(English version below)
Die digitale Transformation wird in Kunst und Kultur bereits seit vielen Jahren – wenn nicht Jahrzehnten – kreativ verhandelt: durch KI-Kunst, Robotik, neue Technologien oder Arbeiten der digitalen Medienkunst. Was hat dich dennoch dazu bewogen das Thema Autonomie in den Mittelpunkt des diesjährigen Festivalprogramms zu stellen?
2016 haben wir Theater der Dinge zum Thema „Digital ist besser“ veranstaltet – das war die erste Ausgabe unter meiner Leitung. Es klingt heute fast unglaublich, aber damals waren wir eines der ersten Theater, das sich intensiver mit der Digitalisierung beschäftigt hat. Das Thema hat dann schnell Fahrt aufgenommen – nicht nur, aber auch im Figuren- und Objekttheater. Es gab plötzlich Forschungsresidenzen und Förderprogramme, Verbundprojekte, Labs und Inszenierungen. 2018 entstand der Studiengang Spiel und Objekt an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch, 2019 die Akademie für Theater und Digitalität in Dortmund. Dadurch ist ein unglaublicher Wissensschatz generiert worden – und zehn Jahre später ist ein guter Zeitpunkt, um diesen in der gebündelten Form eines Festivals zugänglich zu machen. Deswegen haben wir auch viele kleinere Formate im Programm, die Ergebnisse künstlerischer Forschung zeigen.
Der Begriff Autonomie war lange eng mit dem menschlichen Bewusstsein verknüpft. Warum ist jetzt der richtige Zeitpunkt, ihn im Kontext von Objekten, Maschinen und Theater neu zu verhandeln – und was kann das Theater der Dinge in diesem Diskurs beitragen, was andere Medien vielleicht nicht können? Immerhin geht es in kaum einem anderen Theatergenre so direkt darum, Dinge durch Animation als autonom handelnd erscheinen zu lassen.
Autonomie ist zentral für das westliche Verständnis vom Menschsein. Sie ist ein wichtiger Aspekt der Menschenwürde und Grundlage für demokratische Verfassungen. Oft wird Autonomie als wesentlich für das Wohlbefinden und die Erfüllung der einzelnen Person angesehen, überträgt aber auch allen Einzelnen eine Verantwortung für ihr Handeln. Nun ist Autonomie nicht mehr exklusiv menschlich: „Intelligenz“ kann künstlich sein und Maschinen sind fähig, kreative Akte zu vollführen – sie können jetzt, was bisher den Menschen aus seiner Umwelt hervorhob.

Die rasante Entwicklung im Bereich der Künstlichen Intelligenz in jüngster Zeit, ihre zunehmende Verbreitung in Alltagsobjekten und die immer niedrigere Zugangsschwelle fachen die Dringlichkeit an, sich damit auseinanderzusetzen. Und hier kommt das Puppentheater ins Spiel: Die performative Verschiebung von Objekt- und Subjektstatus sowie das Verhältnis von Mensch und Ding sind seine Kernelemente. Figurentheater ist ein Theater, das über den Menschen hinausgeht. Dabei nimmt es das Objekt als Mitspieler*in ernst, betont aber gleichzeitig, dass es sich bei der Verlebendigung um einen suggestiven Prozess handelt. Damit verfügt das Figuren- und Objekttheater in besonderer Weise über ein ästhetisches Vokabular, um Entwicklungen im Spannungsfeld der digitalen Autonomie spielerisch zu analysieren und kritisch zu hinterfragen.

Viele der gezeigten Arbeiten beschäftigen sich mit der Frage, was geschieht, wenn Dinge scheinbar eigenständig agieren. In welcher Weise spiegeln die eingeladenen Inszenierungen und Formate die menschliche Angst vor Kontrollverlust und dem Verlust der eigenen Autonomie wider?
Die Inszenierungen spielen alle in der einen oder anderen Form mit dem Zusammenwirken von autonomem Objekt und Mensch, zeigen dabei aber sehr unterschiedliche Facetten auf: Karla Kracht hat ihre Installation „What Humanity Taught Us“ gemeinsam mit einer KI entwickelt und imaginiert eine Post-Sapien-Zukunft, in der die Spuren des Menschen aber immer noch vorhanden sind. „MICROLAB 2097“ schaut auch in die Zukunft, aber eher mit dem Blick des Puppenspielers, der neugierig ist auf Konzepte von hybriden Körpern, in denen die Grenzen zwischen Mensch, Tier, Pflanze, Mineral, Maschine und Objekt aufgehoben sind.

