Eine Installation von Jonathan Schmidt-Colinet und Cali Kobel.
Januar 2024 bis Oktober 2024 in den Schaufenstern der Schaubude Berlin.


„Von Außen gesehen ist das der Anfang“ ist der Titel eurer Ausstellung in den Fenstern der Schaubude Berlin. Wie seid ihr auf die Idee zu dieser Ausstellung gekommen? Was bedeuten für dich als Künstler*in die Aspekte von „Außen“ und „Anfang“?
Schon als ich anfing darüber nachzudenken, was ich mit dem Schaufenster machen will, fand ich spannend, dass die Ausstellungssituation zwei Seiten hat, also, dass es ein Draußen und ein Drinnen gibt mit dem Foyer auf der einen und der Straße auf der anderen Seite. Dass die Betrachter*innen unterschiedliche Perspektiven auf eine Sache haben, Unterschiedliches sehen bzw. nicht sehen und teilweise auch selber Teil des Bildes der jeweils anderen Betrachter*innen werden – damit wollte ich arbeiten.
Ich habe mich im Rahmen einer vorherigen Arbeit (“B ch/K rpr La d ha t”) u.a. mit Landschaft beschäftigt und inwiefern diese als Interaktion begriffen werden kann, anstatt als Bild oder als etwas Statisches. Da ging es auch um die Performativität des Blickes und um Fragen wie etwa: Was erkenne ich? Was ordne ich wie ein? Wie kann eine Umordnung entstehen…?
Diese Themen habe ich mit in die Arbeit mit dem Schaufenster genommen. Außerdem wollte ich eine Praktik weiterverfolgen, mit der ich bei diesem vorherigen Projekt gearbeitet hatte, dem Sticken in bestehende (Landschafts-)Bilder, an die ich immer noch Fragen habe: Was bedeutet eine solche Veränderung bestehender Bilder? Wie kann ich meinen Blick sichtbar machen? Wie ändert sich dadurch der Blick der Betrachter*innen…? So gesehen war die Schaufenster-Arbeit eine Weiterführung und kein Anfang.

Als ich für die Recherche dann Zeit an der Straßenecke der Schaubude verbracht habe, ist mir aufgefallen, dass sich die Straße und die Häuser in den Fenstern spiegeln und sich über den Blick ins Foyer legen. Erst dachte ich kurz “witzig, dann sehe ich ja das, was die Leute im Foyer von innen sehen” und danach ist mir aufgefallen, dass das ja gar nicht stimmt. Ich fand es spannend, dass ich mir den Blick der Menschen von innen vorgestellt hatte.
Mit all dem wollte ich arbeiten – Unterschiedliche Perspektiven, Spiegelung, Durchsicht, was sehe ich, was sehen andere…Im Laufe der Arbeit habe ich gemerkt, dass es mir wichtig war, dass es nicht einen Standpunkt gibt, von dem alles zu sehen ist und von dem man alles versteht.
Wie würdest du eure Installation beschreiben?
spielerisch, kontemplativ, einladend, witzig
In welchem Zusammenhang stehen die beiden Teile der Ausstellung für dich?
Beide thematisieren das Innen und Außen und die Unvollständigkeit der eigenen Perspektive. Die linke Seite (ohne Foto) ist für mich auch eine Weiterführung der rechten Seite.
Wie seid ihr auf die Materialien gekommen? Wie seid ihr bei der Umsetzung vorgegangen?
Ich habe mit unterschiedlichen Papieren, Garnen und Fotos, die ich an der Straßenecke der Schaubude gemacht habe, experimentiert und untersucht, was passiert, wenn ich auf unterschiedliche Weise in die Fotos hineinsticke, wenn ich verschiedene Fotos und Materialien für Vorder- und Rückseite verwende, wenn ich Teile ausschneide? usw..
Aus dieser Auseinandersetzung sind unterschiedliche Ideen und Entwürfe entstanden, die ich mit Cali besprochen habe. Zusammen haben wir uns dann für den Entwurf mit dem Fotodrucken links und der weissen Fläche rechts entschieden. Anschließend haben wir nach Materialien für die „große Umsetzung“ recherchiert. Das Material sollte ähnliche Eigenschaften haben, wie das Papier und das Garn, mit dem der Entwurf entstanden ist. Das eine glatt, matt, lichtdicht, fest und das Garn im Kontrast dazu weich und “warm”.









