»Was ist denn bitte ›natürlich‹?« Ein Gespräch mit Tim Sandweg (de/en)

English version below!

Vor der Eröffnung des internationalen Festival des zeitgenössischen Figuren- und Objekttheaters Theater der Dinge haben Beate Absalon und Sebastian Köthe mit Tim Sandweg, dem Künstlerischen Leiter des Festivals und Intendanten der Schaubude, ein Interview geführt.

Künstliche Körper – erstmal klingt das ganz weit weg, nach Robotern und Science Fiction. Wenn man länger drüber nachdenkt, fallen einem die kleinen Künstlichkeiten des Alltags ein: Fotos bei Instagram aufhübschen, im Beruf eine Rolle spielen, Omas Zahnprothese… Wie bist du auf das Thema gekommen und welche Überraschungen haben sich bei der Recherche für dich ergeben?  

Das Thema hat sich aus verschiedenen Richtungen entwickelt. Mit dem Thema ›Körper‹ hatte ich mich schon für die letztjährige Festivalkonzeption auseinandergesetzt; da war ich ganz am Anfang von Versehrungen ausgegangen. Irgendwann wurde aber klar, dass das Festival 2019 sich nicht nur auf körperliche Zustände beziehen soll, weswegen es dann das Thema ›Körper‹ bekam. ›Körper‹ stand aber weiter im Raum. Auch wollte ich im Festival dieses Jahr wieder stärker Fragen nach der digitalen Transformation verfolgen. 2016 hatten wir ja ziemlich global das Thema der Digitalisierung, da schien es mir folgerichtig, jetzt einen gesellschaftlichen Teilbereich dahingehend anzuschauen, wie er vom digitalen Wandel verändert wird. Das führte zu »Künstliche Körper«.  

Das Thema ist beim Figuren- und Objekttheater fast schon naheliegend, wir haben ja ständig mit künstlichen Körpern zu tun. Das ist dann auch der Strang, der ziemlich früh feststand: die Thematisierung von Körpern, die in der Realität ein Gegenüber bilden – so weit weg sind die Roboter ja gar nicht. Ein zweiter Strang hat sich dann in der konkreten Auseinandersetzung herausgebildet: Eine fluide, wandlungsfähige Vorstellung von Körpern und Bilder, die den Körper nicht eindimensional festschreiben, sondern als Möglichkeitsraum verstehen. Unerwartet hat dann die Corona-Pandemie noch einen dritten Aspekt mit hineingebracht: Der Körper und seine Austauschprozesse mit der Umwelt, Stichwort: Aerosole.

»Man Strikes Back«, Post Uit Hessdalen

Die Körper von Schauspieler*innen auf der Bühne sind immer auch künstlich. Die Objekte und Figuren der Schaubude sowieso. Welche künstlichen Körper bekommen wir beim Festival zu sehen?

Es gibt – wie könnte es anders sein – Roboter. Bei »Man Strikes Back« jongliert Stijn Grupping (Belgien) gemeinsam mit pyramidenförmigen Robotern, die über den Bühnenboden fahren. Bei der Festival-Koproduktion »A.L.I.C.E. lost in Cyberland« von Iris Meinhardt und Michael Krauss (Deutschland) begegnet die Figur von Lewis Carroll verschiedenen robotischen Wesen und bei »Dingwesen« von Humanoids in Architecture and Urban Spaces (Österreich) gibt uns ein interdisziplinäres Forschungsteam Einblicke in eine tänzerische, philosophische und technische Forschung zur Mensch-Roboter-Interaktion.

Aber es gibt auch andere künstliche Körper: Sie sind aus Schaumstoff, Wachs oder Bauplane, sie tauchen nur digital auf Tablets oder als Stimme am Telefon auf oder man erschafft sie über Interaktionen mit Sensoren selbst.

»Wax-En« von Laia Ribera Cañénguez & Rafi Martin, Foto: Florian Feisel

›Künstlichkeit hat oft keinen guten Ruf und lässt schnell an Verstellung, Lüge oder fake denken. Was machen die Inszenierungen am Künstlichen stark?

Vielleicht müssen wir zunächst einmal hinterfragen, warum ›künstlich‹ schnell negativ bewertet wird. Als positives Gegenteil wird ja oft ›echt‹ oder ›natürlich‹ gesetzt – gerade auch in den technischen Diskursen und gerade auch beim Thema Körper.

Ich finde diese Gegenüberstellung sehr fragwürdig: Was ist denn bitte ›natürlich‹? ›Natürlichkeit‹, ›Realness‹ ist ja auch eher eine Inszenierungsstrategie – die man interessanterweise auch über eine gewisse Künstlichkeit generieren kann. Viele Inszenierungen stellen sich in dieses Spannungsverhältnis und versuchen eher die Vielfältigkeit zu denken, die Künstlichkeit aufmachen kann.