Auch Ugo Dehaes interessiert sich für den menschlichen Körper, wenn er für „Moving Skin“ versucht, Muskeln und Haut nachzubauen, um seine Choreografien für die Ewigkeit zu archivieren. Es geht aber auch um das Eintauchen in eine digital-menschliche Realität, wie in „Asking for a Friend“ am Beispiel von Beziehungen zu KIs oder „FuelNoises“, wo sich ein Performer im Fake News-Strudel verliert. Kontrollverlust ist dabei nicht das zentrale Motiv – es ist wie in „ERSATZ“ eher die Freude an einer grotesken Überzeichnung, die sehr viel über menschliches Streben erzählt, oder wie in „SPOTSHOTBEUYS“ das Interesse an der Aushandlung, wie Mensch und Technik koexistieren können.

(English version)
Digital transformation has been creatively explored in art and culture for many years— if not decades — through AI art, robotics, new technologies, and digital media art. What made you decide to focus this year’s festival program on the topic of autonomy?
In 2016, we organized Theater der Dinge on the theme of “Digital ist besser”—that was the first edition under my direction. It sounds almost unbelievable today, but at the time we were one of the first theaters to deal intensively with digitization. The topic then quickly gained momentum—not only, but also in puppet and object theater. Suddenly there were research residencies and funding programs, collaborative projects, labs, and productions. In 2018, the Spiel und Objekt degree program was established at the Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch, and in 2019, the Akademie für Theater und Digitalität was founded in Dortmund. This has generated an incredible wealth of knowledge – and ten years later is a good time to make it accessible in the concentrated form of a festival. That’s why we also have many smaller formats in the program that showcase the results of artistic research.

The concept of autonomy has long been closely linked to human consciousness. Why is now the right time to renegotiate it in the context of objects, machines, and theater—and what can the theater of things contribute to this discourse that other media perhaps cannot? After all, there is hardly any other theater genre that deals so directly with making things appear to act autonomously through animation.
Autonomy plays a huge role in the Western understanding of humanity. It is an important aspect of human dignity and the basis for democratic constitutions. Autonomy is often seen as essential for the well-being and fulfillment of the individual, but it also assigns responsibility for one’s actions to each individual. Now, autonomy is no longer exclusively human: “intelligence” can be artificial, and machines are capable of performing creative acts—they can now do what previously set humans apart from their environment.

The rapid development of artificial intelligence in recent times, its increasing prevalence in everyday objects, and the ever-lowering threshold for access are fueling the urgency to address this issue. And this is where puppet theater comes in: the performative shift in object and subject status and the relationship between humans and objects are its core elements. Puppet theater is a form of theater that transcends humanity. It takes the object seriously as a co-performer, but at the same time emphasizes that bringing it to life is a suggestive process. Puppet and object theater thus has a unique aesthetic vocabulary at its disposal for playfully analyzing and critically questioning developments in the field of digital autonomy.
Many of the works on display deal with the question of what happens when things appear to act independently. In what way do the invited productions and formats reflect the human fear of losing control and autonomy?
The productions all play in one way or another with the interaction between autonomous objects and humans, but reveal very different facets: Karla Kracht developed her installation “What Humanity Taught Us” together with an AI and imagines a post-Sapien future in which traces of humans still remain.

“MICROLAB 2097” also looks to the future, but more from the perspective of a puppeteer who is curious about concepts of hybrid bodies in which the boundaries between humans, animals, plants, minerals, machines, and objects are blurred. Ugo Dehaes is also interested in the human body when he attempts to recreate muscles and skin for “Moving Skin” in order to archive his choreographies for eternity. But it is also about immersing oneself in a digital-human reality, as in “Asking for a Friend” with the example of relationships with AIs, or “FuelNoises,” where a performer loses himself in the maelstrom of fake news.
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