Was war überraschend für dich?
Die maßstäbliche Verschiebung vom kleinen Entwurf zum großen Material war für mich spannend. Im Kleinen war es für mich einfacher, intuitiv vorzugehen. Bei den großen Formaten musste ich immer wieder Abstand nehmen, um mir das Ganze von weiter weg anzuschauen. Das hat den Prozess verändert. Die Wirkung ist auch eine völlig andere in dieser Größe – ich setzte meinen Körper ganz anders in Bezug zu den Objekten.
Die Arbeit war auch körperlich viel anstrengender – mir ist aufgefallen, dass mir immer warm war, während ich im Foyer gearbeitet habe und andere kommentiert haben, wie kalt es dort sei.
Überraschend war für mich auch, wie gut – von draußen gesehen – die Doppelung des Bildes der Haus-Spiegelung und der tatsächlichen Haus-Spiegelung im Fenster funktioniert. Also, wie gut man erkennt, dass es sich um dasselbe Haus handelt und wie viel Spaß es macht, die beiden Formen in Beziehung zueinander zu setzen. Das haben wir uns zwar so vorgestellt, aber wir konnten es nie so richtig planen und es macht wirklich viel großen Spaß, finde ich.

Welche Erfahrungen hast du beim Einbauen der Installation gemacht? Wie hast du dabei das Drinnen und Draußen wahrgenommen?
Während der Arbeit in den Fenstern war es auch schön immer wieder Passant*innen zu sehen, die sich die Arbeit anschauen und damit spielen.

Beim Einbau ist mir außerdem besonders die akustische Erfahrung aufgefallen, die man hat, wenn man die Position zwischen Foyer und Straße wechselt, und die zu einer unterschiedlichen “Draußen”- und “Drinnen”-Erfahrung beiträgt. Die Ebene hatte ich in der Planung gar nicht bedacht und sie gefällt mir sehr gut.
Was erhoffst du dir von denen, die eure Ausstellung sehen?
Ich hoffe, dass sie eine spannende Seherfahrung machen, und Lust bekommen, unterschiedliche Standpunkte einzunehmen und vielleicht ins gemeinsame Spielen kommen.
Danke für eure Arbeit! Danke für das Spiel mit den Perspektiven.
Eine Ausstellung von:
Jonathan Schmidt-Colinet realisiert in unterschiedlichen Arbeitskonstellationen Performances und Installationen. Sein künstlerischer Ansatz ist stark geprägt von einer Auseinandersetzung mit Raum und Objekten und deren Befragung nach performativem Potential sowie einer spielerischen Lust an maßstäblichen Verschiebungen, Perspektivwechseln und damit einhergehenden Imaginationsprozessen. In letzter Zeit spielt dabei auch vermehrt die Frage nach gesellschaftlich-politischer Teilhabe eine Rolle, etwas bei “The Art of Protest (Beginners)” (zusammen mit ASJA, Implantieren Festival 2022/23) und “Nein, einfach Nein” (Studio NAXOS 2021).
Jonathan absolvierte das gestalterische Propädeutikum an der Zürcher Hochschule der Künste, studierte Bühnenbild an der UdK Berlin und Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen. Seine Arbeiten waren bisher zu sehen u.a. am Stadttheater Gießen, Landestheater Marburg, Schlosstheater Moers, Künstler*innenhaus Mousonturm und Studio NAXOS in Frankfurt am Main und an der Schaubude Berlin.
Cali Kobel (they/them) ist freischaffende*r Performer*in mit interdisziplinärem Profil. Kontinuierlich forscht they an einer eigenen performativen Ästhetik, in der sich unterschiedliche Aspekte aus Tanz, Musik, Masken-, Schau- und Puppenspiel, Objekt- und Materialtheater und Stimme als Phänomen begegnen und gegenseitig anstiften. Calis künstlerische Arbeit durchzieht das Hinterfragen und Offenlegen von gesellschaftlichen Konventionen aus einer queeren & intersektional feministischen Perspektive. Dabei ist ein grundlegender Ausgangspunkt häufig ein wahrnehmungsorientierter Ansatz, wobei they stets an einem Perspektivwechsel und absurden Formen der Abstraktion interessiert ist.
Cali studierte Musik- und Medienwissenschaften und Kunst- und Bildgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin, später zeitgenössische Puppenspielkunst an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ und parallel Tanz, Kontext und Choreografie am Hochschulübergreifenden Zentrum Tanz Berlin und nahm am Bildungsjahr Tanz bei Seneca intensiv teil. Zuletzt stand Cali mit der Produktion „Blasse Tinte, blauer Tag“ im Theater Pfütze in Nürnberg und mit „Restworld“ im Theater Heidelberg auf der Bühne und hat 2023 als Flausen Stipendiat*in zu „PostFemaleBodies“ in Oldenburg und „Layers Of Intimacy“ in Augsburg geforscht.

























