Eine gemeinsame Poesie. Interview zu DAS HIRN IST EIN TAUBENSCHLAG von monsun theater & Cora Sachs

Ein Vorab-Gespräch mit dem Produktionsteam der diesjährigen Eröffnungsinszenierung von »Theater der Dinge« zur Konzeption der Szenografie und weiterer Erzählebenen.

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Ein leibhaftiger Mensch im Puppenkostüm, ein anderthalbstündiger Monolog, ein Ein-Mann-Stück im Zusammenspiel mit zwei Musikerinnen. Besonders an »Das Hirn ist ein Taubenschlag« ist aber auch das Bühnenbild. Für die Vorstellungen am 23. und 24. Oktober wird die Schaubude komplett umgekrempelt: Im normalerweise rund 160 Plätze zählenden Zuschauerraum wird eine 22 Grad schräge Spielfläche aus Holz errichtet; das Theater wird umgedreht, so dass die Zuschauer*innen auf der eigentlichen Bühne sitzen. Der Umbau sowie die Einrichtung von Licht, Ton und Video dauern zwei Tage. Für einen erfahrenen Gastspielort wie die Schaubude ist das viel und macht natürlich neugierig!

Wie habt ihr die szenografischen Ausdrucksmittel entwickelt, was hat euch inhaltlich dazu motiviert?

Kathrine Altaparmakov & Marion Schindler (Bühne, Raum, Licht):
Für uns als Bühnenbildnerinnen war das Schöne an diesem Projekt, dass wir entwerfen konnten, bevor die Stückfassung stand. Wir wussten um die Thematik, hatten aber keine konkrete Geschichte. Darum war es uns wichtig, einen Raum zu konzipieren, in dem viele Setzungen möglich sind und der auch einen Spielraum zwischen Projektionen von der Videodesignerin Mara Wild und dem Darsteller eröffnet, ohne »bloß« Projektionsfläche zu bieten.

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Ausgangspunkt für den Entwurf war die Vorgabe, dass sich das Leben der Hauptfigur hauptsächlich in einer Dachgeschosswohnung abspielt. Wir wollten dies nicht zu sehr bebildern, übernahmen jedoch die schräge Form eines Daches als Spielfläche, da dies auch gut den inneren Zustand der eigenbrötlerischen Figur widerspiegelt, die sich ihr Leben lang an der Außenwelt abarbeitet, aber es nie schafft, sich in diesen Strukturen zurechtzufinden. Die Oberfläche der Schräge bilden Holzplatten, die zum Teil unterschiedlich dick sind, um mehr Struktur zu erzeugen. Hierbei sind unsere Assoziationen neben der eines Daches auch gleichzeitig: ein Fußboden, ein Grundriss einer Wohnung, ein großer Briefbogen, Türen, Abdrücke von Gegenständen, ein Käfig, die Zeitungsspalten von Annoncen, eine Computerplatine etc.

Wir haben es ganz bewusst so entworfen, dass die Bühne viele Freiheiten lässt, unterschiedlich bespielt und inhaltlich besetzt zu werden.

Aus der Anordnung im Raum ergibt sich für die Zuschauer*innen eine Perspektivenverschiebung zum gewohnten Blickwinkel: Im gedrehten Saal, in dem die Gäste dort sitzen, wo normalerweise die Bühne ist, ergibt sich eine Blickrichtung von unten nach oben. Die in der Geschichte recht isolierte, aber von sich sehr überzeugte Figur wird noch stärker in den Mittelpunkt gerückt, erhöht und über die Zuschauer gestellt, so wie sie sich inhaltlich auch über den Dingen und Regeln des sozialen Zusammenlebens sieht. Auch wird hierdurch die Befragungssituation des Stückes unterstrichen, in der der Charakter (endlich) im Fokus der Aufmerksamkeit steht, wenn auch aus unangenehmen Gründen.

Ein Leben, das nicht stattfindet. Mutter und Sohn waren immer auf engstem Raum. Die Außenwelt spielte keine Rolle. Sie gehörten nur sich. Alles um sie herum war im schlimmsten Fall einfach nur böse. Die Mutter stirbt und der gealterte Sohn bleibt zurück. Störung. Einmischung von außen. Der Kokon bricht auf. Adalbert Immenstein – oder: Dr. Immenstein, wie Immenstein sich selber nennt – muss dringend lüften. Aufräumen. Aussortieren. Er muss das Oberstübchen entrümpeln, das er seit zweiundsechzigeinhalb Jahren vollmüllt, wie seine liebe Schwester es nennt, die alte Kuh.

