#diskurs: Was passiert, wenn ich den Knopf drücke? / What happens when I press this button? (de/en)

*** English version below ***

Ein Gespräch über Knöpfe, Schalter und ihr partizipatives Potenzial im Bühnenraum mit Friedrich Kirschner, Professor für Digitale Medien im Masterstudiengang Spiel && Objekt an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch, und Tim Sandweg, Künstlerischer Leiter der Schaubude.

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Foto: Friedrich Kirschner

Textauszug, zuerst erschienen in »Der Dinge Stand Zeitgenössisches Figuren- und Objekttheater«, Verlag Theater der Zeit 2018.*

Tim Sandweg: Oftmals spielt in partizipativen Theaterformen ein Schalter eine Rolle, wenn es um Entscheidungen geht.

Friedrich Kirschner: Schalter ist ja nicht gleich Schalter. Der eine schaltet zwischen zwei Zuständen hin und her. Knöpfe, die ja auch Schalter sind, lösen dagegen irgendwo etwas aus. Wir sind es vielleicht gewohnt, dass die Konsequenzen beim Drücken von Knöpfen immens sind, etwa beim Starten von Raketen. Knöpfe verdecken aber meistens die vielen Vorgänge, die durch sie ausgelöst werden. Deswegen ist die Erwartungshaltung so groß: Was passiert, wenn ich den Knopf drücke? Obwohl er eine so einfache Art der Interaktion anbietet, ist mit dem Knopf, je nachdem, wie er dramaturgisch etabliert wird, unglaublich viel möglich.

Ich weiß aber zum Beispiel auch, dass auf der Bühne alle möglichen Dinge passieren, weil jemand »da hinten einen Knopf drückt«. Das blendet man als Zuschauer*in bestenfalls aus, ganz im Sinne der Theorie von der »Willing Suspension of Disbelief«, also die willentliche Aussetzung der Ungläubigkeit: Ich bin bereit zu glauben, was da passiert.

Beim Theater haben wir das, zumindest in Deutschland, auf eine schizophrene Weise. Ich glaube dem Bühnengeschehen, und gleichzeitig weiß ich, dass jemand dort hinten sitzt und zur richtigen Zeit Knöpfe drückt. Das birgt ganz spannende Herausforderungen: Wie kann ich die technischen Vorgänge, die auf der Bühne stattfinden, in einem Bühnenraum erzählen, in dem alles passieren kann, weil jemand Knöpfe drückt? […]

Tim Sandweg: Mittlerweile arbeitet eine ganze Reihe von Produktionen mit Technik als Spielpartner. Mir scheint, je perfekter die Technik wird, desto weniger wird sie miterzählt, da ich den Manipulations- und Spielvorgang nicht mehr sehe – es findet keine konkrete haptische Interaktion mehr statt.

Friedrich Kirschner: Es kommt darauf an, was ich erzählen möchte. Wenn interaktive Medien auf der Bühne als solche sichtbar werden sollen, geht es oft um Ursache-Wirkungs-Ketten: Ich gebe etwas in ein System hinein, und das System gibt mir etwas zurück. Wenn man selber die Person ist, die eingibt, entsteht Spannung: Was passiert, wenn ich hier drücke? Wie funktioniert das? Wenn ich aber jemandem dabei zuschaue, frage ich mich natürlich, was damit erzählt werden soll und ob das Mittel notwendig ist. Das ist dann ein dramaturgischer Unterschied zum partizipativen Kontext. Es wird zwar auch im Theater gerne behauptet, dass sich das Kunstwerk erst im Dialog mit den Betrachter*innen herstellt, aber meist ist das Theater dann doch ein erzählendes Format.

In partizipativen Räumen findet aber ein Erlebnis oder eine Erfahrung statt, und das ist nicht unbedingt eine Erzählung. Ein Knopf, der auf der Bühne gedrückt wird, ist eine komplett andere dramaturgische Frage, als einen Knopf zu haben und ihn vom Publikum drücken zu lassen. […]

*Der Dinge Stand Zeitgenössisches Figuren- und Objekttheater, herausgegeben von Annette Dabs und Tim Sandweg, 2018, kann direkt beim Verlag Theater der Zeit oder in der Schaubude Berlin erworben werden.


What happens when I press this button?

Friedrich Kirschner on buttons, switches and their participatory potential in a stage setting, in conversation with Tim Sandweg. Extract of a contribution in: „The State of Things Contemporary Puppetry and Object Theatre,“ 2018.**

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As a professor of digital media, Friedrich Kirschner heads the Master study course Game & Object at the Ernst Busch Academy of Dramatic Arts. Tim Sandweg is a dramaturg and artistic director of Schaubude Berlin.

Tim Sandweg: In participatory forms of theatre, switches can often be important when it comes to decisions, as well.

Friedrich Kirschner: There are switches, and there are switches. One switches back and forth between two states. But buttons that are also switches trigger something somewhere. Perhaps we’re used to the fact that the consequences of pushing a button are immense, that they launch rockets, for instance.

But buttons usually conceal the many processes that they trigger. That’s why the sense of anticipation is so great – what happens when I press this button? Although it offers a very simple form of interaction, you can do an incredible amount of things with the button, depending on how it’s established dramaturgically.

For example, I know that all sorts of things happen on the stage because someone “back there pressed a button.” Ideally the audience ignores that, in the best sense – the sense of “willing suspension of disbelief;” I am prepared to believe what’s happening here. In theatre we have that in a schizophrenic sense, at least in Germany. I believe what’s happening on the stage, and at the same time I know that someone is sitting behind there and pressing the buttons at the right time. That carries exciting challenges with it: how can I describe the technical processes that happen on stage in a stage space in which anything can happen because someone is pressing buttons?

Tim Sandweg: Now a whole range of productions are working with technology as another performer. It seems to me that the more perfect the technology, the less it contributes to the narrative because I no longer see the manipulative and performative processes – there’s no concrete, tactile interaction anymore.

Friedrich Kirschner: It depends on what I want to say. When interactive media as such are visible on the stage, it’s often related to a chain of cause-and-effect – I enter something in a system and the system gives me something back. When you yourself are the person entering, there’s a tension. What happens when I press here? How does it work? But when I watch someone else doing it, of course I’m wondering what it’s trying to say and whether the means are necessary. So that’s a dramaturgical contrast to the participatory context.

People in theatre like to claim that the work of art only arises in dialogue with the observer, but then theatre is usually a narrative format. In participatory spaces, however, an event or experience happens, and it’s not necessarily a narrative. A button that is pressed on the stage is a completely different dramaturgical issue to having a button and letting the audience press it.


**The State of Things Contemporary Puppetry and Object Theatre, edited by Annette Dabs and Tim Sandweg, Verlag Theater der Zeit, 2018, can be purchased directly at the publishing house or at Schaubude Berlin.

 

 

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