StageJam #3: Theatrale und kosmische Portale

Prozessdokumentation des dritten Gather-Town-Experiments

Im Rahmen des Projekts »Neue Gemeinschaften« der Schaubude Berlin und des MA »Spiel und Objekt« an der HfS Ernst Busch waren in der Woche vom 29.11. bis zum 4.12.2021 fünf professionelle Künstler*innen-Gruppen eingeladen, im virtuellen Raum zu jammen. Auf der Plattform Gather Town entstanden kurze Theater- und Spielformate, die während der Figurentheater-Konferenz Extend it! bei einem StageTest mit Publikum ausprobiert wurden.

StageJams: Allgemeiner Ablauf
Während der StageJams haben die Gruppen eine Woche Zeit, um Gather.Town in Kombination mit anderen Online-Tools zu erproben. Jede Gruppe bekommt ein modifizierbares Duplikat der Virtuellen Schaubude auf Gather Town; zur Kommunikation und Vernetzung untereinander steht ein Discord-Server mit verschiedenen Kanälen wie »canteen«, »skillshare«, »helpdesk«, »dailyquestion« sowie »Proberäume« zur Verfügung. Neben einem gemeinsam moderierten Kick-Off-Treffen zu Beginn gibt es während des StageJams einzelne Treffen für den Austausch; die meiste Zeit jedoch steht den Künstler*innen frei zur Verfügung. Am Ende werden die entstandenen Formate getestet.

Teilnehmende Künstler*innen StageJam #3
Paul Wiersbinski
Helene Scheithe & Wieland Lemke
Komplexbrigade (Caspar Bankert, Hannes Kapsch)
Christian Claas & Christian Fuchs
GLANZPAPE

Um die digitale gemeinsame Arbeitsweise und den Schaffensprozess auf Gather Town zu dokumentieren, stellen wir hier zunächst die Endergebnisse des StageJams vor und zitieren dann Reflexionen der Gruppen aus dem Discord-Kanälen »dailypquestion« und »dailypicture«.

Entstandene Spaces

Tschaikowski Festspiele 2999 von Helene Scheithe & Wieland Lemke

»Wir haben als Rahmen ein dramaturgisches Krisenstabstreffen konzipiert. Angefangen mit der bekannten Zoom-Konferenz-Stimmung schlichen wir danach mit dem Publikum als Avatare durch die Schaubude. Bei unserem Ensemble-Casting fungierten Akteure aus Videos von Facebook, TikTok oder YouTube als potenzielle Hologram-Bewerber*innen. Hier wurden die Gäste eingeladen, die Beiträge spielerisch mitzubeurteilen und so performativ selbst aktiv zu werden. … Das Gewimmel der Avatare inspirierte uns zu einer Pfeiltasten-Choreographie, bei der die Mitperformer*innen dem Avatar Pjotr Iljitsch Tschaikowski tänzerisch durch die Gather.Town-Bühne folgten.«

Helene Scheithe & Wieland Lemke

Und wohin jetzt? von Komplexbrigade

»Bei unserem Projekt wurde eine Pen-und-Paper-Dramaturgie mit der Live-Situation auf Gather.Town kombiniert. Das Publikum erfand unter Anleitung eine eigene Geschichte und konnte sich mit den Avataren in spontan zusammensetzbare Räumen begeben. Inhaltlicher Rahmen war die Erzählung einer Fantasy-Endzeit-Situation: Ein göttliches Wesen hat alle bekannten Welten verschlungen; nur diese handvoll Personen sowie die Spielleitung existiert noch. Letztere verkörperte eine mystische Figur, die mithilfe eines digitalen Stimmverzerrungsprogramms mit dem Publikum in Dialog trat. Durch geteilte Erinnerungen sollte die untergegangene Welt noch einmal auferstehen. Auf die Fragen nach ihren Leben vor dem mystischen Ereignis gaben die Zuschauer*innen Antworten, aus denen sich Räume und Landschaften ergaben, die durch ›kosmische Portale‹, in diesem Fall U-Bahn-Stationen aus den Gather-Town-Assets, tatsächlich betretbar waren.

Im virtuellen Backstage und über eine zweite Sprachverbindung via Discord mit der Spielleitung verbunden, konnte die Bühnentechnik aus über 50 vorbereiteten Räumen den am besten passenden aussuchen und ein neues Portal zwischen diesem und dem aktuellen Raum anlegen. Auf diese Weise konnte tatsächlich live auf das Geschehen reagiert werden und das Gefühl entstehen, in einer Welt zu sein, die sich je nach Bedürfnis des sie Betretenden immer neu formiert.«

