Nachgespräch zum „Aufstand der Dinge“

Nach der Berlin-Premiere von „Aufstand der Dinge“ am Sonntagabend hatten Beate Absalon und Sebastian Köthe die Gelegenheit, mit den Künstler*innen vom Figurentheater Chemnitz zu sprechen. Claudia Acker (Spiel), Gundula Hoffmann (Direktorin Figurentheater), Mona Krueger (Spiel), René Schmidt (Dramaturgie) und Mirko Winkel ((Regie, Ausstattung) haben sich dabei nicht nur den Fragen der Moderator*innen gestellt, sondern auch denen des Publikums. Wer das Gespräch verpasst hat, kann es nun nachholen und mehr darüber erfahren, wie die Gruppe gearbeitet hat und wie die Dinge die Wende erlebt und überlebt haben.

Pre-Show Talk with René Duursma of „Smalfilm“

Before the Berlin premiere of Smalfilm, Beate Absalon and Sebastian Köthe as well as some audience members had a chance to talk with the curator of Gronings AudioVisueel Archief René Duursma, who not only helped to select the film materials but also composed and played the music of the lecture performance.

In case you missed the talk, you can listen to an excerpt here:

Das Recht des Singulären. Sebastian Köthe über „Saphir-Kopf“.

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Das Erinnern ist staatstragend und also von Staaten häufig instrumentalisiert: Gedenken, Mahnen und Tradieren werden von Feiertagen, Medien und Einheitswippen gerahmt und zielen, sozusagen von der Vergangenheit aus, strategisch auf Politiken des Gegenwärtigen und Zukünftigen. In vielen Produktionen des Festivals haben Künstler*innen also daran gearbeitet, die von den großen Erzählungen vergessenen, verdrängten und verstoßenen minoritären Geschichten zu erinnern, die für das nationale Gedächtnis zu unbedeutsam oder zu traumatisierend sind: von der Biografie einer vergessenen polnischen Künstlerin wie Janina  Węgrzynowska bis hin zum Super-GAU Tschernobyls.

Handa Gote Research & Development gehen mit ihrem Puppentheater-Remake „Saphir-Kopf“ einen anderen Weg. Ein Film zu Beginn der Aufführung erzählt in hehrem Ton, dass irgendwann in den späten 90ern im nordböhmischen Prácheň ein Stück namens „Saphir-Kopf“ aufgeführt wurde. Man weiß nicht so recht, um was es sich hier handelt: eine legendäre Underground-Inszenierung der avanciertesten tschechischen Avantgarde oder eine betrunkene Improvisation alter Freunde an Silvester. Angeblich haben die Beteiligten nun, 20 Jahre später, eine Kiste mit den Überresten der Szenenbildes und alten VHS-Kassetten mit Ausschnitten der Performance wiedergefunden – und führen nun in der Schaubude ein Reenactment auf.

Handa Gote führt auf gekonnteste Weise bad puppet theatre auf: die billigen Plastikfiguren wackeln hopsend über die Bühne, Korrekturhände greifen immer wieder ein und machen dabei alles nur ungenauer, die Szenen kalauern sich vorwärts. Mal geht es um das Erschlagen von Insekten, mal wackeln ein Dutzend mechatronischer Stofftiere mit glühenden Augen über eine Rampe bis sie in einen Eimer fallen, zwei Wanderer laufen unmotiviert über die Bühne, ein Haus brennt ab. Am Ende singt ein Plüschtierhund I’ve Got You, Babe. Das alles wird ausgestellt unbeholfen und gleichzeitig mit dem Gestus präzisester Kunstarbeit aufgeführt.

Was hier erinnert wird und sogar die Würde eines Reenactment erfährt, hat nichts mit den nationalen Reinszenierungen wie dem Sturm auf den Winterpalast oder der Schlacht von Gettysburg zu tun. Es scheint auch nur entfernt verwandt zu sein mit den Einschreibungen minoritärer Erinnerungskulturen ins Großgedächtnis der Öffentlichkeit. In Saphir-Kopf trifft eine würdevolle, minutiöse, detailgetreue Nachstellung auf ein improvisiertes, maximal ungenaues und geradezu behämmertes Original. Die Spannung zwischen beidem befreit nicht nur das Gelächter, sondern schafft auch eine Ahnung vom Wert und Recht des Singulären, Überschüssigen und Unnachahmlichen.

