Unser Zuhause, der Duft des Pfannkuchens. Barbara Szirakis Resonanz zu THERE IS A NOISE von Hestnes / Popović

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Heimweh, wonach?
Wenn ich „Heimweh“ sage, sag ich „Traum“.
Denn die alte Heimat gibt es kaum.
Wenn ich Heimweh sage, mein ich viel:
Was uns lange drückte im Exil.
Fremde sind wir nun im Heimatort.
Nur das „Weh“, es blieb.
Das „Heim“ ist fort.

– Mascha Kaléko 

Die Eltern meines Mannes verließen Klausenburg. Sie flohen mit ihren vier kleinen Kindern aus der blutigen Diktatur von Ceaușescu. Sie verließen die Stadt, in der sie Haus, Verwandte und Freunde hatten. Wo sie ihren Beruf ausübten, wo sie das Leben kannten und wo sie von anderen auch gekannt wurden. Sie haben nie wieder ein Zuhause gefunden. Sicherheit schon, Schule und Zukunft für die Kinder. Die Stadt, wo sie zu Hause waren, existiert wohl, aber alles, womit sie verbunden waren, ist in der Zeit versunken.

Wir treten ein und der Geruch frisch gebackenen Kuchens strömt in unsere Nasen und öffnet uns die Tür zu unseren intimen Kindheitserinnerungen. Fast wie kollektive Erinnerungen werden da Bilder wachgerufen. Was passiert aber mit den individuellen Schicksalen, da wo der Zeitgeist durch Panzer verkörpert wird, die durch die Gärten ziehen?

Die beide junge Performerinnen sitzen mit dem Publikum zusammen an einem riesigen Tisch, wo auf der weißen Tischdecke viele viele Plastikspielfiguren — kleine Scharfschützen, Hubschrauber, Soldaten  — chaotische Kriegszenen darstellen. Sie backen Waffeln, für uns, für das Publikum. Eine erzählt, dass sie gerade das Tagebuch ihrer Großmutter gefunden hat und liest ein paar Passagen daraus vor. Die beiden sinnieren über die Biografien ihrer Vorfahren, die von Kriegen geprägt sind. Obwohl diese Biogafien geografisch getrennt sind — die eine Familie aus Bosnien, die andere aus Norwegen — stellen sie in kleinen Figurierungen Ähnlichkeiten fest. So findet man in den Fotoalben beider Familien die gleiche Pose und Szene: das eine Foto der Rom-Reise der Großeltern, wie sie auf einer großen Piazza vor einer Kirche stehen, die Tauben fliegen hoch, wie aus einem Fellini-Film. Die eine Performerin erzählt dann mehr über ihre eigene Fluchtgeschichte aus Bosnien nach Norwegen. Während einer Erzählung, wieder etwas eigentlich ganz Kleines, bricht einmal kurz gefühlt die Welt zusammen: Wir lauschen noch der Erzählung, wie sie und ihr Bruder so eine Art Panini-Stickeralbum von einer Familie erhalten haben, die ihnen Unterschlupf gewährt hat. Tiere der Savanne konnte man mit diesen Stickern sammeln —Nilpferde, Giraffen,… Sie erzählt weiter als wäre nichts, doch wir verstehen kein Wort, weil ein lauter Drohnen-artiger Klang alles übertönt und den Raum zum Erzittern bringt. Dann klingt es wieder ab. Ist das gerade wirklich passiert?

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Rund um den Tisch sehen wir uns sitzend, als Teil der Szenerie; wir sind involviert, wir sind ein Teil der gemeinsamen Geschichte. Sind wir?

Banja Luka. Was fällt dir ein, wenn du den Namen hörst? Dir vielleicht nichts, mir vielleicht mit Mörser befeuerte verlassene Familienhäuser neben der Landstraße, unterwegs, fünfzehn Jahre nach dem Krieg. Für viele andere war der Ort das Zuhause, das sie verlassen mussten.

Was ist mit meinem Leben passiert? Wo ist meine Zuhause? Die Jahre sind vergangen und ich habe mein Leben jetzt anderswo. Die wahre Heimat ist kein Ort, auch keine Ortschaft, sondern die Zeit. Die Zeit, in der wir ein Zuhause haben. Zuhause ist kein Wo, sondern Wann.

Text: Barbara Sziraki, studierte Filmwissenschaftlerin und Übersetzerin Deutsch-Ungarisch, die zum Thema ‚Kaputt‘ sagt: „Mein neues Leben basiert auf den Ruinen meines alten Lebens. Es ist aber besonders wichtig die eigene Ruinen zu haben, nicht die Ruinen von Anderen weiter zu flicken.“

Stückbeschreibungen teilweise ergänzt von Beate Absalon.
Foto: Sebastian Köthe


There is a noise
Biografisches Erzähltheater von Hestnes/Popović (Norwegen). Vorstellungen im Rahmen von Theater der Dinge: am 27. und 28.10.2019 im Feld Theater für junges Publikum.

Gefördert von: Fritt Ord
Unterstützt von: Norwegian Theatre Academy
Regie, Spiel, Text, Dramaturgie: Freya Sif Hestnes, Marina Popović
Sounddesign: Marianna Sangita Røe

Gastspiel mit freundlicher Unterstützung durch Performing Arts Hub Norway und dem norwegischen Ministerium für auswärtige Angelegenheiten.

 

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