Über die Memoiren der Holocaust-Überlebenden Irene Grumach-Shirun und die Verbindung zu unserer Eigenproduktion BÄR. EIN ZEITZEUGE ERZÄHLT. Tim Sandweg im Gespräch mit Autorin Jill Levenfeld (DE/EN)

Im Jahr 2009 lernten sich Jill Levenfeld und Irene Grumach-Shirun kennen. Bis zu Irenes Tod im Jahr 2021 trafen sie sich regelmäßig im Altenheim Beit Moses in Jerusalem. Im Jahr 2018 begann Jill Levenfeld, die Lebenserinnerungen von Irene Grumach-Shirun aufzuschreiben. Diese Aufzeichnungen bildeten die Grundlage für die Schaubude-Produktion „Bär. Ein Zeitzeuge erzählt“.

Inszenierungsfoto von „Bär. Ein Zeitzeuge erzählt“, Foto: Luise Ehrenwerth

Tim Sandweg: Wie haben Sie Irene Grumach-Shirun kennengelernt und wie haben Sie zu ihr eine Beziehung aufgebaut?

Jill Levenfeld: Unsere Beziehung begann 2009 dank Amcha Israel, einer gemeinnützigen Organisation, die in Israel lebenden Holocaust-Überlebende sozio-psychologische Unterstützung anbietet. Als ich Irene begegnete, war sie gerade dabei, mit ihrer kürzlichen Beinamputation, ihrer Krebserkrankung und ihren Depressionen zurechtzukommen, während sie ihr Leben im Rollstuhl meisterte.

Ich hatte die umfangreiche Ausbildung bei Amcha als Freiwillige absolviert und begann, Irene wöchentlich zu treffen. Innerhalb der ersten neun Jahre (2009-2018) bauten wir eine innige Beziehung auf. Irenes Laune verbesserte sich, wenn ich zu Besuch kam, da sie sich sonst ziemlich allein auf der Welt fühlte. Sie hatte weder Kinder noch Enkelkinder und war seit neun Jahren verwitwet, als wir uns kennenlernten. Sie war gerade dabei, das Archiv ihres Vaters Ernst Grumach in Ordnung zu bringen. Innerhalb dieses Prozesses wurde ihr klar, dass sie eine eigene Geschichte zu erzählen hatte. Im Jahr 2018 begannen wir dann mit dem Schreibprozess ihrer Memoiren.

Irene Grumach-Shirun als junges Mädchen

Tim Sandweg: Wie würden Sie Irene beschreiben? Was für ein Mensch war sie?

Jill Levenfeld: Irene war eine intellektuelle und akademische Person, ein Mensch, der ein großes Herz für seine Mitmenschen besaß. Sie schätzte ihr familiäres Erbe enorm, insbesondere folgte sie dem Credo ihres Großvaters, das Leben durch die Linse der „Bildung“ zu erleben und zu sehen. Sie glaubte, dass es bei der Bildung nicht nur um das Lernen geht, sondern darum, was man aus dem Gelernten macht und wie man ein würdiges Leben führt. Das ist für mich der Kern dessen, was Irene ausmachte. Sie sagte mir einmal: „Ich fühle mich als Teil eines Bildungsbürgertums, das Bildung als einen Wert betrachtet, den es zu bewahren gilt. Das ist es, wonach ich mich sehne – es war ein integraler Bestandteil meiner Kindheit und meines familiären Umfelds. Doch als der Krieg begann, hörte das alles auf.“

Zeichnung von Irenes Mutter, mit Irene und Bärchen an ihrer Hand

Irene litt am Überlebensschuld-Syndrom und trug dementsprechend den Stress der vorangegangenen Generation mit. Für Irene drückte sich dieser Stress in einem Kampf aus, ihre eigene Stimme zu finden. Seit ihrem siebten Lebensjahr kämpfte sie mit Depressionen. Trotz alledem fand sie die Fähigkeit zu Empathie, Fantasie und ständigem Lernen. Für mich ist das der Inbegriff von Hoffnung. Ich fand es bemerkenswert, dass sie es geschafft hat, trotz aller Widerstände am Leben festzuhalten.

Tim Sandweg: Im Jahr 2018 begann Irene, Ihnen ihre Memoiren zu erzählen, und Sie begannen, ihre Biografie niederzuschreiben. Können Sie uns mehr über den Prozess des Erinnerns und Schreibens berichten?“

Jill Levenfeld: Wir haben uns auf einen sehr kraftvollen Prozess des Memoirenschreibens als Erzählerin und Schreiberin eingelassen und uns zweieinhalb Jahre lang regelmäßig getroffen. Das Erzählen und Aufschreiben war von Wahrhaftigkeit und Vertrauen, Verletzlichkeit und Zuverlässigkeit geprägt.