Sebastian Köthe ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Graduiertenkolleg „Das Wissen der Künste“ der Universität der Künste Berlin. 

Foto: Pavel Kopřiva, Leoš Kropáček, Tomáš Procházka in Saphir-Kopf. Credit: Petr Králík.

Premierenerfahrung von Mithra Zahedi zu „Flug Nr. 745“

Flug Nr. 745, 1

Heute Abend darf ich die Deutschlandpremiere des Stückes, „Flug Nr. 745“ aus dem Iran in der Schaubude besuchen. Ich bin ziemlich zeitig im Foyer des Theaters und warte. Nach einer Weile sehe ich eine sympathische Frau, die unauffällig hereinkommt. Das müsste die Regisseurin sein. Ich hatte vorher ein paar Fotos von ihr bei der Recherche über das Stück gesehen. Ich spreche sie unsicher an; Marjan Poorgholamhossein bejaht meine Frage nach ihrem Namen auf Englisch, worauf ich sie dann auf Farsi richtig begrüße. Sie müsse sich noch für die Premiere vorbereiten, sagt sie. Ich erwidere, dass ich dies gut verstehe und mich freuen würde, wenn sie nach der Vorstellung ein wenig Zeit für mich hätte.

Marjan Poorgholamhossein wird das Stück erzählen, während die anderen drei Spieler*innen die handgemachten Puppen bewegen und das Bühnenbild umbauen. In den Rezensionen iranischer Kulturnachrichten hatte ich gelesen; die Regisseurin, Erzählerin und Ideengeberin, Marjan Poorgholamhossein lässt aus Puppen, Film und realer Erzählung, eine Zeit der Erinnerungen zusammenpuzzeln. Ihr Projekt nennt sie Mikrotheater; eine Mischung aus Puppentheater und Filmprojektion. Die Geschichten werden in der Form von Erinnerung und Monologen aus ihrer persönlichen Welt gestaltet. Das Stück wurde bereits über 35 Mal im Iran und auch während zwei Festivals aufgeführt. Auch in Holland, Belgien und gestern in München wurde das Stück präsentiert.

Der Hauptsaal der Schaubude füllt sich, ein gemischtes Publikum, das man oft auf Festivals erlebt. Das Stück wird auf Farsi gespielt, mit Projektion englischer und deutscher Übersetzung.

Auf der Bühne hängt eine weiße Projektionsleinwand. Auf der linken Seite steht ein kleines niedriges Podest, worauf ein Stuhl steht; auch ein Koffer steht daneben. Die Erzählerin sitzt auf dem Stuhl und schläft. Auf der rechten Seite stehen drei Puppenspieler*innen im Halbdunkel, die sich um ein Bühnenmodell versammelt haben. Darin befinden sich einige kleine Puppen (2-12 cm hoch).

Auf der Leinwand erscheinen einige Informationen über die Folgen des Krieges zwischen Iran und Irak in den 80ern. Eine Million Menschen wurden getötet und 2,5 Millionen sind ausgewandert. Bis heute sind über 70% von ihnen nicht mehr in den Iran zurückgekehrt.

Die Erzählerin, Shaghayegh – Klatschmohn – sitzt im Flugzeug und erzählt, wie kalt es ihr gerade ist und dass von jeder Ecke der Lufthansa-Maschine kalte Luft nach innen drängt. Nach 30 Jahren fliegt sie von den USA in den Iran zurück, ins Land ihrer Kindheit, aus dem sie als sechsjährige mit den Eltern floh.

„Bahar“ – Frühling – heißt die Gasse, in der sie als Kind lebte. Musik ertönt; sie ist nun als kleine Puppe – groß auf der Leinwand – zu sehen und trägt einen weißen Schleier mit kleinen Blümchen, den Mama für sie genäht hatte. Die Familie ist gerade in das Haus mit den roten Ziegelsteinen eingezogen. Sie schaut in der Gasse herum, die Tür geht zu. Sie kann nicht klingeln, weil sie zu klein ist, sie wartet bis ein Nachbar für sie klingelt.