Bild: Manufaktor

Auf dem Festival geht es auch um die Schnittstellen von Mensch und Technik. Kannst du einen Trend ausmachen, ob sich die Stücke eher als Utopien oder Dystopien verstehen?   

Wir zeigen ja auch einen Preview von »1/0/1 robots – hacking the binary code«, ein Projekt des Berliner Kollektivs Manufaktor, dessen Premiere wir coronabedingt in den Februar verschieben mussten. Manufaktor stellt eine Utopiemaschine auf die Bühne – durchaus auch selbstkritisch, da in ihren bisherigen Produktionen Roboter eher in dystopischen Szenarien vorkamen.

Hier geht es jetzt um die Frage, wie sich Gender-Stereotype in der Robotik reproduzieren und wie man das (künstlerisch) hacken könnte. Ich mag diesen Ansatz, da er auch ein Aufruf ist, sich selbst zu ermächtigen und die Technik so einzusetzen, dass man mit ihr den Aufbau einer Gesellschaft, in der man gern leben möchte, unterstützt. Das finde ich wesentlich interessanter und aktiver als viele dystopische Erzählungen, die ja letztlich dann doch nur den Status Quo erhalten wollen – und mir fallen viele Gründe ein, anzustreben, den Status Quo zu verändern.

»Dingwesen« von Humanoids in Architecture and Urban Spaces (Österreich), Foto: Richard Pobaschnig

In vielen Inszenierungen stehen ganz private Erfahrungen auf dem Spiel: Familienbiografien in der Diaspora, die Aneignung und Befreiung von Geschlechterbildern, oder die Entwicklung des eigenen Begehrens. Inwiefern geht es da um künstliche Körper? Sind alle Körper künstlich, weil sie mit der Gesellschaft, Technik und Politik in Berührung kommen?

Natürlich sind es individuelle Erfahrungen, die hier im Zentrum stehen, gleichzeitig sind es Erfahrungen, die eine gesellschaftliche Realität reflektieren und somit öffentlich sind. Genauso ist es auch mit Körpern: Mein Körper ist privat und öffentlich zugleich. Die Frage in vielen Arbeiten ist, wie sozial konstruierte Körperbilder, die von Gesellschaft, Technik, Politik und vielen anderen öffentlichen Akteur*innen mitgeformt werden, auf das Individuum wirken, wie sie es (und seinen Körper) formen und inwiefern die Einzelperson sich gegenüber diesen öffentlichen Vorstellungen verhalten kann.

»Protokoll Physique Fragment« vom Collectif Toter Winkel (FRankreich), Foto: Clastic Théâtre

Aufgrund der neuen Corona-Pandemie üben wir alle zurzeit neue Verhaltensweisen ein: Maske tragen, Abstand halten, sich zunehmend geschickt mit den Füßen oder Ellenbögen grüßen. Thematisieren das die Inszenierungen des Festivals? Wie kann man in der Festivalleitung auch ästhetisch auf so ein Ereignis reagieren?

Nun, wie gesagt: Die Pandemie hat den Körper noch einmal in ganz anderer Form thematisiert und in den Fokus gerückt. Manche Arbeiten wird man mit der Erfahrung der letzten Monate anders lesen, manche Arbeiten entstehen jetzt gerade erst und werden sicherlich die aktuelle Lebensrealität reflektieren.

Es wird weniger um diese Frage der neuen Choreografie im öffentlichen Raum gehen, es wird stärker um den Körper in Interaktion mit der Umwelt gehen. Das ist etwas, was wir gerade erst neu denken müssen – dass der Körper durch seine reine Anwesenheit zur Gefahr für andere Körper werden kann, weil er zum Beispiel Aerosole ausstößt. Das hat er ja schon immer gemacht, jetzt wird der Fokus darauf gelenkt.

Zur ästhetische Reaktion: Es gibt im jetzigen Festival bereits Arbeiten, die hierauf reagieren – das sind insbesondere die Walks und Installationen, die erst nach dem Lockdown konzeptioniert wurden. Ich merke aber gerade an mir selbst, dass ich noch gar nicht den Abstand habe, die Ereignisse der letzten Monate zu denken oder künstlerisch zu verarbeiten. Ich könnte mir vorstellen, dass es vielen Künstler*innen ähnlich geht. Insofern bin ich mir ziemlich sicher, dass dies bei Theater der Dinge 2021 eine Rolle spielen wird.  

Gespräch vom 19. Oktober 2020

Hier geht es zum Programm und Ticketkauf


Festival flyer

Artificial bodies – at first this sounds far off, reminiscent of robots and science fiction. But when one thinks about it for a while, the small artificialities of everyday life come to mind: Touching up pictures on Instagram, playing a part in the workplace, grandma’s dentures… How did you come up with the topic and what surprises did you find during your research? 

