First Aid Kit die ich vor Jahren bei Facebook geliked habe, ein Cover just dieses Songs veröffentlicht, den ich so gern losgeworden wäre. Die Band legt so viel Gefühl in den Song, dass ich ins Nachdenken komme. War dieser Song vielleicht doch mehr als Plastik-Pop, für den ich ihn gehalten habe?

Ich klicke mich durch einige Nachrufe über Fredriksson. Bei ihrer letzten Tour 2015 war sie bereits zu geschwächt, um die Bühne allein zu betreten. Ein rührendes Foto in ihrer Biografie hält fest, wie ihr Sohn sie die letzten Meter auf dem Weg zur Bühne stützen muss. Die 90-minütigen Shows in den größten Arenen, die man sich nur vorstellen kann, hält sie nur auf einem Barhocker sitzend durch, ihre Stimme versagt währenddessen immer wieder. Ein Fan-Mitschnitt auf Youtube von It must have been love beim Auftritt in Berlin zeigt, wie sehr es sie anstrengt, diesen Song zu singen, häufig singen die Backgroundsängerinnen lauter als sie. Doch sie kämpft sich durch, als ob sie der Welt beweisen will: Diese Songs leben länger als ich.

Für mich löst sich, je mehr ich mich mit Fredrikssons Tod beschäftige, eine sicher geglaubte Realität auf: Der Song verliert seinen schnulzig-klebrigen Charakter und wird zu einem durcharrangierten Ohrwurm, der zu jeder Sekunde genau weiß, was er von seinen Hörer*innen will.

Meine Haltung zu Song und Band verändert sich, in seiner Bedeutung, in meiner Wahrnehmung seiner Bedeutung. Der Song bleibt der gleiche, nur meine Haltung dazu verändert sich. Die unvorhergesehene Wiedervorlage eines Kulturprodukts, ermöglicht durch mein digitales Informationssystem, führte zu einem Haltungswechsel. Klingt banal, doch weist sie auf einen Wechsel im Informationssystem hin.

Die Bedeutung eines Produkts war für mich bereits fixiert, doch hat es sich durch seine Wiedervorlage verändert. Diese Wiedervorlage ist Kernbestandteil der Informationssysteme im digitalen Zeitalter. Sie kommt nicht allein durch die Digitalisierung des Informationssektors zustande, doch werden die Informationen, die wir bekommen, gefilterter und für uns persönlich relevanter.

Natürlich ist ein Roxette-Song nicht die Welt, doch ist das Phänomen eines, das verdeutlicht, wie mit Haltung im digitalen Zeitalter umgegangen werden kann. Die Frage danach, wie wir etwas wahrnehmen und die daraus resultierende Positionierung zur Welt wird durch die Informationsflut, mit der wir durch die Digitalisierung umgehen, stärker und öfter hinterfragt. Das ist kein inhärent digitales Phänomen, doch hat die Häufigkeit und Vehemenz zugenommen.

Die Digitalisierung führte zu einem gezielteren Medienkonsum. Seit dem Auftreten des Internets als Massenphänomen rund um das Jahr 2000 hat sich der durchschnittliche Medienkonsum, laut einer Langzeitstudie des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, um etwa eine Dreiviertelstunde auf über 9 Stunden täglich erhöht. Diese 45 Minuten fallen quasi komplett dem Internet zu. Die Mediennutzung ist hier gezielter, individualisierter und persönlicher ein Phänomen, das durch die Digitalisierung multipliziert wurde.

Durch diese Personalisierung kommt man auch zunehmend mit Dingen in Kontakt, die persönliche Relevanz besitzen und somit die eigene Position stärker tangieren und hinterfragen. Dieses permanente Hinterfragen der eigenen Position erscheint auch als Komplexitätszunahme. Es ist eben nicht mehr möglich, alles zu einem Thema zu wissen, man könnte konstant weiterlesen egal ob es um Promis oder biologische Roboter geht. Das eigene Nicht-Wissen wird einem jederzeit deutlich vor Augen geführt.

Niklas Luhmann beschreibt dieses Phänomen in seinem Aufsatz Komplexität (erschienen im Sammelband Soziologische Aufklärung 2, in case you care) als kontingente Selektion, sprich die Selektion der Umwelt-Einflüsse, die in unser Informationssystem vordringen. Dieses Informationssystem fixiert den eigenen Welthorizont. Der Selektionsprozess darüber, was in das eigene Informationssystem vordringt, ist von einer relationalen Rationalität geleitet. Es handelt sich also nicht um eine einmalige Entscheidung, sondern um eine Entscheidung, die immer wieder getroffen wird. Was heute richtig erscheint, kann morgen falsch sein.

Die individuellen Informationssysteme sind heutzutage so groß, dass es immer schwieriger wird, getroffene Selektionsprozesse dauerhaft aufrechtzuerhalten. Stattdessen spricht Luhmann von einer Erhöhung von Unbestimmtheitshorizonten, sprich äußeren Einflüssen, die dem Selektionsprozess noch nicht unterlagen. Diese Unbestimmtheitshorizonte nehmen natürlich zu, je mehr Umwelteinflüssen wir unterliegen.

In Bezug auf den Roxette-Song wäre der durchlaufene Selektionsprozess abgeschlossen, hätte nicht mein umweltoffenes Informationssystem mir nochmals neue Umwelteinflüsse präsentiert. Diese Umwelteinflüsse waren letztlich entscheidend dafür, die getroffene Selektion zu überdenken und so meinen Welthorizont neu zu fixieren.

Für mich als digitaler Kulturschaffenden bedeutet dies mehrere Dinge:

Erstens, es gibt keine finale Haltung zu etwas, sondern nur eine auf dem aktuellen Informationssystem basierende Fixierung des Welthorizonts. Zweitens, ich muss mir keine Sorgen darüber machen, welche künstlerische Position ich einnehme. Denn diese Position wird ohnehin vorrangig nicht durch mich selbst bestimmt, sondern durch diejenigen, die mich wahrnehmen.

Und drittens, und das ist für mich, als am Anfang stehendem Kulturschaffenden, besonders wichtig: Nur Mut. Keine Angst davor haben, sich immer wieder an denselben Stellen zu präsentieren, auch wenn vorherige Versuche nicht das Resultat hatten, das ich mir versprochen habe möglicherweise haben sich die Rationalisierungsprozesse verändert und meine Arbeiten rücken aus dem Unbestimmtheitshorizont in den Selektionsprozess hoffentlich ganz ohne Richard Gere.


Fabian Raith lebt und arbeitet in Berlin. Er ist Performer (selten) und Medienkünstler (immer) und experimentiert mit immersiven Theaterformaten und narrativen Räumen.
In letzter Zeit beschäftigt er sich mit dem Wandel der Arbeit und dem Einfluss dieses Wandels auf Zeit (viel zu viel) und Freizeit (viel zu wenig). Er arbeitete am Schauspielhaus Hamburg, studierte in Erfurt (Osten), Frankfurt (auch Osten) und Istanbul (noch weiter Osten). Er forschte zu Popmusik als Feld politischer Meinungsäußerung und studiert just in diesem Moment im Master Spiel && Objekt an der HfS Ernst Busch.

Foto: Kevin Dooley, unter CC BY 2.0 Lizenz via flickr.com

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