Mit ihren Augen sehe ich ihre Welt von damals; die Jungs, die Fußball spielen, den armenischen Nachbarn und andere. Vor allem bewundert sie Mohsen, einen sanften Jugendlichen. Er fragt sie, wie sie heißt und findet, dass sie einen schönen Schleier trägt.

Die Puppenspieler*innen bewegen konzentriert die Puppen und wechseln das Bühnenbild, während die Erzählerin erzählt. Der Nachbar im Flugzeug – den wir nur aus ihrer Erzählung kennen – bietet ihr eine Cola an aber das Getränk schüttet sie versehentlich auf seine Hose. Just in diesem Moment muss sie an das Glas mit Rosenwasser denken, das sie mitten in der Bahargasse von der Hand fallen ließ. Die Nachbarin meckerte aber Mohsen sagt, das sei nicht wichtig, Hauptsache sie hätte sich nicht verletzt. Die ganze Gasse duftet nach Rosenwasser.

Mohsen ist ihr Held und Beschützer. Immer wieder gibt es Augenblicke, wo er sie sanft unterstützt. Einmal hat er für sie das Gassenlicht angemacht und plötzlich sind 1000 farbige Sterne am Himmel.

Die Schauspielerin wechselt in der Erzählung fließend zwischen Kindheit und Jetztzeit. Sie nimmt mich mit – ohne eine Sekunde in den Kitsch zu verfallen. Auch wenn die Bilder beinahe kitschig scheinen mögen, ist sie in der Lage, das Schlichte und die kindliche Welt – gekonnt und mit einer Prise Humor – herbei zu zaubern.

Die Bilder, die sie aus dem Jetztzustand nimmt, holen sie in die Vergangenheit zurück. Einmal hebt sie beispielsweise einfach nur ihre Arme, um sich zu strecken und bemerkt, dass ihre Hände wie ein Adler aussehen, der seine Flügel schwingt. Das versetzt sie in die Erinnerung, als sie und alle Nachbarn in dem Keller versteckt sitzen, bis die Kriegssirene vorbei ist. Dort zaubert Mohsen Tiere durch das Schattenspiel herbei und eins davon ist der Adler mit den geöffneten Flügeln.

Shaghayegh und ihr Bruder essen auf dem Dach heimlich die Tomaten, die Mama für das Tomatenmark vorbereitet hat, als die Bombe mit voller Wucht fällt. Alle rennen zur Gasse, Mama sucht den zweitälteren Bruder, der gerade nicht da ist. Plötzlich erscheint er aus dem Haus. Mama gibt ihm eine Ohrfeige und beide umarmen sich dann und weinen miteinander.

Shaghayegh zweifelt daran, warum sie überhaupt zurückkehrt. Sie solle das Elternhaus verkaufen, aber wozu? Wem hilft das? Es kann auch so bleiben, wie es ist. Niemand wartete auf sie …

Sie ist angekommen, nimmt ein Taxi und macht die Augen zu, damit sie die Veränderungen auf den Straßen nicht sehen muss. Sie möchte alles in dem Zustand wieder entdecken, wie es damals war. Sie kommt in der Gasse an; die Häuser sind in Hochhäuser verwandelt. Nur ihr Familienhaus ist geblieben und das von dem Nachbarn gegenüber. Niemand ist da. Es schneit, so wie damals, als sie in der Früh wegfuhren. Mohsen hatte geholfen, dass ihr Auto anspringt. Seine Handspuren auf dem Auto hatte sie damals entdeckt. Das Auto fuhr endlich, Mohsen stand im Schnee unter dem gelben Licht und winkte ihr zu.

Shaghayegh sucht nun das Gassenschild, „Bahar“. Dort steht stattdessen; „Märtyrer Mohsen Mostavawi“.

So endet das 45minütige Stück, aber ich möchte, dass es weiter geht. Die Erzählung berührt mich in ihrer Schlichtheit und vielleicht, weil ich selbst zu dieser Generation der Auswanderer gehöre. Der zusprechende Applaus bringt mich wieder zu mir.

