Theater der Dinge 2024. Ein Ausblick auf das Festival mit Tim Sandweg/ A preview of the festival with Tim Sandweg (de/en)

English version below

Die diesjährige Ausgabe des internationalen Festivals des zeitgenössischen Figuren- und Objekttheaters Theater der Dinge stellt Geister in den Mittelpunkt. Die 14 teilnehmenden Theatergruppen und Einzelkünstler*innen aus Bulgarien, Katalonien, Norwegen, der Ukraine, Ungarn und Deutschland präsentieren Werke, in denen Geister sich nicht nur in Objekten manifestieren, sondern auch als Chiffren für private und gesellschaftliche Traumata fungieren.

Unser künstlerischer Leiter, Tim Sandweg, hat mit uns über die Entstehung des Festivalthemas und das Festivalprogramm gesprochen.

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Tim Sandweg: Theater der Dinge, das internationale Festival des zeitgenössischen Figuren- und Objekttheaters beschäftigt sich dieses Jahr mit Geistern. Das Thema ist vor etwas zwei Jahren entstanden, als ich auf Sichtungsreise in Katalonien war und in Tarragona eine neue Arbeit von cabosanroque gesehen habe. Zuschauer*innen, die uns schon etwas länger verfolgen, haben cabosanroque bei unserem Jubiläum im Jahr 2018 schon einmal sehen dürfen. Da hatten wir sie mit ihrer großformatigen Objekt-Sound-Installation I No em va fer Brossa zu uns eingeladen.

Dimonis, cabosanroque, Foto: José Hevia

Und auch in ihrer neuen Arbeit beschäftigen sie sich mit einem katalanischen Autor, nämlich Jacint Verdaguer, einem der wichtigsten Autoren katalanischer Sprache, der im 19. Jahrhundert in Barcelona lebte. Die Installation heißt Dimonis, ist während der Corona-Pandemie entstanden und basiert auf Texten und Tagebucheinträgen von Verdaguer. Dieser war nämlich nicht nur Poet, sondern auch Priester. Und in dieser Profession war er vor allem in den Armenvierteln von Barcelona aktiv und hat an Exorzismen teilgenommen.

Dimonis, cabosanroque, Foto: José Hevia

Ich empfand Dimonis als eine ästhetisch wahnsinnig schöne Arbeit. Ein immersives Eintauchen in einen besonderen Objekt-Sound-Kosmos. Eine Installation, in der wir uns 45 Minuten quasi in der Wohnung von Verdaguer bewegen.

Auch inhaltlich war diese Installation ausgesprochen interessant. Die darin behandelten Texte, die über 100 Jahre alt sind, wirkten erstaunlich zeitgemäß. Im Mittelpunkt stand die Auseinandersetzung mit Körpern. Besessenheit wird darin nicht als individuelles Phänomen verstanden, sondern vielmehr als Ausdruck sozialer Verhältnisse – eine soziale Formung des Körpers. Die Geister, oder in diesem Fall Dämonen, die in der Installation ausgetrieben wurden, wurden als Sinnbilder der sozialen Umstände interpretiert, in denen sich die Menschen befinden. Ganz viele dieser alten Texte hatten aber auch Bezüge zu unserer heutigen Puppenspielkunst. Es ging um die Frage von Machtverhältnissen, von Abhängigkeiten, um die Frage eines Zusammenlebens mit den Dingen und um die Frage, wie Geister in den Dingen leben.

Geisterhaus, Pas de ghost, Foto: Christian Ulrich

Überhaupt ist die Frage nach dem Geist in den Dingen eine sehr puppentheatrale Frage. Im Vorgang der Animation machen wir ja im Grunde nichts anderes als die Belebung von Dingen. Und auch da spielt ja der Geist immer eine Rolle. Es hat sicherlich auch Gründe, warum in der Puppenspielkunst Geister so beliebt sind. Dimonis zeigen wir im Rahmen des Festivals als Deutschlandpremiere. Und ausgehend von dieser Installation hat sich dann das ganze Programm, das ganze Konzept des Festivals entwickelt.

Geisterhaus, dressingroom, Foto: Melanie Bonajo

Dieses Jahr setzen wir eine Idee um, die schon länger in unseren Gedanken reift: eine performative Installation, eine Ausstellung mit mehreren installativen Räumen unter dem Titel Geisterhaus. Dafür bespielen wir sämtliche Räume der Schaubude und arbeiten mit sechs Produktionsteams aus Berlin zusammen. Alle beteiligten Künstler*innen bewegen sich in ihrem Schaffen an der Schnittstelle zwischen bildender und darstellender Kunst. Die Werke setzen sich mit verschiedenen Facetten des Geisterglaubens auseinander. Es entstehen sechs Auftragsarbeiten, allesamt Premieren. Ein spannender Prozess, auf den wir uns sehr freuen, denn es werden ganz neue Arbeiten speziell für das Festival entwickelt.

03:08:38 States of Emergency, Foto: transiteatre

Dann gibt es natürlich auch Gastspiele. Die werden dieses Jahr im Podewil und in der alten Münze stattfinden. Auch die Gastspielproduktionen behandeln verschiedene Facetten von Geistern. Hier geht es vor allem um Fragen von gesellschaftlichen Traumata. Traumata lassen sich auch als Geister verstehen – gesellschaftliche Zustände oder Ereignisse, die nie wirklich aufgearbeitet wurden, die unterschwellig weiter schwelen, immer wieder an die Oberfläche dringen und plötzlich wie ein Geist oder eine Heimsuchung ins Bewusstsein der Öffentlichkeit treten. Ich denke da vor allem an die Produktion aus Norwegen, wo es um den Breivik Anschlag von 2011 geht. Ein Beispiel für ein gesellschaftliches Traumata, das weitere rechtsextreme Anschläge nach sich gezogen hat.