The topic has developed from different directions. I had already dealt with the topic of the „body“ and its injuries for last year’s festival concept. At some point, however, it became clear that the 2019 festival should not only refer to physical conditions, which is why it was given the theme „Kaputt“ (broken). But „body“ was still in the room. This year I also wanted to focus more on questions of digital transformation. In 2016, on a seemingly global scale, we confronted the topic of digitization, so it seemed logical to me to look at a section of society in terms of how it is transformed by digital change. That led to „artificial bodies.“

The topic is almost obvious in puppet and object theater, as we are constantly dealing with artificial bodies. This is the one strand that was established quite early on: the discussion of bodies that form a counterpart in reality – the robots are not that far away. A second strand was then formulated in the concrete engagement: A fluid, mutable idea of bodies and images that do not fix the body one-dimensionally, but understand it as a space of possibility. Unexpectedly, the Corona pandemic brought a third aspect into the discussion: the body and its processes of exchange with the environment, keyword: aerosols.

The bodies of performers on stage are always artificial. The objects and figures of Schaubude anyway. Which artificial bodies will we see at the festival?

JOE 5“ von Duda Paiva Company (Netherlands), photo: Kim Kooiman

There are – how could it be otherwise – robots. In „Man Strikes Back,“ Stijn Grupping juggles together with pyramid-shaped robots that move across the stage floor; in the festival co-production „A.L.I.C.E. lost in Cyberland“ by Iris Meinhardt and Michael Krauss, the figure of Lewis Carroll encounters various robotic creatures; and in „Dingwesen,“ an interdisciplinary research team gives us insights into dance, philosophical, and technical research about human-robot interaction. But there are also other artificial bodies: they are made of foam, wax, or building sheets, they only appear digitally on tablets or as a voice on the phone, or you create them yourself by interacting with sensors.

„Artificiality“ often does not have a good reputation and quickly makes one think of pretense, lies, or fakeness. What are the potentials of artificiality that the productions emphasize?

Flyer of the digital puppet theatre „A.L.I.C.E – Lost in Cyberland“ by meinhardt & krauss (Austria)

Perhaps we first have to ask why „artificial“ is so quickly given a negative image. Often „real“ or „natural“ is used as a positive opposite – especially in technical discourses and especially when it comes to the body. I find this contrast very questionable: what is „natural“ anyways? „Naturalness,“ „realness“ is also more of a staging strategy – which, interestingly enough, can also be generated by a certain artificiality. Many productions situate themselves within this tension and try to think of the variety that artificiality can open up.

The festival is also about the interfaces between people and technology. Can you spot a trend, if the pieces are more like utopias or dystopias?

We are also showing a preview of „1/0/1 robots – hacking the binary code“, a project of the Berlin collective Manufaktor, whose premiere we had to postpone to February due to Corona. Manufaktor puts a utopia machine on stage – quite self-critical, too, since in their previous productions robots were more likely to appear in dystopian scenarios. Now the question is how gender stereotypes in robotics reproduce themselves and how this could be (artistically) hacked. I like this approach because it is also a call to empower oneself and to use technology in a way that supports the building of a society in which one would like to live. I find this much more interesting and active than many dystopian narratives, which ultimately only want to maintain the status quo – and I can think of many reasons to want to change the status quo.

„Corpus 1/6“ by Xavier Bobés (Catalonia)

In many productions, very private experiences are at stake: family biographies in the diaspora, the appropriation and liberation of gender images, or the development of one’s own desires. To what extent are we dealing with artificial bodies? Are all bodies artificial because they come into contact with society, technology and politics?

Certainly individual experiences are at the center of attention here, but at the same time they are experiences that reflect a social reality and are therefore public. It is the same with bodies: my body is private and public at the same time. The question in many works is how socially constructed body images, which are co-formed by society, technology, politics, and many other public actors, affect the individual, how they form it (and its body), and the extent to which the individual can act in the face of these public notions.

Only for one Day“ by Fabian Raith (Germany)

Due to the new Corona pandemic, we are all currently practicing new behaviors: Wearing a mask, keeping our distance, greeting each other increasingly skillfully with our feet or elbows. Do the productions of the festival thematize this? How can the festival management react aesthetically to such an event?

Well, as I said, the pandemic has brought the body into focus in a completely different way. Some works will be read differently with the experience of the past months, some works are only just emerging now and will certainly reflect the current reality. It will be less about this question of new choreography in public space and more about the body in interaction with the environment. This is something that we are just beginning to rethink – that the body, by its very presence, can become a danger to other bodies, for example because it emits aerosols. It has always done this, but now the focus is being shifted to it.

On the aesthetic reaction: there are already works in the current festival that react to this – these are especially the walks and installations that were conceived after the lockdown. But what I notice most about myself is that I still don’t have the distance to think about the events of the past months or to process them artistically. I could imagine that many artists feel the same way. In this respect, I am quite sure that this will play a role in Theater der Dinge 2021. 

The talk took place on Oktober 19, 2020.

Programme and tickets available here

Attention Aerosols!“ by theatre unlimited (Germany), photo: Christisan Römer

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