Das Stück ist für mich eine erzählende Poesie gegen den Krieg. Nicht mit lauten Parolen lehnt es den Krieg ab; es lebt von den Augenblicken zwischenmenschlicher Beziehungen. Es erzählt von Sehnsüchten und Bewunderungen kindlicher Augen, auf die keine Bombe fallen darf. Die Unschuld ist so rein, dass ich die Brutalität des Krieges wegzudrängen wünsche, obwohl sie jederzeit präsent ist.

Die Regisseurin hat das Stück allen Menschen gewidmet, die sich überall in der Welt gegen den Krieg, engagieren. Mit Tränen in den Augen habe ich sie umarmt und mich für das gelungene Stück herzlich bedankt.

Mithra Zahedi  machte in Teheran ihre Schauspiel- und Regieausbildung und schloss ihre Studien der Theaterwissenschaft, Politologie, Kunstgeschichte und später Theaterpädagogik in München und Berlin ab. Weiterbildungen in Gestalttherapie, Arbeit an div. staatlichen und freien Theatern in München, Wien, Köln und Berlin, u.a. bei George Tabori und Thomas Langhoff. Mehr als 29 Inszenierungen, vor allem in Berlin, Gründerin von drei Theatergruppen und Leiterin mehrerer vom Berliner Senat geförderter Theaterprojekte, von theaterpädagogischen Seminaren und Workshops. Vereinsarbeit, interkulturelle Arbeit mit Jugendlichen, Frauen, Arbeitslosen und Menschen mit Behinderung.

„Flug Nr. 745“ von Pouppe Theater wurde am 12. und 13.11. an der Schaubude aufgeführt.

Daniel Langes „Puppertätsmärchen“ als freies Weiterspinnen nach „SchmetterDinge“

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Es war einmal eine Schmetterlingspuppe, Osiris, die kam in die Puppertät. Die Puppertät ist eine schwierige Zeit. Das wissen wir alle. Haben wir auch schon gemacht, die Puppertät. Durchgemacht. Von vorne bis hinten. Zum auf die Wande steigen war das. Man puppertiert so vor sich hin. Die Schmetterlingspuppe hatte auch keine Lust drauf. Da muss man durch. Die Puppertät, das Nadelöhr des Lebens. Die Schmetterlingspuppe fliegt so von Hormohn zu Hormohn, ein furchtbarer Trip. Alles camouflagiert, eingepuppt in einen Kokon von Pickeln. Kein Wunder, dass man denkt, es wird kein morgen geben. Man muss sich ablenken. An die Zukunft denken, trotz allem. Die Schmetterlingspuppe wundert sich, ob es auch für die Schmetterlingspuppe ein süßes Püppchen gibt, am besten mit ganz großen Pupillen und natürlich vielen Pupplikationen. Ohne Pupplikation ist man heute ja nichts mehr. Wer nichts zu sagen hat, kann auch gleich eingepuppt bleiben. Gerade als Schmetterlingspuppe. Die muss sich pupplizieren, ihre Öffentlichkeit suchen. Eines Tages fand unsere Schmetterlingspuppe ihr Püppchen. Sie war süß wie Puderzucker. Sie hatten sich so viel zu sagen. Sie träumten von einem Puppenhaus mit Pudel. Aber ihr Glück wurde ihnen schnell fad. Ihr Puppengruppensein machte sie steif wie Puppsickels und schmolz dahin. Hing bald nur noch am seidenen Faden. Dann gab niemand mehr einen Pupps. Fading, fading. Eines Tages riss dann auch der letzte Faden und zwei Schmetterlinge sprangen aus ihrem Kokon. Happy End.

 

Daniel Lange promoviert am German Department der Brown University, Providence.

 

Die Lecture Performance mit Objekten „SchmetterDinge“ von Florian Feisel wurde vom 09. – 11.11. an der Schaubude aufgeführt. Die Objekte sind noch weiterhin im Foyer ausgestellt.

Schneestürme und Aschelawinen. Sebastian Köthe über „Bildraum“.