Die Filifjonka, die an Katastrophen glaubte, Foto: Gergana Damyanova

Es geht aber auch um andere Themen, wie die Suche nach dem eigenen Ort, um Fluchtgeschichten und Fluchterfahrungen. Es dreht sich um Zerstörung und Wiederaufbau sowie um die Ängste, die Menschen – in diesem Fall verkörpert durch Muminfiguren (Die Filifjonka, die an Katastrophen glaubte) – haben, die vielleicht unerklärlich, aber dennoch präsent sind. Eröffnet wird das Festival mit Mitzie’s Mensch, einer Koproduktion mit dem Berliner Puppenspieler Ariel Doron. Dabei geht es ebenfalls um die Frage nach unsichtbaren Realitäten.

Wir freuen uns, wenn Sie dabei sind. Das Programm ist jetzt online. Und wir sehen uns dann im November.

Festivalprogramm / festival programme
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ENGLISH

This year’s edition of the international festival of contemporary puppet and object theater Theater der Dinge turns its gaze toward the figure of the spirits. The 14 participating theater groups and individual artists from Bulgaria, Catalonia, Norway, Ukraine, Hungary and Germany present works in which spirits not only manifest themselves in objects, but also function as ciphers for private and social traumas.

Geisterhaus (Haunted House), Thing(s), Foto: Neïtah Janzing

Tim Sandweg: Theater der Dinge, the international festival of contemporary puppet and object theater, is focusing on spirits this year. The theme has manifested itself about two years ago when I was on a sight-seeing trip to Catalonia and saw a new work by cabosanroque in Tarragona. Viewers who have been following us for a while have already seen cabosanroque at our anniversary in 2018. We invited them with their large-scale object-sound installation I No em va fer Brossa.

And in their new work, they also focus on a Catalan author, namely Jacint Verdaguer, one of the most important Catalan-language authors who lived in Barcelona in the 19th century. The installation is called Dimonis, was created during the coronavirus pandemic and is based on texts and diary entries by Verdaguer. Verdaguer was not only a poet, but also a priest. And in this profession, he was particularly active in the slums of Barcelona and took part in exorcisms.

Dimonis, cabosanroque, Foto: José Hevia

I found Dimonis to be an aesthetically incredibly beautiful work. An immersive dive into a special cosmos of objects and sound. An installation in which we virtually move around Verdaguer’s apartment for 45 minutes.

This installation was also extremely interesting in terms of content. The texts it dealt with, which are over 100 years old, seemed surprisingly contemporary. The focus was on the examination of bodies. Possession is not understood as an individual phenomenon, but rather as an expression of social conditions – a social shaping of the body. The spirits, or in this case demons, that were exorcized in the installation were interpreted as symbols of the social circumstances in which people find themselves. However, many of these old texts also had references to our modern-day puppetry. It was about the question of power relations, the question of dependencies, the question of living together with things and the question of how spirits live in things.

Dimonis, cabosanroque, Foto: José Hevia

In general, the question of the spirit in things is a very puppet-theatrical question. In the process of animation, we basically do nothing other than animate things. And the spirit always plays a role there too. There are certainly reasons why spirits are so popular in puppetry. We are showing Dimonis as a German premiere as part of the festival. And the whole program, the whole concept of the festival has developed from this installation.

Geisterhaus, Pas de ghost, Foto: Christian Ulrich

This year we are realizing an idea that has been maturing in our minds for some time: a performative installation, an exhibition with several installative spaces under the title Geisterhaus (Haunted House). We will be using all the rooms of the Schaubude and working together with six production teams from Berlin. All participating artists work at the interface between visual and performing arts. The works deal with various facets of the belief in ghosts. Six commissioned works will be created, all of them premieres. An exciting process that we are very much looking forward to, as completely new works are being developed especially for the festival.

Geisterhaus, dressingroom, Foto: Melanie Bonajo

Then, of course, there are also guest productions. These will take place at the Podewil and the Alte Münze. The guest productions also deal with different facets of spirits. The main focus here is on questions of social trauma. Traumas can also be understood as ghosts – social conditions or events that have never really been dealt with, that continue to smoulder subliminally, that repeatedly rise to the surface and suddenly enter the public consciousness like a ghost or a haunting. I’m thinking in particular of the production from Norway about the Breivik attack in 2011. An example of a social trauma that has led to further right-wing extremist attacks.

03:08:38 States of Emergency, Foto: transiteatre

But it also deals with other themes, such as the search for one’s own place, stories of flight and experiences of flight. It revolves around destruction and reconstruction as well as the fears that people – in this case embodied by Moomin figures (The Filifjonka, who believed in disasters) – have, which may be inexplicable but are nevertheless present. The festival opens with Mitzi’s Human, a co-production with the Berlin puppeteer Ariel Doron. It also deals with the question of invisible realities.

We look forward to seeing you there. The program is now online. And we’ll see you in November.

Festivalprogramm / festival programme
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#theaterderdinge2024