Irene Grumach-Schirun und Jill Levenfeld bei einem gemeinsamen Treffen während der Corona Pandemie

Als Irene ihre Geschichte erzählte, begann sie, ihre Vergangenheit klarer zu verstehen und entwickelte den Mut, sie auszusprechen. Durch unseren Schreibprozess wurde Irene mit dem Trauma ihrer Kindheit im Krieg konfrontiert. Sie hielt oft inne und reflektierte (von ihren eigenen Erinnerungen überrascht), während sie über ihren tiefen Verlust, die Dunkelheit ihres Leidens, ihre verletzliche Beziehung zur Familie, ihre Lebenswerte und ihre Liebe zum Lernen sprach. Das bloße Erzählen ihrer Geschichte befreite sie von ihrer Vergangenheit. Es reparierte den „Riss“ in Irenes beschädigtem Leben. Sie sagte mir bei vielen Gelegenheiten, wie therapeutisch der Prozess war, und dass sie dankbar dafür war, dass ich Zeugin ihrer Geschichte werden wollte. Überraschenderweise wurde sie Zeugin ihrer eigenen Erzählung, bei der sie Schicht um Schicht Erinnerungen ihres Lebens aufdeckte und Geschichte(n) freilegte.

Wir entwickelten unsere eigene Dynamik des Erzählens und Zuhörens. Sie beschrieb, ich schrieb und Irenes Memoiren verwandelten sich in dieses lebendige Zeugnis, das von der Größe ihres Lebens zeugt.

Tim Sandweg: Wir können in unserer Theaterproduktion nur einen kurzen Teil von Irenes Leben behandeln: Wir werden uns auf ihre Kindheit während des Dritten Reiches in Berlin konzentrieren. Wie hat sich diese Zeit auf Irenes weiteres Leben ausgewirkt?

Jill Levenfeld: Irene trug das Trauma des Krieges durch ihr ganzes Leben. Sie trug nicht nur ihr eigenes Trauma mit sich, sondern auch das ihres Vaters Ernst Grumach, der den Verlust von über 20 seiner Kolleg*innen hinnehmen musste, die alle in Auschwitz umkamen. Er, ausgebildeter Altphilologe, wurde während des Krieges von den Nazis gezwungen, die eine Million geraubter Bücher aus privaten und öffentlichen jüdischen Bibliotheken in ganz Europa zu katalogisieren. Sie zwangen ihn dazu, über 20 jüdische Akademiker*innen für sein Team auszuwählen. Er hoffte, dass diese Zwangsarbeit ihnen das Leben retten würde, doch sie wurden ermordet. Für ihren Tod trug er die Schuld und Scham, was sich auf Irene übertrug. Schon als junges Mädchen war sie durch das transgenerationale Trauma belastet, das sie für den Rest ihres Lebens erdrücken sollte.

Zeichnung von Irene, von ihrer Mutter

Tim Sandweg: Der Teddybär, der auch der Protagonist unserer Theaterproduktion ist, hat Irene ihr ganzes Leben lang begleitet. Welche Rolle spielte der Bär in Irenes Leben und hat er sich im Laufe der Jahre verändert?

Jill Levenfeld: Wenn man sich an Irene erinnert, erinnert man sich an ihr Bärchen und an ihre Liebe zu Büchern. Irene schätzte die besondere Verbindung, die sie mit ihrer Oma Rika hatte. Sie las ihr ein Buch nach dem anderen vor.

Eine Zeichnung von Irenes Mutter, die Irene in ein Buch völlig vertieft zeigt

Tragischerweise wurde ihre geliebte Oma im Juli 1943 von Nazi-Soldaten deportiert. Direkt vor den Augen von Irene, die Bärchen in den Armen hielt. Es war ein Trauma, das sie ihr ganzes Leben lang verfolgte, doch während des Schreibens ihrer Memoiren erinnerte sich Irene daran, dass das Umarmen von Bärchen, als ihre Oma deportiert wurde, ihr tatsächlich geholfen hatte zu trauern. Hier ist ein kurzer Einblick in die Erinnerungen der 6-jährigen Irene von diesem Ereignis:

Jill Levenfeld vor der Sicherheitstür im Innenhof von Irenes ehemaligem Zuhause in der Schlüterstraße 53 in Berlin

