Das Emoji als Zeugnis. Sebastian Köthe über PLEASANT ISLAND

Nauru: die kleinste Republik der Erde, 1888 von Deutschland annektiert, später britisches Mandat, ein Phosphat-Boom, 1968 die Unabhängigkeit, kurzfristiger Reichtum (die anderen werden vom Phosphat noch reicher), dann Verarmung. Auf den zurückbleibenden Brachflächen wächst nichts mehr. Die Einwohner*innen sind auf Nahrungsimporte angewiesen, alles ist in Plastik eingeschweißt:

»We don’t have a choice what we get to eat.«

Heute sind Inselteile an die australische Regierung verpachtet, die dort flüchtende Menschen zur Abschreckung jahrelang wegsperrt. Raum ist die einzige Ressource, die ausgerechnet dem Miniaturstaat noch zur Ausbeutung bleibt. In Zukunft sollen Tiefseebohrungen für neuen Reichtum sorgen.

Silke Huysmans und Hannes Dereere erzählen diese Geschichte auf ihren Smartphones. Darauf erscheinen Menschen, die sie 2018 bei einer Reise nach Nauru kennengelernt haben. Darunter sind Einwohner*innen und Geflüchtete. Mit manchen stehen sie bis heute in Kontakt. Eine solche Reise ist Journalist*innen unmöglich, anscheinend fürchten die Regierungen Australiens und Naurus schlechte Presse. Als Tourist*innen konnten sich die Künstler*innen aber auf die Insel schmuggeln. Die Interviewten treten unter Pseudonymen auf, ihre Portraits sind verschwommen, um sie vor Repressionen zu schützen. Bis 2017 durften Geflüchtete nicht einmal ein Smartphone besitzen.

Die Smartphones sind die zentralen Aktanten des Abends. Huysmans und Dereere stehen auf der Bühne und kommunizieren über zwei vergrößerte Screens ihrer Handys. Sie schauen nicht ins Publikum, nur aufs Handy. Ihr Bericht wird nicht gesprochen, sondern in eine Notizapp getippt. Sie scrollen durch Whatsapp-Nachrichten, zeigen Fotos, spielen Video- und Audiofiles ab. Das hat gleichzeitig etwas Intimes, wie Freund*innen, die von einer Weltreise berichten, und etwas Distanziertes, wie um die Spuren und Zeug*innen für sich sprechen zu lassen. Seit sie auf Nauru waren, würden sie ihre Smartphones viel häufiger nutzen, um mit den Menschen dort in Kontakt zu bleiben. Das ist vielleicht ihre Art zu sagen, dass ihre sekundäre Zeug*innenschaft, die Bezeugung der Zeugnisse, nicht nur ihre Beziehung zu den Betroffenen verwandelt hat, sondern auch sie selbst.

Die Smartphones sind nicht nur investigative Tools, sie sind auch eingebunden in den Ausbeutungskreislauf. In einem eingespielten YouTube-Video versucht jemand, ein Samsung-Telefon zu öffnen, um die darin verbauten Teile zu untersuchen. Das zeigt zwei gegensätzliche Dinge gleichzeitig: dass man das nicht auserzählen braucht, weil wir ohnehin wissen, dass die Rohstoffe für unsere Alltagsgegenstände aus Minen wie denen Naurus kommen. Und dass man das viel genauer als „irgendwie“ auch nicht ohne Weiteres in Erfahrung bringen kann, weil die Geräte ihre Spuren verwischen.

Darüber hinaus figurieren die Smartphones das technisch-intime Gefühlsleben im Jahr 2021. Es gibt Antistress-Apps, bei denen per Touch wohlige Abdrücke in violetten, digitalen Schaummassen entstehen. Musikprogramme, die unter Titeln wie „Real Guitar Simulator“ den Soundtrack des Abends möglich machen. Dazu Messenger-Dienste voller Herz- und Wein-Smileys. Vor den YouTube-Videos über die Politgeschichte Naurus laufen auch Werbungen für Kopfhörer und Hundefutter. Statt einen Adblocker zu installieren oder sie wenigstens nach den obligatorischen fünf Sekunden wegzuklicken, lassen Huysmans und Dereere sie laufen. Neben der planetarischen Zerstörung zahlen wir auch einen aufmerksamkeitsökonomischen Preis für die schnieken Technologien.

Üblicherweise erscheinen die Zeugnisse von Überlebenden politischer Gewalt heute in Untersuchungsberichten von Menschenrechtsorganisationen, in Wahrheits- und Versöhnungskommissionen, in Schulklassen und Hörsälen. Das sind alles hochschwellige, mit mehr oder weniger Dignität besetzte Räume. Hier erscheinen die Zeugnisse der Überlebenden auf dem grünen Whatsapp-Hintergrund. Leyla, Pseudonym einer seit Jahren auf Nauru gestrandeten, jugendlichen Geflüchteten, beteuert, es dort nicht mehr auszuhalten. Ihr Zeugnis, lesbar gemacht durch die historischen Kontextualisierungen, besteht aus Beschwörungen des nicht-mehr-weiter-wissens in einfachem Englischen (die eine Weltsprache) und zahlreichen Emojis (die andere). Einem Emoji schießen die Tränen wie Wasserfälle aus den Augen.  

Während die Register der Zeugenschaft häufig institutionelle Schwellen übertreten müssen, um vernehmbar zu werden, während das Register des humanitären Aktivismus melodramatische Töne anschlägt, um zu berühren, zeigen die Fremd- und Selbstdokumentationen der Künstler*innen, welche Ästhetiken und Politiken Social Media und Messenger-Dienste für die Überlebenszeug*innen und ihre Zuhörer*innen bereithalten – und zu welchem Preis.

Damit beschränkt sich die künstlerische Forschung Huysmans und Dereeres nicht nur auf die semi-klandestine Reise nach Nauru, nicht nur auf das Sammeln und Komponieren von Zeugnissen, sondern auch auf eine Untersuchung der politischen Sentimentalitäten digitaler Oberflächen. Von welchen Belastungen und Überlastungen könnten unsere Meditations-Apps erzählen? Welche politischen Gefühlswelten sind in unseren Smileys und GIFs abgelagert? Welche Solidaritätsnetzwerke könnten wir über unsere Kontakt- und Freundeslisten ausspannen?

Sebastian Köthe ist Kulturwissenschaftler und im Redaktionteam des Festivalblogs. Er kann sich eine Welt ohne uns vorstellen, nicht aber ohne dich.

Fotos: Shun Sato, Fotos vom Aufbau: Silke Haueiss


Pleasant Island
Silke Huysmans & Hannes Dereere/CAMPO, Belgien
Performance

9.+10.11. in der Schaubude Berlin

Von und mit: Hannes Dereere, Silke Huysmans / Dramaturgie: Dries Douibi / Technik: Piet Depoortere, Anne Meeussen, Benjamin Verbrugge / Soundmischung: Lieven Dousselaere / Produktion: CAMPO arts centre

Koproduktion mit Kunstenfestivaldesarts, Spring Festival Utrecht, Beursschouwburg, Kunstenwerkplaats Pianofabriek, Veem House for Performance, Theaterfestival SPIELART München, De Brakke Grond