Im GEISTERHAUS mit Sebastian Köthe / In the HAUNTED HOUSE with Sebastian Köthe (DE/EN)

English version below

Die Schaubude hat sich ins Geisterhaus verwandelt und der Spuk reicht weiter als wir gemeinhin annehmen. Halloween noch im Nacken hatte ich mit noch mehr Vampiren, Gespenstern und Werwölfen gerechnet, – doch in diesem kollektiv bespielten Parcours setzt das Unheimliche viel früher an. Wie schnell sich Materie verlebendigt und wie leicht wir Menschen durch die Begegnung mit der dinglichen Umwelt verändert werden – das ist natürlich das genuine Thema des Figurentheaters, das hier als ein per se Unheimliches vorgestellt wird.

thing(s), Neïtah Janzing

Im Geisterhaus präsentieren sechs Berliner Künstler*innen und Kollektive neue Auftragsarbeiten im Rahmen von Theater der Dinge 2024. Der Spukhauslogik gemäß werden die peripheren Räume des Hauses umso wichtiger: Als kleine Gruppe schleichen wir über einen Seiteneingang in die Garderoben, durch den Hof zu den Garagen und dann von hinten auf die große Bühne und kleine Bühne und schließen in einem Séance-Zelt im Foyer.

Schule der Puppen, theatreworks

In Schule der Puppen von theatreworks werde ich selbst zum Puppenspieler. Die Garderobe ist von dutzenden Puppen bevölkert, mir fällt eine von ihnen zu: eine ältere Frau mit langen, grauen Haaren und einem traurigen Blick, der kaum vom Boden zu lösen ist. Ich setze mich mit ihr vor den Spiegel und greife mit meiner Hand zum ersten Mal in den Nacken einer Puppe, um sie zu spielen. Wie ich es schon oft gesehen habe, greift meine linke Hand nach ihrer linken und ich beginne oder sie beginnt oder wir beginnen zu gestikulieren. Im Spiegel sehe ich, wie intuitiv ihre Resignation, Erschöpfung und ihr Verdruss wach werden und sich in kleinen Gesten manifestieren.

Schule der Puppen, theatreworks

Aus dem Augenwinkel sehe ich mein eigenes Gesicht, ganz regungslos geworden, wie von allem Leben verlassen: ein Stein, bloße Materie. Meine ganze innere Bewegtheit liegt jetzt im müde hängenden Kopf der Puppe. Ich bin nicht besessen, sondern enteignet, meine Lebendigkeit nebenan im kleinen Puppenkörper mit der großen Verzweiflung.

Schule der Puppen, theatreworks

Die Garderobe nebenan ist dunkel. Eine Taschenlampe lenkt den Blick über einige Kindheitsfotos, einen Kleiderständer, eine Nähmaschine. Eine Erzählung hebt an, eine queere Performerin erzählt, wie sie mit ihrer Großmutter Kostüme genäht hat und vernarrt in Pippi Langstrumpf war. Zwischen dem Lichterblinken im Dunkel, einer Miniaturprojektion und einer geisterhaften Elektroversion des Theme Songs von Pippi Langstrumpf verwandelt sich die Performerin in ihre Kindheitsheldin. In einem surreal-phantastischen Arrangement tanzt sie im engen Kabuff durch das Publikum.

Es ist ein Sog der Erinnerung: Während sich die fremde Kindheit ganz nah anfühlt, der Tanz von früher bis in die Gegenwart vorspringt, wirken wir Zuschauenden selbst wie Gespenster. Dass in der Erinnerung Vergangenheit und Gegenwart die Rollen tauschen, wird zu einem phantomhaften Erlebnis.

dressingroom, Macromatter

Eine Tonne Kohle hat das KMZ Kollektiv in der Garage aufgetürmt. Im musikalisch begleiteten Spiel mit der Kohle und ihren Schatten teilen die Spieler:innen Anekdoten, Reflexionen, Miniaturen: Seit dem Krieg in der Ukraine importiert Deutschland so viel Steinkohle aus Kolumbien wie noch nie. Wenn die indigenen Bevölkerungen Kolumbiens die Berge als beseelt und von Geistern bewohnt begreifen, importieren wir dann mit der Kohle auch diese Geister nach Deutschland?

Warm wie Kohle, KMZ Kollektiv

Oder ganz anders gelagert: Beim Wandern in den Bergen hinterlassen Gehende oft kleine Markierungen und Wegmännchen für einander, um wichtige Informationen zu teilen oder einfach nur einen Gruß zu senden. Menschen, die sich nie getroffen haben und nie treffen werden, kommunizieren über Steine – KMZ nennt das die „kollektive Kreation eines Weges“ und vielleicht gibt es kein schöneres Bild für diesen gemeinsam bestrittenen Theaterabend.