„Sie kamen, um Oma abzuholen. Ich erinnere mich, dass ich im Wohnzimmer spielte, als ich die Stimme eines Mannes hörte: „Hier lebt Rika Grumach, geborene Mendelsohn; DIE WOLLEN WIR HABEN.“ – Ich wusste, dass dies das Ende war. Oma kam schon in ihrem Mantel heraus, und wir verabschiedeten uns. Ich erinnere mich an keine Tränen. Ich nehme an, meine Mutter brachte Oma zum Lastwagen der Nazis, der draußen stand, und ich wurde allein gelassen. Ich versuchte zu trauern und eine kleine Zeremonie abzuhalten, aber ich wusste nicht, wie ich es anstellen sollte. Also verwarf ich diese Idee, nahm Bärchen, und ging zurück zum Spielen.“

Die sechsjährige Irene verstand instinktiv die Macht des Spielens – in einem parallelen Raum mit ihrem geliebten Bärchen – während sie sich eine andere Realität ausmalte, die von ihrem Trauma ablenkte.

Bärchen vor der Sicherheitstür im Innenhof der Schlüterstraße 53 in Berlin

Und Bärchen setzte seine Rolle als Lebensgefährte fort, wich ihr nie von der Seite und beschützte und tröstete sie ihr ganzes Leben lang.

Irene an ihrem Geburtstag. Auf dem Bett hinter ihr sitzen Bärchen und Familie.

Jill Levenfeld ist Gruppenleiterin, Pädagogin, Yogalehrerin, Autorin und Aktivistin. Sie arbeitet für viele verschiedene Initiativen, Projekte und Non-Profit-Organisationen. Jill Levenfelds größte Inspiration sind die Kinder in ihrem Leben, die sie daran erinnern, verspielt, liebevoll und neugierig zu sein. Genau wie Bärchen.

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(English version)

About the memoirs of Holocaust survivor Irene Grumach-Shirun, a 100-year-old teddy bear and the connection to our own production ‚To Bear Witness. Tim Sandweg in conversation with author Jill Levenfeld

In the year 2009 Jill Levenfeld met Irene Grumach-Shirun. Until Irene’s death in 2021, they met regularly at the Beit Moses retirement home in Jerusalem. In 2018, Jill Levenfeld began recording Irene Grumach-Shirun’s memoirs, which formed the basis for the production „To Bear Witness„.

Tim Sandweg: How did you get to know Irene Grumach-Shirun and how did you establish your relationship?

Jill Levenfeld: Our relationship began in 2009, thanks to Amcha, an organization that provides socio-psychological support to Holocaust survivors living in Israel. When I met Irene, she was learning to live with her recent leg amputation, cancer and depression while navigating life in a wheelchair. 

I had completed Amcha’s extensive training as a volunteer and began meeting Irene weekly. We spent our first nine years (2009-2018) building this very special relationship. Irene’s spirits were lifted when I would come to visit. She had felt quite alone in this world, with no children or grandchildren, having been widowed for nine years when we met. At the time I met her, she was also very intent on getting the archive of her father Ernst Grumach in order. During the process she realized she had a story of her own to tell. In 2018 we began the writing process.

Irene Grumach-Shirun and Jill Levenfeld together at the Grand Café in Jerusalem

Tim Sandweg: How would you describe Irene? What kind of person was she?

Jill Levenfeld: Irene was both cerebral as scholar and academic, alongside her big heart for others. She deeply valued her family legacy, especially her intent on following her grandfather’s life approach – experiencing and seeing life through the lens of „education“. She believed that education is not just about learning. It is what you do with the learning that matters and how to live a worthy life. This to me, is at the crux of who Irene was. She told me this: 

„I feel part of an educated middle class that sees education as a value that needs to be preserved. That’s what I long for – it was an integral part of my childhood and my family environment. But when the war started, that all stopped.”

Drawing of Irene and her mother reading

Irene suffered from survivor syndrome and carried the stress of the previous generation with her. For Irene, this stress manifested itself in a struggle to find her own voice. She was suffering from depression from the age of seven. Despite all of this, she found the capacity for empathy, imagination and constant learning. To me, that is the epitome of hope. I found it remarkable that she managed to cling to life, despite it all.

Tim Sandweg: In 2018 you began to transcribe Irene’s biography. Could you tell us more about the process of remembrance and writing?

Jill Levenfeld: We engaged in a very powerful process of memoir writing as narrator and writer and met regularly for two and a half years. The telling and writing was characterized by truthfulness and trust, vulnerability and reliability.