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Es spielt sich ab ohne Worte und verschlägt einem ganz die Sprache.

Die Fotografin Charlotte Bouckaert und der Architekt Steve Salembier haben auf der Bühne des Podewil architektonische Modelle aufgebaut. Überwiegend weiß, alles sehr präzise, man meint auch den Saal des Podewil unter den Räumen zu erkennen. Salembier manipuliert sie – mal verschiebt er eine Wand, mal setzt er Möbel ein – und Bouckaert fotografiert. Nach jedem Klick der Kamera wird das Bild auf eine Leinwand übertragen und bleibt dort so lange, bis das nächste geschossen wird. So stehen die architektonischen Miniaturen in Spannung zu ihren lebensgroß wirkenden, fotografischen Reproduktionen, und die zeitlich still gestellten Fotografien zu ihrem rhythmisierten Auftauchen und Verschwinden. Die Abfolge der Fotografien entfaltet so eine kinematographische Qualität, die am ehesten vielleicht an Chris Markers „photo-roman“ La Jetée erinnert. Obwohl wir beobachten können, wie sie produziert werden, können wir das vermeintliche Abbild mit seinem vermeintlichen Original kaum in Bezug zueinander setzen. Die kausale Ursache erklärt den ästhetischen Effekt nicht.

Das Unbelebte der Miniaturen verdichtet sich in den Fotografien zum Erstarrten, Untoten. Im Hintergrund hören wir Regen, Knacken, Poltern, unbekannte Mechaniken, später fallende Pingpong-Bälle. Irgendwo regt sich das Anorganische noch. Einmal verdichten sich die Geräusche zu einem unverständlichen Gespräch an einem Esstisch, Teller klirren, es wird gelacht. Diese Beschwörung des Menschlich-Lebendigen scheint vor allem ihre eigene Auslöschung vorzubereiten. Das stille Spiel mit den Räumen geht auf sein Ende zu, wenn Salembier beginnt, sie mit weißen Kügelchen und schwarzer Arsche zu befüllen. Im Großbild intensivieren sich diese einfachen Mittel, die im realen Vorgang trivial erscheinen, zu Schneestürmen und Aschelawinen: das Wohnzimmer zerstürmt, der Pool schwarz bedeckt, irgendwann nur noch Wege im Schnee. Als wir realisieren, was geschehen sein könnte, ist alles schon vorbei. Ist die Welt gerade vor unseren Augen untergangen?

Nach kaum mehr als 30 Minuten endet, die Redewendung ist hier ausnahmsweise ganz präzise, der Spuk. Alle sind begeistert, und keiner weiß so recht, wovon.

Foto: Charlotte Bouckaert und Steve Salembier in Bildraum. Fotocredit: Salih Kilic.

Beate Absalon über „Cases“/“Häuser“ von Xesca Salvà

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Kandor: Heimatstadt Supermans, die vom Bösewicht Brainiac auf Miniaturgröße geschrumpft und dann vom Superhelden zurückgewonnen, mit einer Glasglocke geschützt und auf seine „Fortress of Solitude“ gebracht wurde, wird im Laufe der Comicgeschichten als affektiv aufgeladener Rückkehrort dargestellt. In Zeiten der Melancholie zieht sich Superman auf die „Festung der Einsamkeit“ zurück und kümmert sich wehmütig-liebevoll um seine geschrumpfte Geburtstätte. Die sensible und emotional aufgeladene Miniaturstadt wird zur Projektionsfläche für privates Begehren und intime Erinnerungen. Der stärkste Mann der Welt: sogar er steht der schmerzvollen Verlusterfahrung vergangener Zeiten wehrlos und in isolierter Trauer gegenüber.

In den architektonischen Miniatur-Modellen auf dem Festival, die in „Bildraum“ und „Cases“ eine zentrale Rolle spielen, findet Erinnerung und Nostalgie jedoch nicht in einsamen Festungen am Ende der Welt statt. Kollektive Erinnerungen werden erlebt, geteilt und bearbeitet. Ein gemeinsamer geschichtlicher Horizont eröffnet sich, der aufgrund künstlerischer Reflexionsleistungen nicht restaurativ-konservativen Nostalgiesymbolisierungen verfällt.