Warm wie Kohle, KMZ Kollektiv

Träume der Materie #1: Schlafen im Wald heißt die Installation von Naoko Tanaka: eine schräge Leinwand beherrscht die Bühne, der Publikumsbereich von riesigen Spinnennetzen besetzt, ein Scheinwerfer dreht sich um die eigene Achse, blendet das Publikum, beleuchtet die Netze.

Träume der Materie #1: Schlafen im Wald, Naoko Tanaka

In traumwandlerischen Mikrotransformationen verwandelt sich im Film ein Wald in ein Mädchen oder ein Mädchen in einen Wald. Der Titel zeigt schon an, dass das Gespenstische immer auch eine Frage der Perspektive ist: Hier träumt eben der Wald selbst, dass jemand in ihm schläft. Wir träumen nicht, wir werden geträumt: für uns mag das unheimlich sein, für die Wälder ist es vielleicht einfach der Lauf der Dinge.

Träume der Materie #1: Schlafen im Wald, Naoko Tanaka

Die spielerischste Inszenierung des Abends ist Esther Nicklas‘ Pas de Ghosts. In bester Stummfilmmanier, man denke etwa an Buster Keatons The Haunted House, spuken die Objekte hier wie von Geisterhand: Vorhänge wehen, ein Schuh bewegt sich in Eigenregie, aus einer Kiste entflieht ein Handschuh. Als Centerpiece hängt ein Kandelaber aus zusammengesteckten Puppenfragmenten von der Decke.

Pas de Ghost, Theater Textura & Friends

In Schattierung zur queeren Ästhetik in dressingroom, zur postkolonialen Kritik in Warm wie die Kohle und der Verschiebung des Anthropozentrismus in Träume der Materie zeigt sich hier eine andere Facette des Figurentheaters: die ästhetische Freude am selbstzweckhaften Spiel, am Schauer, am Schein.

Pas de Ghost, Theater Textura & Friends

Thing(s) von Neïtah Janzing beschließt den Abend. In einem schwarzen Zelt im Foyer findet eine albtraumhafte Séance statt: Die Performerin, die schwarze Pupillen trägt und anfangs wie ein Medium in den Raum starrt, schenkt uns großzügigerweise einen Shot ein, für den alle nach den vielen Eindrücken dankbar sind. Während sie handgestaltete, tarotartige Karten auf den Tisch legt, erzählt sie eine dunkle Geschichte von einem Gang in dem Wald, in dem die Äste zu Händen werden: Flehen sie um Hilfe? Suchen sie Kontakt? Sind sie gefährlich? Unheimlich in dieser letzten Variation des Abends ist nicht das Jenseitige oder Außerweltliche, sondern die bedrohliche, undurchsichtige Offenheit menschlicher Beziehungen.

thing(s), Neïtah Janzing

Der Weg aus dem Foyer auf die dunkle und nasskalte Greifswalder Straße ist sehr kurz. Obwohl es voller Spuk war, war man im Geisterhaus doch vom Schutz des Ästhetischen gehalten. Man ist zurück in der Stadt, mit ihren wirklichen Gespenstern: Trump wurde wiedergewählt, die Regierung hier zerbricht, und welcher Horror sonst noch als Pushnachricht kommt. Die Schaubude als Geisterhaus hat einerseits daran erinnert, dass es auch die guten Gespenster gibt, die beseelen, die Verbindungen stiften, die uns etwas Wichtiges zu sagen haben. Und andererseits, dass wir auch den gefährlichen und bedrohlichen Gespenstern ins Auge sehen können, ohne uns zu verlieren. 

thing(s), Neïtah Janzing

Sebastian Köthe ist Kulturwissenschaftler am Forschungsschwerpunkt Ästhetik der Zürcher Hochschule der Künste. Seine Bachelorarbeit hat er tatsächlich über Spukhausfilme geschrieben.


In the HAUNTED HOUSE with Sebastian Köthe

Schaubude has transformed into a Haunted House and the haunting reaches farther than we might expect

With Halloween just behind us, I had expected more vampires, ghosts, werewolves — but in this collectively curated performance, the uncanny begins much sooner. The ease with which objects come to life and the ways in which we humans are transformed through encounters with our material environment is, of course, the essential theme of puppet theater, which here is presented as something inherently eerie.

thing(s), Neïtah Janzing

In Haunted House, six Berlin-based artists and collectives present new commissioned works as part of the Theater der Dinge 2024 festival. True to haunted house logic, the peripheral spaces of the theater become central: as a small group, we sneak through a side entrance into the dressing rooms, across the courtyard to the garages, and then approach both the main and smaller stages from the back, ending up in a séance tent in the foyer.

School of Puppets, theatreworks

In School of Puppets by theatreworks, I become a puppeteer myself. The dressing room is populated with dozens of puppets, and one falls to me: an older woman with long, gray hair and a melancholy gaze, barely lifted from the floor. I sit with her before the mirror and, for the first time, place my hand on a puppet’s neck to animate it. As I’ve seen it done many times before, my left hand grasps her left hand, and I begin — or she begins, or we begin—to gesture. In the mirror, I see how her resignation, exhaustion, and frustration intuitively awaken and manifest through small movements.