As Irene told her story, she began to understand her past with more clarity, cultivating the courage for expression. Through our writing process, she came face to face with the trauma of her wartime childhood. She often would stop and reflect on her reflection (quite surprised by her own memories) as she shared her deep loss, her suffering, her vulnerable relationship to family, her life values, and love for learning. The sheer telling of her story released her from her past. It repaired the „rift“ in Irene’s damaged life. She told me on many occasions how therapeutic the process was and that she was grateful that I wanted to witness her story. Surprisingly, she became a witness to her own narrative as I watched her empowered as she uncovered the layers of her life, story by story.

We developed our own dynamic of telling and listening as her story unfolded – she described, I wrote, and Irene’s memoir morphed into this living testimony that bears witness to the greatness of her life.

Cover of Irene’s Memoir, written by Jill Levenfeld

Tim Sandweg: We can only deal with a short part of Irene’s life in our theater production: We will focus on her childhood during the Third Reich in Berlin. How did this time effect Irene’s further life?

Jill Levenfeld: Irene carried the trauma of the war throughout her life. She carried not just her own trauma but the one of her father, Ernst Grumach, who had to face the loss of over 20 colleagues of his who all perished in Auschwitz. He, trained classical philologist, was forced by the Nazis during the war to catalog the one million looted books from private and public Jewish libraries around Europe. They forced him to select over 20 Jewish academics to be part of his team and was hopeful that in this forced labor position perhaps their lives would be saved. But they were murdered and he carried guilt and shame for their death, that Irene took on. Already as a young girl, burdened by the transgenerational trauma that would smother her for the rest of her life.

Jewish Stars that Irene and her father wore.

Tim Sandweg: The teddy bear which is also the protagonist of our theater production accompanied Irene through her whole life. What role did the bear play in Irene’s life and did it change over the years?

Jill Levenfeld: When you remember Irene, you remember Bärchen and her love of books. Irene treasured the special bond she had with her grandma, Rika Grumach. Together they read one book after another and Irene always waited impatiently for the next chapter to come. Tragically, her beloved grandmother was deported by Nazi soldiers in July 1943. Right in front of Irene, who was holding Bärchen in her arms. It was a trauma that haunted her throughout her life, but while writing her memoirs, Irene recalled that hugging Bärchen when her grandma was deported actually helped her to grieve. This is how she recalled the day:

„They came to take grandma away. I remember playing in the living room and hearing a man’s voice: „Here lives Rika Grumach, born Mendelsohn; HER WE WANT.“ – I knew this was the end. Grandma came out in her coat and we said goodbye. I don’t remember any tears. I assume my mother took grandma to the Nazi truck that was outside and I was left alone. I tried to mourn and have a little ceremony, but I didn’t know how to go about it. So I scrapped that idea, took Bärchen, and went back to playing.“

To Bear Witness„, Foto: Luise Ehrenwerth

Six-year-old Irene instinctively understood the power of playing, in a parallel space with her beloved Bärchen, while imagining a different reality Bärchen softened the edges of her world and distracted her from her trauma.

And Bärchen continued his role as her companion, never leaving her side and protecting and comforting her throughout her whole life.

Jill Levenfeld is a group leader, educator, yoga teacher, writer and activist. She works for many different initiatives, projects and non-profit organizations. Jill Levenfeld igreatest inspiration are the children in her life who remind her to be playful, loving and curious. Just like Bärchen.

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Bär. Ein Zeitzeuge erzählt/ To Bear Witness

Nach der Biografie von Irene Grumach-Shirun, aufgeschrieben von Jill Levenfeld

Konzept, Performance: Josephine Hock/ Regie: Hannes Kapsch/ Konzept, Szenografie, Kostüme: Luise Ehrenwerth/ Sound: Sebastian Schlemminger/ Puppenbau: Verena Waldmüller/ Dramaturgie: Tim Sandweg/ Antisemitismuskritische Beratung: Juliette Brungs/ Konzeption Begleitmaterial und Workshop: Iven Hoppe, Susann Tamoszus

Die Konzeption für die Inszenierung entstand im Rahmen des Projektes »Hakara – Transgenerationalem Trauma begegnen« von AMCHA Deutschland e. V. und wurde vom Auswärtigen Amt gefördert. AMCHA Deutschland engagiert sich für die nichtmaterielle, psychosoziale und präventiv ausgerichtete Unterstützung von Holocaust Überlebenden und deren Nachkommen in Israel.