Gleichzeitig erinnern die Miniatur-Modelle an die Häuschen aus Kindertagen, die man sich entweder aus Bausteinen selbst kreierte oder die in Form des Puppenhäuschens direkt bespielbar waren. Welche Geschichten hat man sich da erzählt? Welche Erlebnisse und Eindrücke mussten hier re-inszeniert und damit verarbeitbar werden?

So wie sich Superman um die Bewohner Kandors kümmert, bauen die Besucher*innen der installativ-interaktiven Arbeit „Cases“, nie allein und dank über Kopfhörer vermittelte Anleitungen, den Bewohnerinnen ihrer Miniaturwelten eine Bleibe oder lassen sie selber auf Raumschiffen fliegen.

Was besonderen Reiz auslöst: das Blicken. Man selber ist im Vergleich zu den Objekten überdimensional, darf ungestört durch Fenster lugen; die eigene Größe ermöglicht viel, wenn man zum Beispiel einfach das Dach abnehmen kann; aber dann verhindert es an anderen Stellen wieder das Sehen von Details oder das Blicken um eine verborgene Ecke herum. Nicht nur das Schauen in die Innenwelten der Orte ist besonders, auch das Beobachten anderer in versunkener Stille an den Häusern interagierender Spieler*innen ist richtig berührend.

Inwiefern diese Freude am Reinschauen immer auch mit der Lust am Voyeurismus spielt, das bekommt man nicht zuletzt im Miniatur-Haus zurückgespiegelt, in welchem unterschiedliche Geschichten und Eindrücke von Sexarbeiterinnen vorgestellt werden. Dieses Häuschen schaut auf besondere Art zurück. Die Medien des verspielten Hin-und-Hers zwischen Schauen, Verstecken und Zeigen sind nicht Mittel zum Zweck, um etwas bestimmtes zu erfahren. Sie sind Selbstzweck. Die Freude liegt bereits darin, die Jalousie langsam hochzurollen und wieder zu schließen. Das dahinter Erscheinende geniert sich nicht, sich ganz herzuzeigen, und bleibt gerade deswegen irgendwie selbstbewusst undurchdringlich. Der eine Art Erotik-Kino simulierende Raum, in welchem pornographische Hard-Core-Szenen gezeigt werden, zeigt sich ganz ohne Vorhang oder Schlüsselloch, als würde ausgerufen werden: ‚Willst du mein Geheimnis erfahren? Nun gut, betrachte diese völlige unverzeihliche Geheimnislosigkeit!‘ Der italienische Philosoph Giorgio Agamben beschreibt solche Momente als „Nacktheiten“, in denen dieses „schlichte Wohnen des Scheins in der Geheimnislosigkeit sein besonderes Zittern“ ausmacht, die auf nichts Verzaubertes hinweist „und ebendeshalb durchdringt.“

Nie skandalisierend, nie bemitleidend werden die auf den drei Stadien thematisierten Geschichten mit Zitaten der Frauen selber erzählt. Und es wird deutlich, dass es eigentlich um viele Superwomen geht.

 

Beate Absalon promoviert am Institut für Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin. Im Kollektiv „luhmen d’arc“ leitet sie Workshops um Themen kreativer Sexualität und Körperarbeit.

 

09.-11.11. und 14.-15.11.2018
immer im Anschluss an die Vorstellungen auf der kleinen Bühne der Schaubude.
Foto: Xesca Salvà

Papier vivant. Ulrike Koppermann über „Vies de Papier“.

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Ein Zufallsfund vom Flohmarkt hat die Theatermacher Benoit Faivre und Tommy Laszlo in den Bann geschlagen. Es ist das Fotoalbum einer Unbekannten, deren Geschichte sie in „Vies de Papier“ zu rekonstruieren versuchen.

„Comment décoller?“

Das Album ist groß und sehr dick, die Seiten sind aus festem Karton, der Einband aus rotem Leder. Die Seiten sind mit arrangierten Fotos sorgsam gestaltet und mit kleinen Zeichnungen versehen. Es wirkt unnahbar, ein Gesamtkunstwerk, das nur genau so bestehen kann.

Dann aber nehmen Benoit und Tommy den Föhn, die heiße Luft löst den Kleber. Postkarten werden herausgetrennt, Adressen lesbar. Das hermetische Äußere löst sich auf und ein System von Verweisen entfaltet sich.

 „Weltgeschichte im Album“

Es ist das private, persönliche Album von Christa, es enthält Auszüge, Fotografien und Postkarten aus ihrer Lebens- und Familiengeschichte, von ihrer Geburt bis kurz nach ihrer Hochzeit. Die ersten Seiten mit Babyfotos wirken zeitlos.

Doch dann erinnert eine Hakenkreuzflagge am Strand von Zinnowitz an die Weltgeschichte. Nur wenige Millimeter nimmt es ein, das kleine, beredete Symbol am Ostseesommerhimmel. Weitgehend können die Deckel des Albums ein Eindringen der Geschichte in die Bilderwelt abwehren. Christa selbst war dieser Weltgeschichte ausgesetzt, Regensburg wurde bombardiert, ihr Vater starb an der Front.

„Ich zeige nicht mehr mit dem Finger auf ihn.“

Christas Vater war Hauptmann bei der Luftwaffe. Ein Portrait zeig ihn in Uniform am 14.9.1939. Tommys Vater hilft, das Datum einzuordnen: Zwei Wochen nachdem Deutschland Polen angriffen hatte.

Später, als die beiden sich Christas Leben annähern, weicht das Urteil über einen, der sich dem NS-Regime in den Dienst stellte, auf. Wird auch der Vater zu einer realen Person, stellen sich ihnen neue Fragen: Was hat ihn bewegt, das zu tun?

„Fouiller dans la vie des autres.“ – „Quel est mon intérêt?“

Es ist spannende historische Detektivarbeit, ein Puzzle, bei dem sich stückweise eine Biografie ausformt. Es ist ein Eindringen in die Privatsphäre von jemandem, die nie darum gebeten hat und nie davon erfahren wird. Es ist die Anteilnahme an einem jungen Mädchen, das während des Kriegs aufwächst. Es ist eine Bestattung eines Albums, das Irrwege nahm, bevor es seine Finder am Grab seiner Besitzerin niederlegen. Es ist die assoziative Besinnung auf die eigene Familiengeschichte und deren Offenbarung vor Theaterpublikum.

„Ich bin mir ganz sicher.“

Ganz sicher, so denken Benoit und Tommy, hat Christas Ehemann George das Album in Gedenken an seine Frau gefertigt, die zwei Jahre vor ihm verstarb. Eine rührende, romantische Vorstellung und eine neue Nuance in der Wahrnehmung des Albums. Nein, sagt der Genealoge, den George mit der Rekonstruktion seiner eigenen Familiengeschichte beauftragt hatte, das wird er nicht gemacht haben, denn sein eigenes genealogischen Projekt bestand aus historischen Akten.

Legte Christa das Album an, als sie nach dem Tod ihrer Mutter die alten Fotos fand? Wiederum verschiebt sich die Interpretation des Albums und die Annahme über den persönlichen Wert, den es für seinen Autor oder seine Autorin hatte.

***

Wir stehen im Foyer, das Stück ist nur scheinbar vorbei. Ich erzähle von Fotos und Briefen meiner Großeltern, die ich nach ihrem Tod das erste Mal sah. Eine andere erzählt von ihrer Großmutter, die das Foto einer Geliebten ihres Mannes aufbewahrte – einfach weil die Frau so außerordentlich schön war. Wir sind die nächste Szene der ansteckenden, sich immer weiter verflechtenden Erinnerung, ohne Scheinwerfer.

Ulrike Koppermann ist Doktorandin am Historischen Institut der Justus-Liebig-Universität Gießen

Foto: Benoit Faivre und Tommy Laszlo mit Ausdrucken des Fotoalbums. Credit: Thomas Faverjon.

