#workinprogress: Kooperation FILM RISS THEATER und Performer*innen in Gaza

Vor einigen Monaten lief in der Schaubude erfolgreich die Inszenierung Hemingway. Gaza. Big Fish., ein gemeinsames Projekt des Berliner Film Riss Theaters mit dem Ensemble um Jamal Abu Alqumsan in Gaza. Mittels einer Live-Video-Übertragung und Objekten, die zu Ober- und Unterwasserwelten wurden, standen die Performer*innen gemeinsam auf der Bühne. Nun soll das Projekt fortgesetzt werden. Erste Proben fanden jetzt im Mai in der geschlossenen Schaubude statt.

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Performerin Miriam Sachs (Film Riss Theater) und der Bühnentechniker Deeb Alqumsan (Gaza) schreiben uns zum Fortgang des Projekts unter den durch Corona veränderten Bedingungen.

Miriam Sachs, Berlin:

»Wir sind überglücklich über die Möglichkeit unsere Zusammenarbeit mit Künstlern in Gaza trotz Corona fortzusetzen! Nach unserer Schaubude-Produktion unserer Adaption von Hemingways Roman Der alte Mann und das Meer, für die wir den Schauspieler Jamal Alqumsan auf die Bühne der Schaubude in ein Objekttheatermeer aus Knistertüten und ein Boot aus einem alten Badelatschen beamten‹, während er selbst auf dem Sofa seines Wohnzimmer in Gaza den größten Fisch seines Lebens an Land zog, wollten wir eigentlich mit dem Rückspiel beginnen: dasselbe Stück, aber diesmal für ein Publikum in Gaza. Gleichzeitig erhielten wir das Angebot unser Spielformat IMPROVISIONEN, das wir seit 2017 an der Schaubude spielen, an Schulen in Gaza zu etablieren.

Corona kam dazwischen.

Live-Stream-Über-Bande-Spiel mit Händen und Füßen, Leib und Seele, analog, virtuell und in echt, erweist sich allerdings doch ein bißchen Corona-tauglich. Bisher waren die Kollegen in Gaza diejenigen, die nicht hinauskonnten (in die Welt) und in unserer speziellen Form sozusagen im Home Office spielten. Jetzt schlüpfen wir in diese Rolle.

Dass wir dies in dieser Woche in der Schaubude tun durften und nicht mit schwächelndem Internet von zu Hause aus, hat uns viel Auftrieb und Hoffnung gegeben. gestern flogen wir auf einem Teppich nach Gaza, heute nisteten wir uns in der Küchenkredenz unseres Technikers und Mitspielers Deeb ein, fanden unseren Weg durch einem Dschungel aus Blumen. Leider ging eine Blumenvase kaputt (in echt). Ansonsten war es ein kreativer Durchbruch! Danke!

Was wir gelernt haben: Konzepte kann man zuhause machen. Aber wirklich im Spiel begreifen geht im Theater 1000 mal besser

Deeb Alqumsan, Gaza:

»Ich arbeite seit einiger Zeit in der Kunst, seit drei Jahren schon zusammen mit Miriam Sachs und dem Ensemble FILM RISS THEATER. Ursprünglich war ich der Technik-Typ eher ein Wissenschaftler, der gerne recherchiert und Daten sammelt und plötzlich befand ich mich selbst in diesem für uns in Gaza völlig neuen Theaterexperiment ….

2018 kam Miriam nach Gaza und brachte einen Beamer mit. Mit der Insight-Kamera eines Notebooks und einem Projektor übertrugen wir die Ereignisse vor der Kamera auf einen transparenten Vorhang. Das sah gut aus. Sie stellte die Alltagsgegenstände vor die Linse der Kamera: Einen Aschenbecher, wie ich mich erinnere, und was wir auf dem Vorhang sahen, sah ganz anders aus. Wie ein Eispalast oder ein Raumschiff! Ich war der erste, der hinter den Vorhang sprang, um zu sehen, wie die Situation auf diesem transparenten Vorhang aussehen würde, der mich wiederum in eine verborgene Welt führte, von der ich nichts wusste. Etwas, das ich zu erforschen begann. Ich machte irrsinnige Dinge. Manchmal kam ich mir wie ein Idiot vor, aber meine Fantasie erfüllte die Dinge. […]

Ich glaube sonst nur, was ich mit eigenen Augen sehe. Aber jetzt fühle ich mich wie ein Zauberer: Ich bin hier an immer diesem einen Ort: in Gaza und hier gibt es viele Probleme. Aber ich kann mit Dingen spielen und Spaß haben, die sich in etwas Größeres verwandeln . ICH kann sie verwandeln, entdecke sie, verliere sie. Ich kann tatsächlich in Berlin auf der Bühne stehen. Die Leute sehen mich. Und sagen Sie: Jetzt kennen wir Leute in Gaza‹.

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Die ganze Welt kämpft mit der Corona-Pandemie, von der ich denke, dass sie lange dauern wird. Wir müssen uns unter solchen Umständen an neue Arten des Zusammenlebens gewöhnen. Und des Er-Lebens. Vielleicht ist es für Euch in Deutschland sogar schlimmer als für uns? Ich weiß es nicht. Im Gazastreifen ist das Gefühl des Lock-Downs nichts Neues, aber wir hatten am Anfang auch Angst. Wenn 2 Millionen Menschen auf engstem Raum zusammen leben, könnte sich ein Virus schlimmer verbreiten als irgendwo sonst. Bisher geht es. Erst ein Todesfall! Worunter ich persönlich leide: Dass unsere geplante Arbeit mit Miriam vor Ort in Gaza erstmal nicht stattfinden kann. […]

Vielleicht ist es aber auch die Chance das Experiment umzudrehen! Bisher haben wir von einem Wohnzimmer in Gaza aus Theater gespielt und sind vor einem Publikum in Berlin gelandet. […] Inzwischen seid ihr ohne Theater – und das tut mir wahnsinnig leid. Vielleicht können jetzt die Berliner Schauspieler in ihrem Wohnzimmer spielen und wir zeigen das Theaterstück in Gaza. Haha! Das wäre toll.

Ich wünsch Euch alles Gute in dieser Zeit und hoffe wir machen noch viele tolle Projekte, egal wie!«


Good news!

Die Kulturstiftung des Bundes wird die Fortsetzung des gemeinsamen Projekts fördern. Es darf also weiter geforscht werden »analog und digital, mit Händen und Füßen, Leib und Seele, via livestream und in 3-D«!

Neuigkeiten des FILM RISS THEATERs sind auch auf dem Take-Care-Blog (Theater-Recherche und andere Überlebenstaktiken in Zeiten von Corona) nachzulesen.

Fotos: Miriam Sachs, fkhuhn

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