Beate Absalon über WIR BLUTEN OHNE WUNDE, CHOREOGRAFIE FÜR NEBEL UND OBJEKTE und THE KISS

Drei Mal allein bei dieser Tour durch die kleinen respektive kurzen Formate des Festivals. Hinterher komme ich mit dem diesjährigen Angebot nicht; »Ecognosis« oder »7 Metamorphosen« habe ich zum Beispiel verpasst. Dafür dann nacheinander wenigstens »Wir bluten ohne Wunde« und »Choreographie für Nebel und Objekte« in Schöneweide und dann ab zur Schaubude für »The kiss«. Dieses Hin- und Herfahren und sich in einem Wisch möglichst viel geben, das erzeugt auf jeden Fall Festivalfeeling. Kann ich sehr empfehlen.

Alle drei Inszenierungen verbindet, dass ich zu ihnen geführt werde und dann aber die Einzige im Publikum bin. Mehr sollen nicht rein. Sehr intim das Ganze.

In »Wir bluten ohne Wunde« führt mich die Künstlerin mit einer kleinen Taschenlampe in einen stockfinsteren Raum. Ich darf in einem Hängestuhl Platz nehmen, schaukeln und lauschen. Quasi Hörspiel in einer entsprechend dafür eingerichteten Umgebung. Immer wieder bescheint die Taschenlampe oder ein Beamer die Objekte um mich herum, die etwas mit der Story zu tun haben. Federn und Röhren zum Beispiel. Die Geschichte, die mir erzählt wird, grenzt an die Vermutung, dass ich in diesem finsteren Raum dem Wahnsinn verfallen könnte, wenn es länger als nur die eine Stunde so weiterginge und die Zeit sich ebenso auflösen würde, wie es in der Geschichte immer wieder thematisiert wird.

So metaphysisch überdimensional und fantastisch geht es ab und so ohne weitere Erklärungen für diese andere Welt, in die ich wie in kaltes Wasser geworfen werde. Erinnert mich an Teenie-Zeiten, in denen man als (imaginierter) Außenseiter Samsas Traum gehört hat. Teenie-Feeling ist vielleicht eh so eine weitere Kategorie, welche die drei Inszenierungen verbindet. Denn bei »Choreographie für Nebel & Objekte« macht eine der Nebelmaschinen-Rohre zum Beispiel das, was ich damals mit Zigarette, Shisha oder Bong nie hinbekommen habe: So coole Ringe aus Rauch auszupusten!

Und ja, ähnlich wie die Künstler*innen es während der Inszenierung erzählen, wollte ich früher natürlich auch eine dieser sinnlich-schwüle Erotik ausstrahlenden Wasserdampfschalen als Luftbefeuchter aus dem Otto-Katalog haben. Das war einfach das ultimative Gimmick im 90-er Jahre Kinderzimmer, neben Lavalampe und Sitzsack. Am Ende wurde es aber nur so ein Räucherstäbchen-Wasserfall-Staubfänger.

Was heißt »nur«, denn im Prinzip ist es ebenso trippig, diesen permanenten Fluss des Rauches zu beobachten, wie es fließt und steigt und wie sich mystische Wirbel bilden beim Auftropfen der Schwaden auf die Keramik. Ich weiß nicht, was die Faszination ausmacht. Irgendwie fühlte es sich magisch an von diesen künstlichen Nebelerzeugern umgeben zu sein. Natürlich auch auf meinen ersten Konzerten damals. So witchy! Und wie köstlich dieser typische Nebelmaschinenduft… Es zieht einen in den Bann, erzeugt einen Flow, bei dem man sich selbst vergisst und dadurch, ja, eben in die »Welt ohne uns« eintritt. Oder im Nebel verschwindet.

Auf dem Weg zur Schaubude mache ich einen Abstecher in den Bio-Supermarkt und stehe wieder fasziniert am Gemüsestand, wo der Porree ebenso lasziv von Dampfschwaden eingehüllt wird, um nicht auszutrocknen. Bei »Pantoffeltierchen und Meteoriten« war ich ähnlich hypnotisiert von dem Moment, in welchem Trockeneis in heißes Wasser geworfen wurde und so Nebelschwaden durch den mit Moos bedeckten Tisch strömten.

An der Schaubude treffe ich dann Brix wieder, die ich doch von »Pantoffeltierchen und Meteoriten« kenne, weil sie da mitgespielt haben! Ok, an der Schaubude sind sie eigentlich Spielstättenbetreuung und ich lerne, dass es zu einer Art spontanen Beförderung kam und sie für die Inszenierung als Akteure einsprangen. Auch magisch! Brix fragt mich, ob ich Bier trinke. Ja klar, gerne. Das fängt schon schön flirty an.