Melancholie im Keller der Braut – Sebastian Köthe über Esther Nicklas‘ Hochzeitstanz

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Eben saß ich noch in Biografie von Karlsson Haus: drei Schauspieler*innen schreien, spielen Musik, zerreißen Tapeten, jonglieren Eier, schlagen Gummi-Hühner, und beschwören damit die tiefe Weltverzweiflung eines suizidal-hässlichen Entleins. In dem Moment war es mir noch nicht bewusst, aber meine Emotionen wurden erzeugt und getragen nicht nur vom Geschehen auf der Bühne, sondern auch vom Publikum im Dunkel um mich herum. Ich war Teil einer Gefühlsgemeinschaft.

Als mein Name aufgerufen wird, stehe ich gerade mit Freund*innen im Foyer und esse ein Stück Kokoskuchen. Hochzeitstanz sehe ich nun alleine. Eine Mitarbeiterin der Schaubude führt mich hinaus auf die Straße: es ist kalt. Schon auf dem kurzen Weg merke ich, dass ich ihr jetzt vertrauen muss: sie weiß den Weg, hat die Schlüssel, und ich sitze nicht anonym im Publikum, sondern laufe neben ihr. Über einen Hinterhof führt sie mich in den Keller der Schaubude. Ich steige, von Teelichtern geführt, die Treppen hinab und werde von Regisseurin Esther Nicklas hinter einen Vorhang gelotst. Ich setze mich auf einen einzelnen Stuhl, während sie vier Kerzen vor einem Portrait Tschaikowskis anzündet. Dann startet sie einen Schallplattenspieler vor mir und lässt mich allein zurück. Sehnsüchtige Musik erklingt. Mitten auf der Schallplatte steht eine im wahrsten, tierischen Sinne gehörnte Braut. Sie dreht sich mit dem Kreiseln der Schallplatte um die eigene Achse, tanzt verlassen ihren Hochzeitstanz, nur von ihrem Schattenspiel begleitet.

Das ist skurril, minimalistisch und gleichzeitig berührend: die Weltverlassenheit, das unausweichliche Drehen um sich selbst, die Rituale der Trauerarbeit. Ich merke, dass ich genauso verlassen bin wie die Gehörnte: von jedem Publikum getrennt, allein im kalten Keller der Braut, hinter einem Vorhang sitze ich auf einem Stuhl und sehe einer Figur zu, die sich auf einer Schallplatte um sich selbst dreht. Wie bin ich in diese Situation gekommen? Irgendwie bin ich nun die gehörnte Braut, separiert vom kollektiven Unbewussten eines theatral synchronisierten Publikums. Kein Lachen, Schniefen oder ungeduldiges Mit-den-Füßen-Scharren sagt mir, was ich fühlen soll: ich drehe mich allein um meine eigenen Gedanken und Gefühle, angestoßen von der kreiselnden Figur. Neben der sanften Choreographie von Schallplatte, Figur und Musik ist es meine Positionierung durch das Arrangement von Keller, Zeremonienmeisterin und Vorhang, die mich berührt. In der Melancholie des Stückes verbleibt ein Hauch von Selbstgenuss. Das Glück der Gehörnten ist die Abwesenheit ihrer Ziele. Ohne erfüllbare Wünsche darf man bleiben, wo man ist.

Zurück im Foyer entfaltet die Anordnung des Stückes weiter seine Wirkung: es ist für den heutigen Abend bereits ausgebucht, meine Begleitungen können es nicht mehr sehen. Ich kann es auch nachträglich nicht mit ihnen teilen. Schließlich erzähle ich ihnen vom Aufbau: Keller, Vorhang, Schallplatte, gehörnte Braut, ich. „Und“, fragt Daniel, „Du hast dann mit der gehörnten Braut getanzt?“ Ich verneine, und frage mich im stillen, wieso eigentlich nicht.

Sebastian Köthe ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Graduiertenkolleg „Das Wissen der Künste“ der Universität der Künste Berlin.

Hochzeitstanz von Esther Nicklas/Theater Textura war vom 09.11.-11.11. bei Theater der Dinge 2018 zu sehen.

Foto: Die gehörnte Braut. Credit: Esther Nicklas.