Komplexbrigade

#stayathome von Paul Wiersbinski


»Bei meinem Space ging es darum den Begriff des Zuhause-Seins zu reflektieren und zu transzendieren. Hierzu wurde das Publikum am Eingang des Gather Spaces versammelt und durch eine kurze textliche und technische Einführung mit den Möglichkeiten der Performance vertraut gemacht, während es an ein virtuelles Lagerfeuer geführt wurde. Von hier aus gab es mehrere Möglichkeiten der Partizipation. … Dabei sollte auch das Gefühl entstehen, nicht alle angebotenen Elemente gleichzeitig rezipieren zu können, z. B. indem man sich entscheiden musste, entweder die Videos zu finden oder mit mir am Feuer zu sprechen bzw. dabei zuzuhören, was andere Teilnehmer*innen erzählen. Andererseits habe ich durch die stilistischen Mittel angestrebt, eine stringente ästhetische Erfahrung zu vermitteln.«

Paul Wiersbinski

Puppenkonferenz von Christian Claas & Christian Fuchs

»Ausgehend von den virtuellen Maskierungstechniken die das Snap-Chat-Universum ausmachen, haben wir nach einem professionellen Einsatz dieser Technik im Rahmen von inszenierter Live-Situationen gesucht. Zunächst natürlich im Rahmen der hier gegebenen Plattform, aber eben auch darüber hinaus. Dieses Tool ist unseres Erachtens im Rahmen von Bühneninszenierungen live anwendbar. Man könnte das einen „hybriden Erkenntnisgewinn“ nennen. … Aus unserer Theatersicht funktioniert dieses Mittel wie Maskentheater. Es bekommt aber bisweilen auch Züge von Objektanimierung. Die Masken werden bereits u. a. durch Mundbewegungen, Kopfdrehungen und Augenzwinkern animiert. … Durch den Einsatz der Filter haben wir behauptet, selbst Puppen zu sein. Gleichzeit ging es bei der Präsentation auch darum, die gefundenen Tools zu präsentieren. … Der „Konferenz-Raum“ bleibt erhalten und beinhaltet eine Art Erlebnis-Archiv, so dass man dort auch nach der Live-Führung zeitunabhängig potenziell inspirierende Eindrücke bekommen kann.«

Performance von GLANZPAPE

»Wir haben uns auf das ICH fokussiert. Was heißt es, ein Ich zu sein, als Avatar durch virtuelle Räume zu laufen, sich mit Fotos und Videos in Beziehung zu setzen, sich selbst zu erinnern – und dann ein neues ICH zu kreieren und sich bei Gather Town neu zu begegnen. Wir haben alle möglichen Räume miteinander verbunden, eigene Videos erstellt und die Suche nach dem ICH wie eine Schnitzeljagd gestaltet. Dabei konnte das Publikum eigene Geheimnisse und Erinnerungen mit einspeisen. Zwei Portale gliederten unsere Performance, 1. OLD ICH und 2. NEW ICH. Diese Portale waren sozusagen die zwei Kapitel, die wir zu bieten hatten, die am Ende darin mündeten, auf der Bühne in einem neuen Raum anzukommen, der das Potenzial hatte, das neue ICH auszuprobieren. … P.S. Und Humor spielte bei uns auch eine GROSSE Rolle!«

GLANZPAPE

Online zusammenarbeiten, aber wie?

»Normalerweise gibts gemeinsame Cloud-Ordner für Projekte und ein Office auf Telegram. Und Zoom zu ausgewählten Anlässen. Jetzt gerade sind wir (aus Nachbarschaftsgründen) trotzdem an einem gemeinsamen physischen Ort. Für die Spielsituation die wir planen ist das super, denn: Wir wollen mit unserem Online-Publikum live Geschichten erzählen und spontan digitale Räume gestalten, also sehr viel auch untereinander kommunizieren. Und das geht in einem analogen Backstage viel barrierefreier!«

Komplexbrigade

»Ich denke, dass es total auf das Format ankommt, das man entwickeln möchte. Ich denke, dass es gut ist, wenn jede*r etwas für sich selbst erarbeitet und man am Ende zusammenkommt und darüber spricht. Wir tauschen uns viel über Telegram aus. Gestern Abend haben wir uns dann einfach auf Gather Town getroffen, um das weitere Prozedere zu besprechen.«

GLANZPAPE

»Wir haben uns heute gegenseitig Ideen zugespielt und Absprachen getroffen, hauptsächlich über Discord und teilweise auch noch Telegram. Heute Abend haben wir angefangen zu probieren (Videos zu produzieren oder im Internet zu sammeln, Gather.Town-Tools für Sound und Video zu testen, Kostüme anzuziehen etc.) Unsre Gedanken kreisen technisch um Fragen, wie man mit der Ehrlichkeit umgeht, dass Gather Town als Gaming/Roleplay-Plattform funktioniert aber dennoch Theatermagie auf die Zuschauer übergehen kann.«

Wieland Lemke

Gather.Town: Likes und Limits?