School of Puppets, theatreworks

Out of the corner of my eye, I catch my own face, completely motionless, drained of all life: a stone, mere matter. All my inner vitality is now embodied in the puppet’s weary head, which hangs with deep despair. I am not possessed but dispossessed, my vitality now residing in this tiny puppet body heavy with sorrow.

The adjacent dressing room is dark. A flashlight illuminates childhood photos, a clothes rack, and a sewing machine. A story begins — a queer performer recalls sewing costumes with her grandmother and being fascinated by Pippi Longstocking. Amidst flickering lights, a miniature projection, and a ghostly electro version of Pippi’s theme song, the performer transforms into her childhood heroine. In a surreal, fantastical arrangement, she dances through the narrow room among the audience.

dressingroom, Macromatter

It’s a current of memory: as this unfamiliar childhood feels near, and the dance from the past leaps into the present, we as viewers feel like specters ourselves. Memory swaps the roles of past and present, creating a phantom-like experience.

Warm like coal, KMZ Kollektiv

In the garage, the KMZ Collective has piled a ton of coal. During a musical performance with the coal and its shadows, the players share anecdotes, reflections, and mini-stories: since the war in Ukraine, Germany has imported more coal from Colombia than ever before. For the indigenous communities of Colombia, the mountains are seen as animate and inhabited by spirits — so do we import these spirits along with the coal?

Warm like coal, KMZ Kollektiv

Or consider a completely different context: while hiking in the mountains, people often leave small markers and cairns to communicate important information or simply to send a greeting to others who pass by. People who never meet connect through stones — KMZ calls this the “collective creation of a path,” perhaps the perfect metaphor for this shared theatrical experience.

Dreams of the Material #1: Sleeping in the Forest, an installation by Naoko Tanaka, features a tilted screen dominating the stage, with giant spider webs stretching across the audience area, and a spotlight rotating around, blinding the audience and illuminating the webs.

Dreams of the Material #1: Sleeping in the Forest, Naoko Tanaka

In the film, a forest gradually transforms into a girl, or a girl into a forest, through subtle dreamlike micro-transformations. The title itself hints that the ghostly is always a matter of perspective: here, the forest itself dreams that someone is sleeping within it. We do not dream; we are dreamed. What may seem uncanny to us might simply be the natural order of things for the forest.

The most playful piece of the evening is Pas de Ghosts by Esther Nicklas. In classic silent film style, reminiscent of Buster Keaton’s The Haunted House, objects appear to move as if by ghostly hands: curtains sway, a shoe moves on its own, a glove escapes from a box. As a centerpiece, a candelabra made of connected puppet fragments hangs from the ceiling.

Pas de Ghost, Theater Textura & Guests

In contrast to the queer aesthetics in Dressing Room, the postcolonial critique in Warm Like Coal, and the decentering of the human perspective in Dreams of Matter, this piece reveals a different aspect of puppet theater: the aesthetic joy in play for its own sake, in spookiness, in illusions.

thing(s), Neïtah Janzing

Thing(s) by Neïtah Janzing concludes the evening. In a black tent in the foyer, a nightmarish séance unfolds: the performer, with blackened pupils and initially staring blankly like a medium, kindly offers us a shot of alcohol, which we gratefully accept after the evening’s many impressions. As she lays out hand-drawn, tarot-like cards, she tells a dark tale of a path through the woods where branches turn into hands: are they pleading for help? Seeking contact? Are they dangerous? The uncanny in this final piece does not come from the supernatural or otherworldly, but from the ominous, unfathomable openness of human relationships.

thing(s), Neïtah Janzing

The exit from the foyer to the dark, cold, and damp Greifswalder Street is very short. Though we were immersed in haunting, we were still held within the safe boundaries of the aesthetic. We’re back in the city, with its real ghosts: Trump has been re-elected, the government here is crumbling, and who knows what other horrors arrive in the form of push notifications. The Schaubude as a haunted house reminded us that there are also good spirits — those that animate us, create connections, and have something important to say. And at the same time, it reminded us that we can look into the eyes of dangerous and threatening specters without losing ourselves.

Sebastian Köthe is a cultural theorist at the Aesthetic Studies research group at the Zurich University of the Arts. He actually wrote his bachelor’s thesis on haunted house films.


»Geisterhaus«
Geisterhaus ist eine Produktion der Schaubude Berlin mit Auftragsarbeiten von Neïtah Janzing, dem KMZ Kollektiv, Macromatter, Naoko Tanaka, Theater Textura and Guests und theatreworks.

Audiodeskription
Felix Koch

Die Recherchephase wurde gefördert aus Mitteln der Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt.