Tatjana Reeh: Die Suche nach dem schönen Horror

In meiner Residenz habe ich nach einer Identität der Vielheit geforscht bzw. mir die Frage gestellt, was so eine Vielheit überhaupt sein könnte.

Meine Vorbilder wurden dabei Mischwesen aus verschiedenen Horrorfilmen, wie Werwölfinnen, Vampir-Wesen und Aliens, die klassische Identitätskonzepte infrage stellen.

Nach der Sichtung vieler Horrorfilme und Bücher begab ich mich auf die Suche nach identitätsfluiden Wesen, die außerhalb von Filmen zu finden sind und legte eine Sammlung über Tiere, Insekten und Pflanzen an, die keiner genauen Zuordnung entsprechen und klassische Einordnungen somit unmöglich machen.

Während der Suche fand ich viele Lebewesen, die ihr Geschlecht wechseln können, die sich selbst regenerieren können, die sich selbst befruchten können, die ihre Form, Farbe und Lebensweise ändern können und teilweise müssen.

Die Frage, welche Metamorphosen aufgrund von Anpassungszwängen und welche aus anderen Gründen entstehen, war dabei schwer zu beantworten und scheint mir auch nicht so wichtig. Interessant ist, dass sie es können und es oft überlebenswichtig und gar nicht so bedrohlich ist, wie es manchmal aussieht. Zum Beispiel findet man es sogar schön, dass eine Raupe sich in einen Schmetterling wandelt und betrachtet den Schmetterling nicht als grausames, die Raupe fressendes Monster. Ich erprobte mit Knete eine eigene Reise über die Metamorphosen einer Figur namens Roland, die durch Zustände ihren Körper ändert.

In dem Film geht es hauptsächlich um den Zustand der Angst und die Frage, ob etwas Schönes aus Ängsten und Identitätsauflösung entstehen kann bzw. was solche Zustände überhaupt mit dem Körper machen können.


Tatjana Reeh lebt uns arbeitet als Bühnen- und Kostümbilderin in Berlin. Während ihres 2019 abgeschlossenen Studiums an der UdK wirkte sie im WestGermany Berlin in einem Kollektiv an mehreren performativen Arbeiten mit, bei denen Overacting und die Theateransätze des ‚Grand Guignol‘ eine Rolle spielen. Sie entwickelte verschiedene Arbeiten, unter anderem im Ballhaus Ost, in Zusammenarbeit mit dem Musiktheaterkollektiv OperaLab und für den Jugendclub des Gripstheaters, in Kooperation mit dem RambaZamba Theater (2021 zum Tanztheatertreffen der Jugend eingeladen). Zuletzt arbeitete sie 2021 mit der Regisseurin Anna-Sophie Weber für die musiktheatrale Stückentwicklung “Magna Mater“, ein Festspiel zur Abschwörung der patriarchalen Systems und letztendlich des Geschlechts überhaupt, in einem großen Zirkuszelt. Für ihre Abschlussarbeit entwickelte sie einen animierten Knetfilm, in dem die Figuren eine Art Verdauungstrakt durchlaufen und durch verschiedene Traumwelten geschleudert werden. Die Formbarkeit der Knete, im Kontrast zur scheinbaren Unbeweglichkeit des realen Menschen, interessiert sie seitdem besonders, immer verbunden mit der Suche nach dem Prozesshaften, Zerbrechlichen und Unfertigen.