Künstlerisch Forschen – Plädoyer für eine gemeinsame Begriffsklärung von Dana Ersing

„Um den Begriff der künstlerischen Forschung hat sich eine rege, uneinheitliche und kontroverse Diskussion entwickelt“, schreibt Kathrin Busch, Professorin an der UdK.

Um diese weiterzuführen, haben sich Figurenspieler*innen, Veranstalter*innen, Theaterpädagog*innen, Wissenschaftler*innen und solche, die all das in Personalunion vereinen, zu drei Tagen Szenetreff und Fachaustausch »Mit Kunst forschen?« in der Schaubude Berlin im Rahmen von »Figure It Out« 2023 getroffen.

Wäre es sinnvoll gewesen, sich im Vorhinein auf eine Definition des Begriffs Künstlerische Forschung zu einigen? Hätten wir dann mehr in die Tiefe diskutieren können?

Wir haben es nicht getan. Wir haben uns in Gesprächen rege, uneinheitlich und kontrovers gemeinsam daran angenähert, was Künstlerische Forschung für uns bedeutet. Wir haben herausgefunden, dass wir alle eine sehr unterschiedliche Vorstellung davon haben und uns Verschiedenes daran wichtig ist. Das zeigt sich allein schon an der Frage, wer mit wem künstlerische Forschung betreibt, denn wir haben zusammen bewiesen, dass folgende Aussagen alle wahr sind:

  • Künstlerische Forschung wird mit Kindern und/oder Jugendlichen betrieben, im Rahmen theaterpädagogischer Formate, in Schulen, Kindergärten, während Ferienbetreuungen u.v.m.
  • Künstlerische Forschung wird in der Zusammenarbeit von Künstler*innen und Wissenschaftler*innen betrieben.
  • Künstlerische Forschung wird von Künstler*innen betrieben, gemeinsam mit anderen Künstler*innen.
  • Künstlerische Forschung wird von Künstler*innen alleine im stillen Kämmerlein betrieben.
  • Künstlerische Forschung wird von Künstler*innen gemeinsam mit dem Publikum betrieben.

Ist dadurch eine Einheitlichkeit in Bezug auf den Begriff Künstlerische Forschung für uns entstanden? Eher nicht. Das ist an dieser Stelle aber fast zweitrangig. Größer geworden ist das Verständnis füreinander, für das, was den anderen und uns selbst wichtig ist, für die Zwänge, denen wir unterliegen, und für das, was wir uns für unsere jeweilige Form der Künstlerischen Forschung wünschen.

Für Künstler*innen sind Räume und Zeiten wichtig, in denen ohne Premierendruck an einer Sache geforscht werden kann. Die Recherchestipendien und Prozessförderungen machen das für die Glücklichen möglich, die eine abbekommen haben. Die Veranstalter*innen zittern vor Angst beim Gedanken an halbgare künstlerische Forschungsarbeiten, die einem verständnislosen Publikum präsentiert werden, das eine fertige, abendfüllende Produktion erwartet hat. Und wenn dann noch nicht mal eine Puppe mit auf der Bühne ist, eieiei …

Der Westflügel Leipzig ist so eine Veranstalter*in. Sie hat zwar keine Angst vor puppenlosen Stücken, doch das leichte Zittern vor Halbgarem ist ihr wohl bekannt.

Sie möchte den Figurenspieler*innen zurufen: Aber habt bitte auch Lust auf Publikum! Gesellschaftliche Relevanz braucht auch eine Gesellschaft! Und: Eure Kunst nennt sich eine darstellende!

Ich fahre von Berlin nach Leipzig zurück, den Kopf voller Gesprächsfetzen der vergangenen Tage und erträume mir dabei eine Utopie, in der all die von uns jeweils als wahr erklärten Definitionen Künstlerischer Forschung systemrelevant sind. In der Künstler*innen genug Zeit, Raum und Mittel bekommen, an und mit ihrer und über ihre Kunst zu forschen und Stücke zu produzieren. Auch solche, die über einen längeren Zeitraum spielbar bleiben und gezeigt werden wollen. In der es Veranstalter*innen gibt, die Künstler*innen Zeit, Raum und faire Honorare bieten können, für ihre Forschungsarbeiten und abendfüllenden Produktionen mit und ohne Puppe, aber unbedingt immer wieder mit Publikum.

Eine Utopie, in der Fördermittelgeber*innen existieren, die voller Vertrauen Produktionsmittel, Recherchestipendien und Prozessförderungen an Künstler*innen verteilen und sich unkomplizierte Abrechnungen ausdenken. In der pädagogische Formate Künstlerischer Forschung finanziert werden und ihnen ausreichend Platz im Lehrplan eingeräumt wird. In der ein Publikum lebt, das mit Neugier und Offenheit zu dem kommt, was wir zeigen wollen und dennoch alles kritisch hinterfragt und uns auf die Finger klopft, wenn wir zu gefällig werden oder an gesellschaftlicher Relevanz verlieren.

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Dana Ersing ist Teil der künstlerischen Leitung am Westflügel Leipzig, der gemeinsam mit der Schaubude Berlin und FITZ Stuttgart die Allianz internationaler Produktionszentren für Figurentheater bildet. Sie fragt sich, ob die Künstlerische Forschung vielleicht einfach eine Dragqueen ist, die je nach Kategorie ihr Outfit wechselt.