Auszug aus dem Abendzettel zur Inszenierung

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Pablo, was bedeutet der Bühnenaufbau für dich als Darsteller, ganz praktisch, im Spiel?

Pablo Konrad (Spiel):
Grundsätzlich bin ich ein Fan von Bühnenbildern, an denen man sich abarbeiten kann, sprich die erstmal sperrig daher kommen und mit denen man sich erst anfreunden muss. Das 22% Gefälle des Bühnenaufbaus passt da ziemlich gut in dieses Bild.

Stehen, gehen, sitzen, liegen, alles ist anders als auf einer flachen Bühne oder zu Hause und man muss erstmal herausfinden: Wie geht denn das alles auf diesen Brettern?

Das ist eigentlich der schönste Prozess in den Proben: herauszufinden, was da geht. Von der rein körperlichen Herausforderung könnte die Bühne auch gerne noch schräger sein. Ob ich dann allerdings noch Text hervorbrächte, wage ich zu bezweifeln.

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In der Inszenierung spielen Lichtdesign und Projektionen eine wichtige Rolle. Könnt ihr die Umsetzung etwas beschreiben und sagen, was euch bei der Konzeption wichtig war?

Mara Wild (Video):
Die Arbeit an den Videos für die Projektion beginnt erst während der Probenphase. Zuvor standen nur vage Ideen im Raum. Erst in der Probe, also im Zusammenspiel zwischen Bühne, Schauspiel und Musik, entsteht die Vorstellung, welchen Platz das Video im Stück einnehmen soll. Danach richtet sich das Aussehen und der Stil, die Technik und die Stimmung, die die Projektion transportieren soll. Manchmal entstehen auch ganz klare dramaturgische Funktionen so wie bei diesem Stück, wenn in der Verhörsituation die Projektion ein grelles Licht erzeugt.

Nach den Ideen zeichne ich einzelne Trickfilmfragmente, hier Zeichentrick, die ich während der Vorstellung live übereinanderlege und mixe ungefähr so, wie das auch die Musikerinnen auf der Bühne mit ihren akustischen Loops machen.

In der Vorstellung ist die Projektion so wie Schauspiel, Musik und Bühne ein gleichberechtigter Partner; im Spiel begegnen sie sich auf Augenhöhe und entwickeln, mit ihren jeweiligen spezifischen Mitteln, eine gemeinsame Poesie.

Dabei übernimmt immer wieder eine andere Ebene die Führung, manche Szenen sind improvisiert und entsprechen damit der gerade im Raum herrschenden Atmosphäre. Jede Vorstellung wird unterschiedlich. Wie Immenstein sagen würde: Der Laie sieht es nicht, aber er spürt es!

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Der Themenschwerpunkt von Theater der Dinge 2019 ist »Kaputt“. Was ist bei eurer Inszenierung “kaputt“, in welchem Sinne könnt ihr mit dem Begriff etwas verbinden?

Cora Sachs (Regie, Kostüm, Figuren):
Seit ich denken kann, beobachte ich die Welt um mich herum: die Gesellschaft, die einzelnen Menschen, ihre Verhaltensweisen, ihre Beziehungen… und überall entstehen Risse. Kleine oder große. Sie lassen etwas zerbrechen, zerstören oder kaputtgehen.

Diese Beobachtungen – wenn auch sehr subjektiv durch die Augen von Adalbert Immenstein – in einen Theaterabend zu destillieren, sehe ich als Grundlage von unserem Stück. Im kleinen persönlichen Kosmos von Immenstein lässt sich auf das große Ganze schließen. Für ihn ist die ganze Welt, die ganze Gesellschaft kaputt, lächerlich, kurz vor der Auslöschung. Aber je mehr wir als Zuschauer*innen ihn kennenlernen, erahnen wir, wie zerrissen und hilflos er selber ist.

Interview: Katharina Neumann vom Redaktionsteam, Fotos: Baraniak


Das Hirn ist ein Taubenschlag
Maskentheater von monsun theater & Cora Sachs. Vorstellungen bei Theater der Dinge 2019: 23. und 24. Oktober in der Schaubude Berlin.

Text: DITA ZIPFEL, FINN-OLE HEINRICH | Regie, Kostüm, Figuren: CORA SACHS | Spiel: PABLO KONRAD | Bühne, Raum, Licht: KATHRINE ALTAPARMAKOV, MARION SCHINDLER | Musik: CLARA JOCHUM, HANNES WITTMER | Video: MARA WILD | Technik: OLE SCHMETZER | Grafik: KEVIN VISDELOUP | Foto: G2 BARANIAK
Eine Eigenproduktion des monsun.theaters, gefördert von der Behörde für Kultur und Medien Hamburg.

 

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