»Ich denke das beste Feature an Gather Town ist es, eine (virtuelle) räumliche Ebene zu erschaffen, welche es erlaubt, verschieden interaktive Elemente zu verknüpfen. Zusätzlich interessiert mich die Chat-Funktion als erzählerische Ebene und die Videokonferenz-Funktion, welche gleichzeitig einen distanzierten, aber gerade dadurch auch intimen Rahmen schafft, wenn man in der inszenierten Welt einem „echten“ Fremden begegnet. Ich probiere die optimale Mischung zu finden inwieweit ich das Geschehen inszeniere / kontrolliere bzw. Freiheiten für die Imagination des Publikums lasse.«

Paul Wiersbinski

»Gather Town schafft es spielerisch, Menschen live zusammenzubringen und lockert in der Gameplay-Darstellung die übliche Konfrontationsansicht von Gruppenchats auf. Es ist vor allem dafür geeignet, einen Dialog zu etablieren – sei es per Chat oder in den Gesprächsräumen. Eine Aufführung im eigentlichen Sinne herzustellen ist recht schwierig, da es eigentlich keine richtige Möglichkeit gibt, Videos gezielt so zu mappen, dass alle das gleiche Bild haben. Auch wäre ein steuerbarer Ton jenseits der Sound-Emitter wünschenswert. Ich schätze, dass alles zugunsten der Performance extrem reduziert ist. Schließlich spielen bei diesen Live-Online-Begegnungen viele Faktoren zusammen und das Limit ist zumeist die Internetgeschwindigkeit und die Performance der Endgeräte. Ich nehme für mich vor allem mit, dass ich einen souveräneren Zugriff auf mein Videobild habe und dass ich dort auch visuell unterstützt mit einem Tastendruck in eine andere Rolle schlüpfen kann.«

Christian Claas

»Uns interessiert, dass wir Figuren und Räume erschaffen können, die fernab von jeder Realität und Dreidimensionalität funktionieren. Uns fasziniert die Instant-Kreativität, die gefragt ist wenn wir beim betreten eines neuen Raumes einen neuen Avatar*in erschaffen müssen. Die ANONYMITÄT und gleichzeitig die fast schon übergriffige Intimität/Einblick in private Räume der anderen Personen und die Einsamkeit im worldwide-connected NET. Ein interessanter Faktor ist auch, dass Theater endlich über große Distanz hinweg konsumierbar ist.«

GLANZPAPE

»Uns interessiert das gemeinsame Performen mit anderen Avatar-Mitspieler*innen und Akteuren von gefundenen Medien im Internet. Die verschiedenen Anwesenheits- und Abwesenheitszustände sozusagen. Durch das Mitwirken von anderen Medien von verschiedenen externen Sites stellen sich auch ganz andere Fragen in Bezug auf Urheberrecht und Copyright, da wir die Seiten so roh offenlegen und sich dadurch mehr Möglichkeiten für weitere Einflüsse ergeben. … Aus unserer Sicht sind partizipative Ansätze, bei denen auf Gather Town kollektiv spielerisch performt wird die einlandenste Variante auf einer Online-Plattform theatrale Momente zu erleben.«

Wieland Lemke

»Uns interessiert es, spontan immer neue Räume zu erfinden aus einem gemeinsamen Erzählvorgang mit dem Publikum. Quasi eine menschliche Game-Engine zu sein, die mit der Gather-Town-Programmiersprache in Echtzeit virtuelle Welten generiert. Die Frage die sich uns gerade stellt (und an der wir in den letzten Stunden auch ein wenig verzweifelt sind) ist, wie genau die Interaktion mit dem Publikum dann eigentlich aussieht in der Live-Situation – da werden wir wahrscheinlich auf diverse Pen-and-Paper-Erzähldramaturgien zurückgreifen, müssen aber auch erstmal selber herausfinden, was in der Mechanik, die wir gebaut haben, eigentlich spannend ist.«

Komplexbrigade

Die Rolle des Publikums?

»Ich glaube, dass viel mehr noch ausprobiert werden muss, um herauszufinden, welches Format das Bestfunktionierende für ein Online-Theatererlebnis sein kann – Als Möglichkeitsraum finden wir auf jeden Fall eine Art von Intimität spannend, die im Theater nicht möglich wäre. Wie diese Intimtität noch ausschauen kann – das gilt es zu erforschen.«

GLANZPAPE

»Für mich als Bildender Künstler ist es immer spannend, Erwartungen aufzubauen bzw. mögliche Geschichten anzuschneiden und diese dann nicht zu bedienen, weil es das Publikum auf die Frage zurückwirft, inwieweit Erzählungen an sich problematisch sind. Ich finde es schön, wenn kurzzeitig das Gefühl von Verbundenheit entsteht, dieses dann aber in der Enttäuschung dazu führt, sich der eigenen (unbegrenzten) Entscheidungsfreiheit bewusst zu werden.«

Paul Wiersbinski

»Aus unserer Sicht sind partizipative Ansätze, bei denen kollektiv spielerisch auf Gather Town performt wird die einlandenste Variante auf einer Online-Plattform theatrale Momente zu erleben.«

Helene Scheithe & Wieland Lemke

#stagejam