Das Bier ist notwendiges Requisit der interaktiven Erfahrung »The kiss«. Ich werde durch den Nieselregen und die vernebelte Greifswalder Straße um die Hausecke geführt, rein und durch die vielen Flure hoch zu meiner letzten Inszenierung des Tages, in die ich wieder allein eintrete. Vorher werde ich vorbereitet. Ich werde eingeladen, Jacke und Schal auszuziehen, ebenso meine Ketten, Schuhe und sogar Socken. Hände und Füße werden mir desinfiziert. Hihi. Dann bekomme ich einen Blindfold um die Augen, so dass ich nichts sehe und Kopfhörer aufgesetzt, um in den Raum mit einer wahrlich umwerfenden »Low Tech Virtual Reality Experience« konfrontiert zu werden.

Ich will nicht zu viel verraten, außer dass Brix, die mich danach abholen, sagen, dass man mir anhand meines lauten Quietschens, Lachens und Schreiens anmerken konnte, dass ich viel Spaß hatte. Hatte ich!

Wieso ist das eine »Welt ohne uns«, wenn ich in alle Inszenierungen alleine reingehe und alle etwas mit Erinnerungen zu tun haben und mich in die Nebelschlieren der Nostalgie hüllen? Klar, einerseits erinnert das Ganze formal an die Lockdown-Situation, das plötzliche Auf-sich-zurückgeworfen-Sein. Das Fehlen von dem, was sonst so selbstverständlich war – Berührung, Nähe und das Zusammensein unter leiblich anwesenden Vielen. Das Gefühl, als würde man sich in diesem Zustand selber irgendwann auflösen. Weil man braucht den Anderen um sich selber wahrnehmen zu können! Und wie sich in dieser Zeit einige mit (mentalem) Hausputz beschäftigten. Ausmisten: Was war? Was soll sein? Was ist wirklich wichtig? Was soll bleiben? Was gehen?

Vor allem aber denke ich an diesem Festivaltag an eine Notiz der österreichischen Autorin Ilse Aichinger, aus ihrem Tagebuch, das eine Art »Journal des Verschwindens« ist:

»Alles geht unter. Aber wie wir es gespielt haben, bleibt in der Luft

Beate Absalon wird am 13.11.21 zusammen mit Sebastian Köthe den Workshop Theorie-Café: Dinge zum Verschwinden auf Gathertown anleiten und fragt sich, wer mit dem „uns“ im Festivaltitel eigentlich genau gemeint ist?


Wir bluten ohne Wunde
Theater Textura, Deutschland
Hörspiel-Installation

Hörspiel >> Kalman: Nico Selbach, Reiher: Michael Schwager, Dunkelschöne: Heidi Zengerle, Raimund: Martin Molitor, Kaven: Dita Rita Scholl, Angst: Esther Nicklas, Das Rohr: Ulrike Johannson, Bassklarinette: Jan Hermerschmidt, Notärztin: Heidi Zengerle, Die Zeit: Ulrike Barchet / Regie: Esther Nicklas, Heidi Zengerle / Text: Esther Nicklas / Tonmeister: Christian Ulrich / Audio Berlin Mit Ausschnitten aus Kompositionen von Dimitri Schostakowitsch, Arvo Pärt, George Crumb, Istvan Märta

Installation >> Spiel: Esther Nicklas / Regie: Esther Nicklas, Heidi Zengerle / Szenografie: Sabine Lindner, Esther Nicklas / Videoclips: Lothar Herzog / Tanz: Rebekka Böhme, Esther Nicklas / Bungee dance: Rebekka Böhme / Kostüm: Sophia Elstermann / www.esthernicklas.de

Choreografie für Nebel und Objekte
scheinzeitmenschen, Deutschland
Material-Choreografie

Künstlerisches Konzept und Umsetzung: scheinzeitmenschen – Birk-André Hildebrandt & Valeska Klug / Produktionsleitung: Helene Ewert Produktionsassistenz Simone Spelten / Cellospiel: Tobias Sicken / Stimmaufnahmen Philipp Blömeke/wardrobe voices / Grafikdesign: Ulrike Weidlich / Fotos: Sven Neidig / Video: Sebastian Behler/BELAIRmedien / Koproduktion mit: Rottstr5-Kunsthallen Bochum / www.scheinzeitmenschen.eu

The kiss
Golden Delicious, Frankreich
Low-Tech-Virtual-Reality-Experience für eine*n Besucher*in

Von und mit: Inbal Yomtovian / Sounddesign Marc Fragstein / http://www.goldelicious.com

Gastspiel im Rahmen vom OBJETS & MARIONNETTES Fokus 20.21. Mit freundlicher Unterstützung des Institut français und des französischen Ministeriums für Kultur / DGCA.

www.goldelicious.com